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“ARRIBA PERÚ”

„Ojalá vamos a clasificar.“ Hoffentlich qualifizieren wir uns. Im November war dieser Satz an jeder Straßenecke in Peru immer wieder zu hören. „Ich bin 1990 geboren, noch nie habe ich erlebt, dass Peru bei einer Weltmeisterschaft dabei war. Hoffentlich …“ Nahezu ein ganzes Land ersehnte sich den Traum von der Teilnahme an der WM in Russland 2018. Und so war die Qualifikation in der Ausscheidung gegen den Ozeanien-Vertreter Neuseeland ein landesweites Fest. In weiser Voraussicht hatte die Regierung den 16. November für arbeitsfrei erklärt, sollte sich Peru im Rückspiel in Lima durchsetzen. Die Vorzeichen nach dem 0:0 im Hinspiel waren schließlich gegeben und dass eine durchfeierte Nacht am Folgetag in einen absentismo vom Feinsten münden würde, selbstverständlich. Für die fliegenden Händler*innen war es das Geschäft ihres Lebens: Millionen von Nationaltrikots wurden unter die Leute gebracht, die Billigversionen, denn das Originaltrikot von 80 Euro kann sich die übergroße Mehrheit der 33 Millionen Peruaner*innen nicht leisten. 35.000 Plätze fasst das Nationalstadion in Lima, 600.000 wollten online eins ergattern. Das Los entschied über die Glücklichen. „Viele vergossene Tränen, überschäumende Freude, am Schluss waren viele Peruaner glückselig“, so beschrieb Oscar Rivera gegenüber den Lateinamerika Nachrichten die Atmosphäre nach dem 2:0 Rückspielsieg. „Im Allgemeinen sind wir Peruaner Fußballfans und das erlebte Gefühl hängt davon ab, welcher Generation man angehört. Peruaner älter als 43 Jahre wissen, was es heißt, Peru bei einer WM zu erleben und all die vergangenen Jahre haben wir uns danach gesehnt, vergangene Zeiten wieder zu erleben. Diejenigen zwischen 25 und 40 Jahren sind aufgewachsen inmitten der Geschichten von Peru bei den Weltmeisterschaften, sie haben am meisten gelitten, geweint und diese Qualifikation genossen. Für die unter 25-Jährigen war es quasi ein Geschenk, eine Freude, eine kollektive Euphorie“, erzählt der peruanische Ökonom und Fußballfan aus Arequipa, der Teofilo Cubillas in den 70er Jahren begeistert verfolgt hat und einige seiner zehn Tore bei den Weltmeisterschaften 1970 in Mexiko und Argentinien 1978 in der Kneipe bei Pisco Sour nacherzählt. Auf dem Niveau dieser Mannschaft, die 1975 das einzige Mal in der peruanischen Geschichte Südamerikameister wurde und dabei im Halbfinale in Brasilien mit zwei Cubillas-Toren einen legendären 3:1-Auswärtssieg erzielte, sieht Rivera die aktuelle Mannschaft nicht: „Die Mannschaft von Peru hatte extrem viel Glück in diesem Ausscheidungsprozess, aber man muss anerkennen, dass der argentinische Trainer Ricardo Gareca der Hauptverantwortliche für den Erfolg ist. In der zweiten Hälfte der sich über 18 Spiele erstreckenden Eliminatorias vermochte Gareca den Kader zu ergänzen, die passenden Spieler auszuwählen, zu organisieren und die Gruppe in den Griff zu bekommen, indem er ihr seine Idee und Spielphilosophie einprägte. Er hat sich im Prozess von einigen verdienten Spielern getrennt, wie den in Deutschland spielenden Altstar Claudio Pizarro, den in Peru nicht viele mögen.“

Oscar Rivera sieht die WM-Qualifikation auch als gesellschaftliches Sinnbild: „Peru ist generell im Wandel begriffen, wir haben noch große soziale und wirtschaftliche Probleme, aber es gibt mehr aufrichtige, verantwortungsvolle und loyale Personen, die an Konzepten arbeiten, Träume hegen und an ihrer Umsetzung arbeiten. Das spiegelt sich auch im Fußball wider, in seinen Spielern. Wir hoffen, dass sich diese Tendenz fortsetzt und dass es sich nicht um eine Eintagsfliege handelt, ‚Hoch lebe Peru’“.

 

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