„Argentinien ist Indigen“
Interview mit dem Mapuche-Sprecher Orlando Carriqueo

Was bedeutet es, Mapuche in Argentinien zu sein, ein Land, das sich in weiten Teilen als weiß und europäisch versteht und das nie den an der Indigenen Bevölkerung verübten Genozid anerkannt hat?
In unserer Auseinandersetzung rund um Territorien und Praktiken in Verbindung mit Genoziden des Staates hinterfragen wir diesen Diskurs eines vermeintlich weißen Argentiniens – Argentinien ist Indigen. In Bariloche und anderen großen Städten Patagoniens nennen sich die Jugendlichen nun mit Stolz Mapuche. Aber noch unsere Eltern und auch wir selbst haben uns geschämt, Mapuche zu sein. Erst die Auseinandersetzung um das Territorium, das wir bewohnen, hat ein Bewusstsein geschaffen. Der Staat hat versucht, diesen Identitätsprozess auszulöschen – der Genozid hat vor 145 Jahren stattgefunden, geschichtlich gesehen wenig Zeit. Unsere Großeltern und Urgroßeltern haben diesen Genozid miterlebt. Meiner Mutter und meiner Tante wurde verboten, in der Schule Mapuzungun zu sprechen. All diese Prozesse haben zu einem Rückzug geführt, dazu, dass wir unsere Spiritualität nicht ausgelebt haben. Aber sowohl in Argentinien als auch in Chile ist es den Mapuche gelungen, die Diskussion in die Gesellschaft zu tragen, sie findet nicht mehr nur zwischen unserem Volk und dem Staat statt. Trotz der Gerichtsurteile gegen uns, der Morde, der fehlenden Anerkennung Indigener Rechte. Das ist ein Erfolg.
Wie ist die Situation in den Indigenen Territorien in Argentinien unter Milei?
In Lateinamerika waren es oft progressive Regierungen, die den Extraktivismus auf Kosten der Menschenrechte umgesetzt haben, auch wenn ihn rechte Regierungen verschärfen. Es geht nicht nur darum, welches Gebiet betroffen ist und wo das Wasser verschmutzt wird, sondern, wohin das Produkt geht. Was ausgebeutet wird, wird konsumiert. In ganz Abya Yala lehnen Indigene Völker Extraktivismus ab. Sie töten uns weiterhin, der Genozid hat nie aufgehört. Diese Situation hat sich in Argentinien unter Milei zwar verschlimmert, aber es geschieht schon seit vielen Jahren. Wir befinden uns in einer Zeit, in der Staaten den Reichtum der multinationalen Konzerne garantieren. Jedes Gesetz, das verhandelt wird, nützt einem bestimmten Sektor. Viele Gesetzespakete in Argentinien haben Anwaltskanzleien im Auftrag des Großkapitals verhandelt. Gleichzeitig werden die Rechte der Rentner, Menschen mit Behinderungen und das Recht auf Bildung, Wissenschaft und Gesundheit beschnitten. Was die feministische Bewegung erkämpft hat, wird rückgängig gemacht, LGBT-Bewegungen und Umweltaktivisten werden kriminalisiert, ganz zu schweigen von den Indigenen Völkern.
In Bezug auf die Indigenen Völker hat die Regierung den Relevamiento de tierras (Gesetz, das Indigenen ihr Territorium garantiert, Anm. d. Red.) beendet und ein Notstandsgesetz aus dem Jahr 2006 aufgehoben. Denn die Indigenen Territorien anzuerkennen, hieße auch, ihre Zustimmung bei extraktivistischen Projekten, die diese Territorien betreffen, einzuholen. Das ist internationales Recht. Sie wissen, dass es keine Zustimmung geben würde und da sie die extraktivistischen Projekte nicht stoppen wollen, verhindern sie diese Beteiligung.
Wir müssen diskutieren, wohin wir uns als Gesellschaft bewegen. Denn diesen Extraktivismus zahlen wir mit Blut und Leben: Sie vergiften das Wasser, die Flüsse, die Umwelt und die Vögel. Es ist für sie kein Problem, zur Profitmaximierung Menschen und Tiere zu töten. Als die neue Regierung antrat, warnte das Mapuche Parlament, dass sie eine Gefahr für die Demokratie und die Republik sein würden. Eine Demokratie, die uns Indigene Völker immer außen vor gelassen hat. Wir waren auch die ersten, die den Staatsterrorismus der Vorgängerregierung unter Alberto Fernández anprangerten.
Was unternehmen Indigene, um in ihren Rechten anerkannt zu werden?
Wir sind in einer komplexen Situation. In der Provinz Río Negro bereitet unsere Organisation ein Verfahren der Anerkennung Indigener Territorien vor, wie es die COIAB (Coordenação das Organizações Indígenas da Amazônia Brasileira, Koordination Indigener Organisationen des brasilianischen Amazonas) tut. Das internationale Recht garantiert nicht nur die Anerkennung Indigener Identitäten, sondern auch der Territorien. Der Relevamiento ging in diese Richtung, diese Prozesse geschahen in Abstimmung mit der Gemeinschaft, die weiß, wie weit ihr Gebiet reich Das Gebiet umfasst 203.000 Quadratkilometer, in denen 180 Mapuche-Gemeinschaften und noch mehr Familien leben. Für sie gilt Indigenes Recht. Seit zwei Jahren arbeiten wir auch an einer Klage gegen den argentinischen Staat wegen des Genozids. Wir möchten damit keinen Gerichtsprozess führen, sondern eine Debatte über die Geschichte des Landes anstoßen.
Was bedeutet der Begriff des Territoriums für dich?
Für uns Indigene Völker ist das Territorium Teil der kulturellen Identität. Territorium hat eine Dimension, die über den begrenzten Raum hinaus geht, es beinhaltet auch die Erde darunter und den Himmel darüber. In diesem Raum entwickelt sich Leben. Wir unterscheiden nicht zwischen lebendigen und toten Wesen, wie die sogenannte westliche Biodiversität. Für uns hat ein Fluss Leben, ein Hügel, ein Stein. Die Menschen, die in dem Territorium leben sind Teil des Territoriums. Deshalb ist die Beziehung zu ihrem Territorium Teil der Identität Indigener Völker und es gibt keine Möglichkeit, außerhalb dieses Territoriums zu existieren.
Wie erlebt ihr die Auswirkungen des Extraktivismus in euren Territorien?
Río Negro und Mendoza liegen im Gebiet der Vaca Muerta, ein extraktivistisches Fracking-Projekt für Öl und Gas auf einem Gebiet, das sich über vier Provinzen erstreckt und beinahe die Größe der Schweiz hat. Das Epizentrum von Vaca Muerta liegt in Añelo in Neuquén, Gebiet der Cachipaí und anderer Gemeinschaften. Auf ihrem Territorium wird Öl gefördert und transportiert. Dies hat wegen der Wasserverschmutzung nicht nur auf die Gemeinschaften, sondern auf die gesamte Gesellschaft dramatischen Einfluss. Für das Fracking werden Chemikalien wie Quarzsand benutzt, um eine Ölquelle in 3.000 oder 4.000 Metern Tiefe zu erschließen. Dafür werden mit hohem Druck die Felsen zerstört. Es entsteht kontaminierter Schlamm, der sich nicht klären lässt. Außerdem gehen mindestens 100 Millionen Liter Süßwasser verloren. Es gibt 2.200 Ölquellen, die mit dieser Technik eröffnet wurden. Das Wasser wird wieder unter die Erde gepumpt und der Ölschlamm auf Deponien gelagert. Im Wasser des Río Negro, der sich mit dem Río Limay vereint und in den Atlantik mündet, wurden 2019 Kohlenwasserstoff, Schwermetalle und Abwasser nachgewiesen, zudem verbotene Agrargifte aus dem Obstanbau. Seitdem hat sich die Aktivität verstärkt.
Dazu kommen die sozialen Einflüsse: Es gibt immer mehr Menschenhandel, Gewalt gegen Frauen und Drogenhandel in der Region. Auch wenn die Arbeiter dort gut verdienen, sind die Lebenshaltungskosten höher als im restlichen Argentinien. Die Projekte werden oft als Rettung dargestellt, weil sie Arbeitsplätze schaffen, aber in Neuquén oder Río Negro sind die Arbeitslosenzahlen höher als im Rest Argentiniens: in genau den Gebieten, die die größte Menge Ressourcen für multinationale Konzerne abwerfen. Argentinien bleibt nur die Verschmutzung.
Was hat das mit Deutschland zu tun?
Indigene Gemeinschaften leben seit 15.000 Jahren in den genannten Gebieten. Wir wussten, wie wir das Leben erhalten und nun verkaufen Konzerne uns ihren Fortschritt als einzige Möglichkeit. Im Angesicht der Klimakrise braucht die Welt unser altes Wissen, um zu überleben und das eigene Leben zu überdenken. Deshalb sind wir auch bis Deutschland gekommen: um Stiftungen und Organisationen zu finden, die uns unterstützen können unsere Kämpfe weiterzuführen. Außerdem möchten wir eine Diskussion anstoßen: Die Investitionen für Extraktivismus kommen von hier, die Produkte kommen hierher zurück, aber die Verschmutzung bleibt dort. Die Mapuche haben keine Gasversorgung, aber unter ihren Häusern verlaufen die Pipelines, über die Gas nach Europa gelangt. Wir bezahlen die Kosten des Fortschritts eines kolonialen Systems. Wir können unser Leben nicht opfern, um ein System zu unterstützen, das alles andere als gerecht ist.
Was würdest du Menschen in Deutschland raten, auch den zahlreichen Migrant*innen aus Lateinamerika, wie können wir uns mit den Indigenen Völkern solidarisieren?
Es hat sich im Laufe der Zeit ein Netzwerk entwickelt, in dem wir gemeinsam arbeiten und Besuche organisieren. Wir könnten Fotoausstellungen machen, einige Genossen fotografieren die Auswirkungen von Vaca Muerta. Es wäre gut, das hier zu zeigen. Fundamental ist, eine Debatte darüber anzustoßen, welche Auswirkungen die Energiewende hat. Lithium ist für sie eine Lösung, aber für uns ist es keine Lösung. Baut die Windparks und Anlagen für grünen Wasserstoff nicht auf unseren Gebieten. Wir können nicht weiterhin Energie-Kolonien sein, weder Abya Yala noch Afrika noch Asien.
Es ist wichtig, die Gesellschaft mitzunehmen, denn in nächster Zeit werden viele Entscheidungen nicht mehr nach durchdachter politischer Diskussion und Analyse getroffen werden, sondern als Reaktion auf eine sich verschärfende Klimakrise. Die Temperaturen steigen, die Erde trocknet aus und Wasser ist die strategischste Ressource der Welt, darum müssen wir sehen, wie wir mit den Plänen, Wasser zu privatisieren, umgehen. Beziehungen und Kontakte sind grundlegend, um diese Botschaften weiterzuverbreiten und Diskussionen zu führen. Wir sollten nicht die Diskussionen zum Klimaschutz von hier über andere Orte stellen. So wie der Extraktivismus globalisiert ist, sollte es auch der Widerstand sein.
Orlando Carriqueo ist Teil der Mapuche Geminschaft Elel Quimun. Er ist Werkén (Sprecher) und Vertreter des Parlaments der Mapuche-Tehuelche, einer Organisation, welche die Interessen von 164 Indigenen Gemeinden in der südargentinischen Provinz Rio Negro vertritt. In seinem Kampf für die Rechte der Mapuche macht er besonders auf Umweltverschmutzung und Menschenrechtsverletzungen durch Fracking-Aktivitäten in Vaca Muerta aufmerksam



