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„Auf kommunikativem Weg die Welt verändern“

María Pía Matta:
Die Chilenin María Pía Matta studierte an der Katholischen Universität in Rio de Janeiro. Ihre Arbeit als Journalistin begann sie bei Radio Globo, damals eng verbunden mit der brasilianischen Militärjunta und heute größtes Medienunternehmen Lateinamerikas. Von dort wechselte sie Ende der 1980er Jahre zu dem kritischen Methodistensender Radio Umbral nach Santiago de Chile. Nach Ende des Pinochet-Regimes gründete Matta 1991 dort gemeinsam mit anderen Journalisten Radio Tierra, das vielleicht erste „echte“ Community Radio Chiles. Seit November 2010 ist sie Präsidentin des Weltverbands der Community Radios (AMARC).

Vom Medienkonzern Globo zur Präsidentin von AMARC – eine ungewöhnliche Karriere (siehe Fotokasten). Haben Sie die so geplant?

Naja, in Brasilien fing ich bei Radio Globo an, weil ich dort lebte und es sich so ergab. Aber ich hatte immer vor, in einem wirklich unabhängigen Medium zu arbeiten. Die Konzentration kommerzieller Anbieter war in diesen Jahren noch nicht ganz so stark wie heute. Aber es herrschte trotzdem Bedarf an anderen, partizipativen Radios, die eine aktive Rolle beim Übergang von Militärregimen zu demokratischen Gesellschaften übernehmen könnten. Ich wusste aus Zeitschriften von den Freien und Öffentlichen Radios in Europa. Und Potential für solche Medien gab es natürlich auch in Lateinamerika.

Als Präsidentin von AMARC vertreten Sie weltweit fast 5.000 Sender, die sich unter der Formel Community Radio vereinen. Wie verträgt sich dieses globale Konzept mit der Vielfalt der einzelnen Erfahrungen?

Ich glaube, es gab und gibt eine spannende politische und philosophische Debatte darüber, was Community Radio bedeutet. AMARC versteht darunter alle populären, freien Bürgerradios oder Radiovereine, die von einer zivilgesellschaftlichen Organisation verwaltet werden. Und verwaltet wird so ein Radio nicht nur in finanzieller Hinsicht, sondern als partizipativer, offener Raum, der ganz unterschiedlich aussehen kann. Gemeinsam ist diesen Projekten vielleicht die Kritik eines Mythos – der Neutralität von Medien. Community Radios als nicht-gewinn-orientierte Sender verkörpern eine politische Möglichkeit, Medien zu machen, sind praktischer Ausdruck des Menschenrechts auf Meinungsfreiheit. Die Nationalstaaten haben die Aufgabe, dieses Recht zu gewährleisten. Vielleicht ist Lateinamerika heute der Kontinent, auf dem nicht nur quantitativ, sondern auch bezüglich der Vielfalt radialer Praktiken und der Weitergabe von Wissen am meisten passiert.

Das Zustandekommen des neuen Mediengesetzes in Argentinien (siehe LN 428) ist aktuell das wohl sichtbarste Beispiel dieses Prozesses. Die gesetzliche Reformierung des Rundfunks unter aktiver Beteiligung sozialer Organisationen und unabhängiger Medien stimmt in ihrem Ergebnis mit vielen prominenten Forderungen von AMARC überein. Hat es Modellcharakter für andere Länder?

Das Gesetz ist ein interessantes Modell für alle Länder. Denn in Argentinien wie auch anderswo besaßen die unabhängigen Radios längst ihre Legitimität, es ging allein darum, ihnen auch ihre Legalität zu bestätigen. Jetzt ist es wichtig, dass dieses Gesetz auch vollständig umgesetzt wird und die argentinische Regierung im Rahmen einer affirmativen Politik die Wettbewerbsfähigkeit nicht-kommerzieller und nicht-staatlicher Medien garantiert. Der Staat als Akteur wird, verständlicher Weise, oft immer noch mit viel Misstrauen betrachtet, hat er im vergangenen Jahrhundert doch immer wieder die Meinungsfreiheit eingeschränkt. Aber der Fall Argentinien zeigt, dass er auch ein Verbündeter sein kann.
Und der Fall Venezuela, was zeigt der? Als die
Regierung 2009 dort mehr als 30 private Rundfunksender schließen ließ, stieß die Kritik von AMARC am undemokratischen Charakter dieses Vorgehens auf Ablehnung. Vor allem in Bolivien und Brasilien verteidigten Sprecher von Community Radios die Abschaltung der „bürgerlichen Medien“, warfen AMARC vor, gegen Hugo Chávez Kampagne zu machen.
Egal ob linke oder rechte Regierungen – die Versuchung, sich unbeliebte Stimmen vom Hals zu schaffen, gibt es immer. Alle wissen, dass sie ohne Medien nicht regieren können. Eine rechte Regierung geht meist ganz pragmatisch vor, bevorzugt bestimmte kommerzielle Medien bei der Lizenzvergabe, oder straft sie für schlechte Nachrichten ab. Dabei behandeln sowohl die Regierungen als auch die Unternehmer Radiofrequenzen als eine Art Ware, obwohl diese eher ein öffentliches Gut darstellen. Und dieses öffentliche Gut ist von den lateinamerikanischen Regierungen bisher meist schlecht verwaltet worden, von der Rechten, aber in einigen Fällen eben auch von linken Regierungen.

Haben Community Radios in Venezuela einen leichteren Stand als private Sender?

Zunächst sollte man bedenken, dass die Berichterstattung über die Arbeit der Regierung Chávez in einer starken Polarisierung privater und öffentlicher Medien artikuliert wird. Es gab darüber hinaus Impulse hin zu einer breiten staatlichen Unterstützung von Community Radios, die jedoch nie konsequent fortgesetzt wurde. Das Missverständnis seitens der Regierung lag darin, diese Sender von vornherein als bedingungslose Unterstützer zu begreifen. Da fehlte es an einem wirklichen Vertrauen in die Meinungsfreiheit – ein Problem, das jedoch alle politischen Lager umfasst. In der Praxis beeinflussen darüber hinaus unzählige weitere Faktoren das Gelingen eines Radioprojekts. Die kolumbianische Regierung unter Álvaro Uribe beispielsweise machte auf dem Papier eine bessere Medienpolitik als viele Regierungen links davon. Dass die legalen Möglichkeiten wegen des Mangels an finanziellen Ressourcen und des faktischen Kriegszustands in vielen ländlichen Gebieten nicht umgesetzt werden können – das ist eine andere Geschichte.

Die zwanzigjährige Geschichte von Radio Tierra in Santiago de Chile haben Sie wesentlich mit gestaltet. Die Arbeit dort haben Sie oft als Überlebenskampf bezeichnet. Warum?

Es ist eine historische Tragödie, dass die Regierungen der Concertación (Bündnis von Mitte-Links-Parteien, Anm. der Red.) in zwanzig Jahren nichts getan hat, um die Vorherrschaft kommerzieller Medien zurückzudrängen. Chile stellte sich oft als ein Land mit hoher demokratischer Dichte dar – eine glatte Lüge. Dort werden Radiolizenzen an die Meistbietenden versteigert. Chile weist eine extrem hohe Medienkonzentration auf, und als Community Radio ist man ständig in der Defensive. Allein es zu schaffen, als Sender über Jahre seine Stromrechnungen zu zahlen und neue ehrenamtliche Mitarbeiter zu gewinnen und auszubilden, ist ein schwieriges Unterfangen.

Im Mai erhielten die chilenischen Community Radios ein eigenes Gesetz. Was wird dieses Gesetz in der Realität ändern?

Nicht viel, da es weder eine ausreichende Finanzierung der Sender erlaubt, noch verbindlich einen Teil des UKW-Bandes für solche Projekte freimacht. Der Markt hat sich nicht nur unserer Köpfe bemächtigt, sondern auch der Frequenzen.

Beim Kampf um Köpfe und Frequenzen sind in Lateinamerika auch viele evangelikale Freikirchen sehr aktiv. Tausende solcher religiöser Sender sind mit oder ohne Genehmigung in Lateinamerika auf Sendung, oder erkaufen sich Sendezeit in den Medien. Über die Hälfte der 300 chilenischen Community Radios sollen überwiegend evangelikale Inhalte verbreiten. Wie geht AMARC mit diesem Phänomen um?

Der Begriff Community Radios ist ein umkämpftes Konzept. AMARC vertritt die Position, dass nur zivilgesellschaftliche Organisation solche Sender unterhalten können. Das heißt, keine Parteien, Unternehmen, Aktiengesellschaften oder religiöse Vereinigungen. Community Radios unterscheiden sich als ein eigener Sektor von privaten und staatlichen Medien. Auch religiöse Medien sollten ihren Platz haben, aber ein evangelikaler Sender ist einfach kein Community Radio.

Aber sie lassen sich doch auch nicht einfach staatlichen oder privaten Medien zuordnen …

Kann sein, dann sollen sie sich eben für einen eigenen Sektor stark machen. Selbst wenn sie keine Gewinnabsichten haben, bleiben sie in ihrer Orientierung religiös. Denn die Partizipation, Meinungsvielfalt und die Verwaltungsform dieser Sender entsprechen nicht einem Community Radio.

Dann sind Community Radios also doch ein normatives globales Modell und AMARC dessen einflussreichster Sprecher?

Nein, wir sind eine sozio-politische Bewegung, die auf kommunikativem Weg die Welt verändern will. Wir arbeiten nicht dafür, dass die 4.785 Mitglieder von AMARC eine Genehmigung für ein feststehendes Modell des Radiomachens bekommen. Ein Radio beispielsweise als einen Verein zu definieren, würde als minimaler Konsens bereits an den unterschiedlichen Verfassungen scheitern, von denen viele diese rechtliche Körperschaft gar nicht kennen. AMARC konstruiert deshalb vielmehr eine Debatte, und wer will, kann mitmischen und mit unseren Ideen zum Radiomachen arbeiten, sie modifizieren, kritisieren. Die Universitäten waren anfangs nicht in der Lage unsere Arbeit zu theoretisieren, deswegen haben wir das übernommen und zwar ausgehend von unserer Praxis. Das ist eine Geschichte von Fehlern, Niederlagen und zum Glück auch vielen Erfolgen, die wir selbst dokumentieren.

Welche Herausforderungen sehen Sie auf die Bewegung der Community Radios in der näheren Zukunft zukommen?

Ich glaube, eine wichtige Diskussion sind Autorenrechte und die Frage, ob Community Radios für das Senden von Musik zahlen sollten oder nicht. Ich denke, sie sollten nur dann zahlen, wenn sie auch die Möglichkeit haben sich vernünftig zu finanzieren. Ebenfalls spannend wird die weitere Entwicklung digitaler Sendestandards. Wir müssen aufpassen, dass wir bei dieser Diskussion nicht draußen bleiben. Denn eine Neuvergabe digitaler Frequenzen muss egalitär verlaufen. Es ist wichtig, viele lose technologische Diskussionen aufzunehmen und zu politisieren. Wichtig ist, eine globale Debatte über das Recht auf Kommunikation und eine entsprechende Gesetzgebung anzustoßen.

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