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Asche vom Amazonas

Der Titel von Milton Hatoums Roman, Asche vom Amazonas, verleitet schnell dazu, ihn in die Kategorie Kitsch einzuordnen. Zu klischeehaft sind unzählig ähnlich betitelte Werke von europäischen NaturromantikerInnen. Aber es gibt kaum signifikante Bücher von SchriftstellerInnen aus Amazonien selber. Die Region scheint keine Stimme zu haben, selbst in Brasilien nicht, in dem sich die literarische Produktion vornehmlich auf den industriell hochentwickelten Südosten konzentriert. Sicher, mündlich tradierte Literatur ist in der nördlichen Urwaldregion lebendig erhalten. Doch indigene Mythen und Märchen liest man höchstens den Kindern vor.
Hatoum ist einer der wenigen Schriftsteller, der die Region auf dem internationalen Buchmarkt vertritt. Asche vom Amazonas ist sein dritter Roman. Die Geschichte in Kürze: Der jugendliche Raimundo will Künstler werden. Sein Vater Trajano reagiert auf die „weibischen“ Ambitionen seines Sohnes mit brutaler Härte. Durch einen gezielten Schlag mit einem Ledergürtel trennt er ihm fast die Halsschlagader durch. Raimundo flüchtet, lebt erfolglos als Künstler in London und Berlin. Hier kommt er bei seinem Freund Alex Flem unter, eine Anspielung auf den real existierenden Künstler und Freund Hatoums Alex Flemming, der tatsächlich ein Atelier in Berlin hat. Nur kurze Zeit später erliegt Raimundo einer tödlichen Krankheit und erst auf dem Sterbebett erfährt er, dass Trajano, der patriarchalische Unterdrücker, gar nicht sein Vater ist. Erzählt wird hauptsächlich aus der Perspektive Olavos, dem bescheidenen Freund Raimundos und Beobachter der Familie. Die erzählte Zeit erstreckt sich von Mitte der 1960er bis Ende der 70er Jahre.
Als Kind libanesischer Einwanderer nimmt Hatoum (geboren 1952) im wirtschaftlich unterentwickelten Amazonien eine Sonderstellung ein. Zu einem der bedeutendsten Schriftsteller seines Landes wurde er auch deshalb, weil er das Privileg hatte, in São Paulo und Europa zu studieren. Einerseits ermöglicht ihm seine Zugehörigkeit zur Bildungselite, die gesellschaftlichen Probleme seiner Heimat mit Weitsicht zu erfassen. Gleichzeitig legt Hatoum eine gewisse „Außenperspektive“ nicht ganz ab, aus seiner privilegierten Position heraus schreibt er vornehmlich „über“ statt „aus dem Inneren von Amazonien“ und betreibt an manchen Stellen eine exotische Idealisierung der indigenen Bevölkerung.
Hatoum ist neben Raduan Nassar der zweite bekannte brasilianische Schriftsteller mit arabischem Hintergrund – beide verbindet das Thema der übermächtigen Dominanz des Vaters. Und wie Nassars Roman Das Brot des Patriarchen (1975) hat Asche vom Amazonas – wenn auch nicht frei von Kitsch – eine politische Qualität. Doch was bei Nassar nur als Allegorie verhandelt wird, wird bei Hatoum direkt kritisiert: Asche vom Amazonas ist eine Anklage gegen die Militärdiktatur, gegen die skrupellosen Wirtschaftseliten Brasiliens, die zwischen 1964 und 1985 das Land gleichschalteten. Die Auswirkungen der Diktatur sind bis heute spürbar: Ein korrupter Polizeiapparat, tägliche Verletzungen der Menschenrechte und ein brutales Vorgehen gegenüber Minderheiten. Trajano steht für das autoritäre Regime, er ist zudem Profiteur der Exportwirtschaft Amazoniens und duldet keine Opposition. Die Geschichte von Raimundo, dessen Lebenspläne am Widerstand seines Vaters scheitern, ist zugleich die Geschichte eines zwanzig Jahre lang brutal beherrschten Landes. Die Aufarbeitung der Militärdiktatur läuft in Brasilien äußerst schleppend. Dass Hatoum mit seinem Roman einen Beitrag zur Bewusstwerdung der Geschichte leistet, macht die Qualität des Buches aus.
Saskia Vogel
Milton Hatoum // Asche vom Amazonas // Suhrkamp, //Frankfurt a.M. // 2008 // 298 Seiten // 24,80 Euro.

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