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Austausch auf Augenhöhe

Mit wem und wie solidarisch sein im heutigen Kontext? Auf der Nicaragua-Konferenz 2012 haben Vertreter_innen der Solidaritäts-Bewegung aus Nicaragua und Deutschland dies breit diskutiert. Das Informationsbüro Nicaragua e.V. hat die Beiträge dieser Konferenz in der Reihe nahua scripte mit dem Titel Solidarität heute und morgen – Perspektiven gegenseitiger Unterstützung veröffentlicht.
Sowohl Leser_innen, die sich mit Fragen der internationalen Solidarität beschäftigen, als auch Nicaragua-Interessierte sollten in dem umfangreichen Themenspektrum auf ihre Kosten kommen. Ausgangsposition ist, Solidarität zwischen Menschen und ihren Kämpfen und Bewegungen zu stärken. Es gehe nicht mehr nur darum, solidarisch mit einem Land oder einer Regierung zu sein.
In den ersten Kapiteln wird zunächst ein aktuelles Bild über die Gewalt gegen Frauen, die Wirtschaftspolitik des Präsidenten Daniel Ortega, die ländliche Entwicklung und die Umweltpolitik in Nicaragua gezeichnet. Den Ausführungen ist gemeinsam, dass die Informationen oder sogar die Beiträge selbst von nicaraguanischen Aktivist_innen stammen. Über die Lage der Frauen gibt es eine breit gefächerte Einführung mit vielen konkreten Beispielen. Auch die Einschätzungen von Aktivistinnen zu Politik, Justiz und möglicher Solidarität kommen nicht zu kurz. Eher sachlich geht es mit der Einführung in die Wirtschaftsstruktur und -politik des Landes weiter. Spannend sind die Verknüpfungen zur Sozialpolitik und die Einbindung in internationale Handels- und Wirtschaftsbeziehungen. Auch in diesem Kapitel steht die Frage im Raum, welche Gegenbewegungen und alternativen Konzepte es gibt.
Die Referent_innen des Kooperativenverbundes SOPPEXCCA und CIPRES, dem Zentrum für die Erforschung und soziale Entwicklung der ländlichen Region, liefern fundierte Informationen zur ländlichen Entwicklung in Mittelamerika. Durch die Einbindung von Interviews kommen Aktivistin_innen direkt zu Wort. Die unterschiedlichen Elemente lockern den Lesefluss auf. Durch eingestreute Fotos und Zitate gewinnt die_der Lesende auch ein Bild von den Gesichtern der deutschen Solidaritätsbewegung. Das Kapitel zur Umweltpolitik erreicht dagegen nicht den tiefgehenden Informationsgehalt der anderen Kapitel.
Lesende, die eigentlich schon ein profundes Nicaragua-Wissen haben, können in dem Buch dennoch auf neue Ideen stoßen: bei der wiederholt gestellten Frage nach der Bedeutung der Solidarität in dem jeweiligen Kontext.
Im zweiten Teil des nahua scripts richtet sich der Fokus auf den Solidaritätsbegriff. In dem Beitrag „Von Soli bis Weltwärts“ beschreiben die Autorinnen die Veränderung der Bewegung aus den 80er Jahren im Vergleich zur Praxis und Motivation heutiger Solidaritäts-Brigaden. Dabei kann ein kritischer Blick auf das Weltwärts-Programm des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) nicht ausbleiben.
Zum Abschluss werden die Perspektiven der Solidarität diskutiert. Fragen wie „Was erwartest du von den Partner_innen aus dem Norden?“ werden von den Gästen aus Nicaragua zahlreich beantwortet. Der Austausch auf Augenhöhe ist ein wiederkehrendes Element und Fatima Ismael von SOPPEXCCA sagt: „Solidarität bedeutet für mich, sich gegenseitig in die Augen zu blicken und in eine gemeinsame Richtung zu gehen, um einen Traum zu verwirklichen.“ Sich auszutauschen sei Teil dieser Solidarität und bereichere sie. Das nahua script schafft es, die Lesenden über den existierenden Austausch zu informieren und gibt zahlreiche Ansätze an die Hand, auch selbst in die Interaktion einzutreten.

Informationsbüro Nicaragua e. V. (Hrsg.) // Solidarität heute und morgen. Perspektiven gegenseitiger Unterstützung // Nahua Script 15 // Wuppertal 2013 // 94 Seiten // 5,00 Euro // www.informationsbuero-nicaragua.org/neu/index.php/publikationen/nahua-scripte

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