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Außerdem im Programm

Wenn man den brasilianischen Zeitungen glauben schenken darf, erwartet uns mit O ano em que os meus pais saíram de ferias („Das Jahr, in dem meine Eltern in Urlaub fuhren“) ein cineastischer Leckerbissen. Der Film des Regisseurs Cao Hamburger wird im Wettbewerb laufen und kann deshalb nicht vorher rezensiert werden. Doch die Synopse klingt viel versprechend. Im Jahr 1970 interessiert sich Mauro, ein zwölfjähriger Junge aus Belo Horizonte, nicht für die Militärdiktatur und den Vietnamkrieg. Sein größter Traum ist, dass Brasilien die Fußballweltmeisterschaft gewinnt. Doch plötzlich müssen seine Eltern überstürzt in den „Urlaub“ (ins Exil) fahren. Ihren Sohn schicken sie lieber zu seinem Großvater nach São Paulo, sie wollen ihm nicht die riskante Flucht zumuten. Doch als Mauro dort ankommt, ist der Großvater gerade gestorben. So nimmt ihn dessen Nachbar, der Vorsänger der jüdischen Gemeinde, bei sich auf. Der Film handelt davon, wie sich Mauro in einer fremden Umgebung zurecht finden muss. So erlebt er in gewisser Weise das Schicksal nach, das seine Vorfahren, jüdische EmigrantInnen aus Europa, in Brasilien erlebt hatten, die sich auch in einer andern Welt einleben mussten.
Es geht um Mauros Erwachsenwerden und darum, Abschied zu nehmen. All dies geschieht im Schatten der Militärdiktatur, ohne diese weder explizit thematisiert, noch ausgeblendet wird. Letztlich soll der Film auch eine Hommage an das alte Viertel Bom Retiro in São Paulo sein, in dem vor allem Juden und Jüdinnen, aber auch viele ItalienerInnen und Menschen aus allen möglichen Kulturkreisen zusammenleb(t)en.
Im Forum-Programm wird Extranjera („Fremde“) von der Regisseurin Inés de Oliveira Cézar zu sehen sein. Die argentinisch-polnisch-griechische Koproduktion lehnt sich an die Tragödie von Euripides Iphigenie in Aulis an. Sie erzählt die Geschichte eines Vaters, der seine Tochter opfert, „weil getan werden muss, was getan werden muss“. „Angesiedelt in einer kargen Landschaft, in der sich wenig ereignet, gewinnt die Erzählung Intensität durch den spürbaren Einfluss der Natur auf die Protagonisten“, heißt es in der Pressesynopse. Bereits 2005 war de Oliveira Cézar mit dem Film Como pasan las horas (Wie die Zeit vergeht) vertreten (siehe LN 368).
Um eine israelisch-französische Produktion handelt es sich bei Potosi, le temps de voyage („Potosi, die Reise“)von Ron Havilio, der ebenfalls im Forum-Programm zu sehen sein wird. Havilio reiste mit seiner Frau und seinen drei Kindern 1999 nach Potosi in Bolivien. Die Familie begab sich auf die Spuren der Hochzeitsreise, die Havilio und seine Frau 1970 unternommen hatten. Seine damals gemachten Schwarz-Weiß-Fotografien kontrastiert er mit den Bildern von 1999, aufgenommen mit einer Super 16 Kamera. Ganz bewusst wollte er einen Film mit veralteten Medien machen, um sich von den aktuellen Moden abzuheben. „Ich wollte weg vom Glamour um Technik und Stars und das Medium Film untersuchen, so wie es wirklich ist“, schreibt Havilio im Kommentar zu seinem Film. Potosi ist für ihn ein „magischer, aber auch ein schrecklicher Ort“. Die ehemalige Silberstadt des spanischen Imperiums repräsentiert für ihn die Perversion des Kolonialsystems und die Ausplünderung des Planeten. „Dieser Film soll eine Einladung zu einer fantastischen Reise in die Realität sein, die wir alle auf diesem Planeten auf mysteriöse Weise teilen. Eine Möglichkeit über Zeit, Zerbrechlichkeit, Schönheit und das Wunder des menschlichen Lebens zu meditieren“, schreibt Havilio in seinem Kommentar weiter.

Alle Filme werden auf der Berlinale vom 8. bis 18. Februar in den genannten Programmen zu sehen sein.

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