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Aus den Bergen des mexikanischen Südostens

Die Rebellion ist wie dieser Schmetterling, der auf das Meer ohne Insel oder Felsen zuhält. Das Tier weiß, dass es keinen Platz zum Landen hat, doch zögert es nicht zu fliegen. Aber nein, weder der Schmetterling noch die Rebellion sind dumm oder selbstmörderisch. Es ist nur so: Sie wissen, dass sie doch etwas haben werden, wo sie landen können, weil es in dieser Richtung eine kleine Insel gibt, die noch kein Satellit entdeckt hat. Mit diesen gewohnt polit-poetischen Worten beginnt Marcos seinen Kalender des Widerstandes. Literarische Stilmittel wie Tierfabeln und Momentaufnahmen ziehen sich durch alle 13 Kapitel. In jedem wird eine Region in Mexiko beschrieben. Marcos prangert die dortigen Missstände an.
Der Aufstand der Zapatistas zum Beginn des Nordamerikanischen Freihandelsabkommens (NAFTA) 1994 richtete sich gegen Ausbeutung, Rassismus und Marginalisierung der indigenen und ländlichen Bevölkerung durch die Herrschaft der Großgrundbesitzer und der politischen Funktionäre. Die EZLN lehnt das mexikanische Parteiensystem (PAN, PRD, PRI) ab.
Der Kalender beschreibt Absprachen, Skandale und Vetternwirtschaft, die immer wieder auftreten.
Die EZLN versteht sich als konsequent basisorientierte Bewegung. Eine radikale Demokratisierung der mexikanischen Gesellschaft ist ihr Ziel. Marcos bezeichnet seine Texte als Stelen. Damit nimmt er auf die Darstellung alter Herrschafts-Geschichte der Maya Bezug.
Der Vorspann des Kalenders erklärt, warum Marcos sein langes Schweigen gebrochen hat. Der Grund ist das Scheitern der Verfassungsreform von 2001, die der indigenen Bevölkerung Mexikos lange geforderte Rechte zugestehen sollte.
„Wenn die Damen und Herren, die sich selber Denker nennen, mit unseren Augen gesehen hätten“, schreibt Marcos über die damalige Chance der Regierung, „dann hätten sie unser späteres Schweigen und unsere derzeitigen Worte verstanden. Aber nein. Sie denken, dass sie denken. Und sie denken, dass wir ihnen etwas schulden. Aber wir schulden ihnen gar nichts.“
Das Buch zeigt eine von Korruption, Diskriminierung und Repression gezeichnete Gesellschaft sowie den Kampf der Campesinos und Campesinas für die Anerkennung indigener Rechte und einen Autonomiestatus innerhalb Mexikos. Die Bildung zivilgesellschaftlicher Versammlungen in Form der „Caracoles“ wurde von der Regierung begrüßt. Sie ist auch Teil der Öffentlichskeitsarbeit.
Die Anmerkungen der B.A.S.T.A Redaktion an dieser Stelle sind teilweise unpassend und verstärken das Schwarz-Weiß Bild einer bösen mexikanischen Regierung.
Eine Landkarte, eine Zeittafel zum zapatistischen Aufstand und ein Glossar sind hilfreiche Ergänzungen. Auf der politischen und geschichtlichen Reise durch Mexiko verwirren selbst blanke Zahlen oder Aufzählungen von Namen nicht: Die LeserIn erhält durch so ein umfassendes Bild. Dank vieler Anekdoten und Situationsschilderungen wird auch die Hoffnung, die die EZLN in die Menschen setzt, vermittelt. Die Publikation des Kalenders in Deutschland zeigt einmal mehr, dass sich die EZLN auf den Rückhalt einer breite Öffentlichkeit verlassen kann.

Gruppe B.A.S.T.A (Hg): Der Kalender des Widerstandes, Verlag Edition AV; Frankfurt/M 2003, 220S., 13 Euro. Bezug: Buchhandel oder Email an: basta@gmx.de

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