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Atom-U-Boote für die Ölfelder

Nun wird Brasiliens drittes Atomkraftwerk also doch gebaut. Am malerischen Strand südlich von Rio de Janeiro bei dem Städtchen Angra dos Reis wird sich also bald ein weiterer Reaktor erheben, die Landschaft verschandeln und die Umwelt gefährden. Ende Juli hatte zwar die Umweltbehörde Ibama 60 Bedingungen in der vorläufigen Lizenz zum Bau von Angra 3 gestellt, die die staatliche Betreibergesellschaft Eletronuclear vor Baubeginn zu erfüllen habe. Darunter war die Auflage, „eine definitive Lösung für die radioaktiven Abfälle zu finden“. Der Minister für Bergbau und Energie, Edison Lobão, konterte umgehend: „Der Umweltminister, Carlos Minc, sagt uns, dass er brutale Anforderungen stellt, und wir leisten eine tierische Anstrengung, um diese Forderungen zu erfüllen“. Aber Brasilien brauche die Energie – und der Bau werde beginnen, bekräftigte er.
Zum ungelösten Problem der Endlagerung sieht der jüngste Vorschlag der Regierung des Staatspräsidenten Luiz Inácio Lula da Silva die Lagerung des Atommülls in einer Stahlkapsel bei einer Lagerungszeit von bis zu 500 Jahren vor. Zur Zeit lagert der radioaktive Müll der bereits laufenden Atomreaktoren Angra 1 und 2 unter Wasser in den so genannten „blauen Schwimmbecken“. „Der Abfall kann nicht 100 Meter entfernt vom einem Strand lagern, der Itaorna heißt, was ‚fauler Stein‘ bedeutet, und obendrein über einer Erdspalte liegt“, sagte Umweltminister Minc. Der grüne Abgeordnete Fernando Gabeira kritisiert die Regierungsentscheidung zu Angra 3 scharf, da weder eine Lösung für den Strahlenabfall noch ein genereller Notfallplan für einen Atomunfall existiere. „Da baut man etwas, das bis 2040 oder 2050 laufen soll, aber der drohende Meeresspiegelanstieg wird in der Umweltfolgenstudie nicht einmal erwähnt“, ergänzt Gabeira.
Auch Umweltminister Minc ist eigentlich erklärter Atomkraftgegner, aber als Mitglied der Regierung an deren Entscheidungen gebunden. Es müsse eine „Lösung gefunden werden, die sicherer ist als ein Schwimmbecken wenige Meter vom Strand“, räumte Minc ein. Als positives Beispiel erwähnte er die Erfahrungen Frankreichs und Deutschlands, wo radioaktiver Müll in Minen gelagert wird – wie sicher solche Lösungen sind, beweist die derzeit absaufende Lagerstätte Asse II in Niedersachsen.
Der Direktor von Greenpeace in Brasilien, Sérgio Leitão, kritisiert, dass Brasilien seit Jahren zwei laufende AKW und nie eine Lösung für die Lagerung gefunden hat. „Und Brasilien wird es auch bei Angra 3 nicht lösen können“, urteilt er. Für den Atomkomplex Angra rechnet die Umweltfolgenstudie bei einer Betriebsdauer von 40 Jahren für Angra 1 mit hochradioaktivem Müll von 6.589 kg Uran 235 und 3.957 kg Plutonium, für Angra 2 und 3 mit 10.880 kg Uran 235 und 12.640 kg Plutonium.
Und auch die weiteren bereits bestehenden Zwischenlager in Brasilien stehen in der Kritik. So hat das brasilianische Institut für Geographie und Statistik IBGE im Juni dieses Jahres darauf hingewiesen, dass Brasiliens Zwischenlager nicht adäquat sind. Das einzige als angemessen eingestufte Lager sei das in Abadia de Goiás, in dem das radioaktive Cäsium-137 aus dem Nuklearunfall von Goiânia aus dem Jahre 1987 lagert (siehe LN 165). Den anderen Zwischenlagern, in die 13.700 Kubikmeter leicht bis mittelstark strahlende Reste aus Arztpraxen, Universitäten und Krankenhäusern verbracht wurden, attestiert der IBGE-Bericht eine unangemessene Lagerung.
Ungeachtet all dessen wird im September mit dem Bau von Angra 3 begonnen. Gebaut wird der Reaktor mit Technik der Atomfirma Areva, an der Siemens 34 Prozent der Anteile hält. Unklar ist derzeit noch, ob Angra 3 mit Exportkrediten der französischen Exportkreditagentur COFACE oder durch die im Auftrag des Bundes arbeitende Euler Hermes, Tochter der deutschen Allianz Gruppe, abgesichert werden soll. Auf Anfrage von LN hat Euler Hermes am 21. August versichert, dass „aktuell kein Antrag“ vorliege und „auch keine Kenntnis über eine Beteiligung von COFACE“ bestehe.
Laut Auskunft des Assistenten des Präsidenten der Eletronuclear, Leonam dos Santos Guimarães, hat Angra 3 seit 1982 anderthalb Milliarden Reais gekostet. Doch die eigentlichen Kosten stehen noch aus: Die Regierung Lula schätzt die Baukosten auf 7,3 Milliarden Reais (etwa 3 Milliarden Euro). Greenpeace Brasilien hatte aber bereits im März dieses Jahres einen Bericht vorgelegt, in dem Angra 3 als Milliardengrab gebrandmarkt wird. So sollen die Gesamtausgaben um weitere 2,3 Milliarden Reais steigen. Die Koordinatorin der Anti-Nuklear-Kampagne von Greenpeace, Beatriz Carvalho, spricht von einer regelrechten Plünderung öffentlicher Kassen. „Indem in diese Technologie investiert wird, macht die brasilianische Regierung aus öffentlichen Geldern radioaktiven Abfall“, kritisiert Carvalho.
Greenpeace hat nun zwei Klagen vor Gericht gegen Angra 3 eingereicht. „Die Verfassung von 1988 verlangt, dass jedweder Bau von Nukleareinheiten in Brasilien ausschließlich nach Autorisierung durch den brasilianischen Kongress erfolgen kann. Und die Bundesregierung hat den Kongress schlicht überfahren, indem sie eine Genehmigung gegeben hat, die amoralisch, irregulär, illegal und nicht verfassungsgemäß ist“, urteilt der Direktor von Greenpeace Brasilien, Sérgio Leitão, im Interview mit der Agentur Radioagência NP.
Leitão vermutet hinter den Ausbauplänen des brasilianischen Atomprogramms handfeste wirtschaftliche Interessen. „Damit wird Geld verdient. Wer davon profitiert, sind die großen Baufirmen, die Zulieferfirmen für das Kraftwerk.“ Und ergänzt: „Sektoren der brasilianischen Regierung, der Streitkräfte und unserer Diplomaten haben nie den Traum aufgegeben, dass Brasilien sein Programm zur Produktion von Nuklearwaffen reaktivieren würde“. Zumindest die Option auf ein solches, stellt Leitão klar: „Was zur Debatte steht ist zweifelsohne, ob Brasilien wieder die Option haben wird, die Atombombe zu bauen.“
Indessen weitet die Regierung das Atomprogramm massiv aus. Im Juli kam der Startschuss für den Uranabbau in der Mine bei Santa Quitéria im Bundesstaat Ceará. Die staatliche Atomfirma Indústrias Nucleares do Brasil (INB) wird dort jährlich 800 Tonnen Uranoxid abbauen. Angestrebt wird die doppelte Produktion. Das gesamte Vorkommen der Mine soll sich – so der Präsident der INB, Alfredo Tranjan Filho – auf 142.000 Tonnen Uranoxid belaufen.
Brasilien verfügt derzeit über die sechstgrößten Uranvorkommen der Welt, wobei erst ein Drittel der Landesfläche untersucht wurde. Schätzungen des Präsidenten der Brasilianischen Nuklearvereinigung ABEN zufolge, Francisco Rondinelli, könnte Brasilien über die zweitgrößten Uranreserven der Welt verfügen. „Wir haben bereits 310.000 Tonnen entdeckt, die für 25 weitere produktgleiche Atomkraftwerke wie Angra 2 bei einer Betriebsdauer von 60 Jahren reichen würden“, hob er im Juni dieses Jahres hervor.
Angesichts dieser Aussichten kommt die Regierung ins Träumen. Denn obwohl Brasilien die gesamte Produktionskette von Uranabbau und Anreicherung technologisch beherrscht, erfolgt diese nicht in industrieller Großproduktion. Bislang werden pro Jahr die 400 Tonnen Uran aus der Mine Lagoa Real/Caetité im Bundesstaat Bahia zu so genanntem „yellowcake“ verarbeitet. Dieser wird nach Kanada verschifft zur Weiterverarbeitung zu Uranhexafluorid durch die kanadische Firma Cameco. Dieses wird zur Anreicherung und Verarbeitung zu Urandioxid nach Europa zur britisch-niederländisch-deutschen Urenco geschickt, bevor es dann in Brasilien, in den Reaktoren in Angra, zur Atomstromgewinnung eingesetzt wird.
Um in Zukunft die gesamte Produktionskette in industriellem Maßstab selbst durchführen zu können, investiert Brasilien massiv: Uranprospektion, -abbau und -anreicherung. Tranjan Filho geht davon aus, dass im Jahr 2010 der Uranbedarf von Angra 1 und 2 zu 60 Prozent bedient, 2012 zu 100 Prozent und im Jahre 2014 auch der dann fertiggestellte Meiler Angra 3 komplett mit aus in Brasilien verarbeitetem Uran versorgt wird. Und der Bundesminister für Bergbau und Energie, Edison Lobão, jubelt: „Wir haben alles, um mit der Produktion von Nuklearenergie Erfolg zu haben!“ Lobão schwebt dabei langfristig auch der Export von überschüssigem Uran ins Ausland vor – angesichts steigender Weltmarktpreise ein Bombengeschäft.
Die Urananreicherung steht für Brasilien ganz oben auf der Agenda: Dazu wurde die unter der Aufsicht der INB stehende Urananreicherungsanlage von Resende im Bundesstaat Rio de Janeiro weiter ausgebaut. Im Jahr 2004 war die Anlage in Resende Gegenstand diplomatischer Unstimmigkeiten zwischen Brasilien, den USA und der internationalen Atomenergiebehörde IAEA. Brasilien hatte den IAEA-Kontrolleuren den Zugang zur Anlage mit dem Verweis auf die Gefahr der Wirtschaftsspionage verweigert. Der letztlich ausgehandelte Kompromiss sah vor, dass die Zentrifugen mit kleineren Tüchern als vorgesehen verhängt werden durften. Offiziell wurde es nie bestätigt, doch wird vermutet, dass dieser Kompromiss nur zu Stande gekommen sei, weil Brasilien sich 2004 zur Übernahme der Leitung der UNO-Mission in Haiti, MINUSTAH, bereit erklärt hatte.
Doch der eigentliche Schachzug im Ausbau des brasilianischen Atomprogramms wurde Ende Juli dieses Jahres bekannt. Zwischen März und Mai hatten die TechnikerInnen des Marineforschungszentrum Aramar in Iperó im Bundesstaat São Paulo zwei der neuesten Zentrifugen zur Urananreicherung an die Fabrik in Resende übergeben. Laut der Zeitung Estado de São Paulo erfolgte „die Übergabe unter Geheimhaltung, in einem Konvoi ohne Kennzeichnung, geschützt durch bewaffnete Schützen“. Diese Zentrifugen der neuen Generation „1/M2“ arbeiten um fünfzehn Prozent effizienter als die der Vorgängergeneration, die ihrerseits eine Leistungssteigerung um 50 Prozent gegenüber der ersten, vor zwanzig Jahren entwickelten Zentrifugen darstellten. Die dritte Zentrifuge dieser Generation soll 2009 übergeben und eine weitere neue Generation von Zentrifugen – noch einmal um 40 Prozent effektiver – soll im Jahre 2011 fertig sein.
So könnte die Anlage in Resende – zusammen mit einer geplanten Anlage im Marineforschungszentrum Aramar – die Urananreicherung in großem Stil gewährleisten. Das Uran soll dabei auf vier Prozent angereichert werden. Im Streit mit der IAEA hatte Brasilien stets betont, nur diese vierprozentige Anreicherung anzustreben. Zu einer militärischen Nutzung in Form von Nuklearwaffen bedürfte es eines Anreicherungsgrades von mindestens neunzig Prozent.
Doch trotz dieser Beteuerung ist eine höhere Anreicherung technisch problemlos möglich: Es ist eine Frage der Anzahl der hintereinander geschalteten Anreicherungsstufen, den so genannten Kaskaden. Und die brasilianische Marine hätte Bedarf an Uran mit einem höheren Anreicherungsgrad. Je höher der Anreicherungsgrad der Brennstäbe, desto mehr Energie lässt sich daraus gewinnen – und die brasilianische Marine plant nun den Bau des ersten brasilianischen Atom-U-Bootes. Ein solches Boot müsste mit höher angereicherten Uran weniger oft nachtanken und hätte somit eine größere Reichweite und könnte länger tauchen.
Vor allem Letzteres ist explizites Interesse der brasilianische Marine. Die bisherige brasilianische Flotte von fünf dieselelektrisch betriebenen U-Booten, vier davon der Klasse Tupi und eines der Klasse Tikuna, taucht der Marine nicht lange genug. Denn die Ziele dieser Tauchgänge liegen im atlantischen Ozean vor der brasilianischen Küste: die noch zu errichtenden Ölplattformen der in jüngster Zeit gefundenen Ölfelder vor Santos, Campos und Espírito Santo.
Die bis zu 350 Kilometer vor der Küste liegenden Ölfelder finden sich ab einer Wassertiefe von über dreitausend Metern. Vorläufige Schätzungen gehen davon aus, dass sich dort 50 bis 100 Milliarden Barrel Öl befinden. Da der gesamte Umfang dieser Felder noch nicht geklärt ist, hatte Brasilien bei der UNO die Ausweitung der Ausschließlichen Wirtschaftszone (AWZ) über die übliche 200 Seemeilengrenze hinaus beantragt. Diesem Antrag wurde im Juli dieses Jahres von der betreffenden UN-Kommission weitgehend stattgegeben.
Und zum Schutz dieser Erdölstätten plant die Marine – wie ihr Admiral Julio de Moura Neto ankündigte – eine umfassendes Rüstungsprogramm. Neben dem Bau des 1 Milliarde Reais teuren Atom-U-Boots ist die Verdoppelung der Flotte von bisher 27 Patrouillenbooten geplant. Des weiteren plant das brasilianische Verteidigungsministerium den Kauf von 50 Helikoptern und den Bau von 99 Jagdflugzeugen, in Kooperation mit der brasilianischen Flugzeugbaufirma Embraer und europäischen Rüstungskonzernen.
Das geplante Atom-U-Boot bleibt aber das ambitionierteste der Projekte: bei sechs Tausend Tonnen Gewicht und 96,6 Metern Länge wird dessen Bau bis zu elf Jahre beanspruchen. Angetrieben werden soll es durch einen im Marineforschungszentrum Aramar entwickelten Mini-Atomreaktor. „Wir brauchen Atom-U-Boote zum Schutz der brasilianischen Küste“, stellte Vizepräsident José Alencar im Juli klar. „Wir benötigen Nuklear-U-Boote, die uns in die Lage versetzen, abschreckend zu wirken, und jedwedes Abenteuer, das sich gegen irgend etwas richtet, das unserem Land gehört, im Ansatz zu entkräften.“
Und der Verteidungsminister hatte schon im Juni darauf hingewiesen, dass das geplante Atom-U-Boot keine offensiven Ziele verfolge und eben deshalb auch nicht mit Nuklearbewaffnung ausgerüstet werde. Offen blieb daraufhin die Frage, an welche Art von Nuklearbewaffnung der Minister dabei wohl so dachte. Offiziell wurde das geheime brasilianische Atomwaffenprogramm nie bestätigt; nach dem Übergang zur Demokratie war es eigentlich eingestellt worden. Mit der geplanten industriellen Anreicherung in Brasilien könnte es ganz schnell wieder aktiviert werden.
Zur Zeit scheint es Verzögerungen im Zeitplan für den Stapellauf des ersten brasilianischen Atom-U-Bootes zu geben, doch bemüht sich die Marine, allen Befürchtungen entgegenzutreten, der Zeitplan sei nicht einzuhalten. „Unsere Priorität Nr. 1 sind die U-Boote“, erklärte Admiral Moura Neto. Denn in den letzten Wochen hat sich in ganz Lateinamerika und auch in Brasilien Unruhe breit gemacht: die Reaktivierung der Vierte Flotte der USA (siehe Artikel auf Seite 32 in dieser Ausgabe).
Selbst Senator Cristovam Buarque, ehemaliger Rektor der Universität Brasília, dem jeglicher Alarmismus eigentlich fremd ist, bewertet die Vierte Flotte als Bedrohung der Souveränität Brasiliens. Er sieht die Gefahr, dass das Interesse der NordamerikanerInnen sich auf das vor Brasiliens Küste gefundene Öl richten könnte. Im offiziellen Journal des brasilianischen Senats wird er in Bezug auf die vielleicht bis in internationale Gewässer reichenden Ölfelder mit den Worten zitiert: „Wer als erster in diese Schicht hineinbohrt, der hat das Recht, sich das Öl zu nehmen.“

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