Film | Kolumbien | Kultur | Nummer 621 - März 2026

Authentisch Deprimiert

Die Tragikomödie “Un Poeta” ergründet das Scheitern eines Dichters an den Untiefen der Kunstszene

Von Luisa Rojas Monroy

Un poeta // Kolumbien 2026 // 123 Minuten // Regie: Simón Mesa Soto // Spanisch mit englischen und deutschen Untertiteln

Wenn Erfolg und Scheitern danach gemessen würden, wie treu wir unseren eigenen Prinzipien sind – hätten wir dann noch dieselben Held*innen? Oscar ist die Hauptfigur einer Geschichte, die in Medellín, Kolumbien, angesiedelt ist. Zu Beginn des Films erscheint er fast wie die Karikatur eines Mannes in seinen Vierzigern, der in seinem Leben nichts erreicht hat: weder den Ruhm oder die Anerkennung, die seine frühe Karriere als Dichter versprach, noch die wirtschaftliche und persönliche Stabilität, die seine Familie von ihm erwartet. Nichts in seinem Leben scheint zu funktionieren.

Er hat ein schlechtes Verhältnis zu seiner pubertierenden Tochter, lebt bei seiner Mutter, wird von seiner Familie unter Druck gesetzt, eine ungeliebte Stelle als Lehrer an einer Schule anzunehmen und hat keine Freund*innen. Immer wieder wacht er betrunken schlafend auf der Straße auf, nachdem er hitzige Diskussionen mit anderen Trinkern über die Bedeutung seines Lieblingsdichters José Asunción Silva geführt hat, dessen Porträt an der Wand seines Zimmers hängt. Oscar bewegt sich zwischen Selbstzerstörung und der Melancholie unerfüllter Träume. Seine fatalistische Sicht auf das Leben lässt ihn sich stark mit dem tragischen Leben und dem selbst herbeigeführten Tod des Dichters identifizieren, den er bewundert. Doch dann lernt Oscar eine junge Frau kennen, die er für ein großes poetisches Talent hält. Ihr dabei zu helfen, ihr Leben zu verändern und bessere Chancen zu bekommen, gibt ihm wieder Sinn und eine Verbindung zur Welt.

Die Geschichte wird aus der abwertenden Perspektive erzählt, aus der die Gesellschaft einen Mann wie Oscar betrachtet. Trotz seines Selbsthasses ist er ein sensibler und respektvoller Mensch, der sich in einer Umgebung wiederfindet, die von Opportunismus geprägt ist – von Menschen, die jemand anderes werden, um dazuzugehören, und die von dem Bild leben, das sie nach außen zeigen. Der Film untersucht mit Spannung und Humor die Heuchelei jener, die gesellschaftliche Anerkennung genießen, deren Leben jedoch auf Manipulation und Lügen aufgebaut ist. Oscars frühere Kolleg*innen, die größere Erfolge in der Poesie vorweisen können, führen ihm vor Augen, dass der Preis des Erfolgs oft darin besteht, sich selbst zu verraten. Vielleicht ist das der Grund, warum er nie Teil dieser Welt war.

Un poeta erzählt mitreißend von den inneren Kämpfe jener, die bereit sind, etablierte Formen und sich selbst zu hinterfragen, um Aufrichtigkeit und Authentizität ins Zentrum zu setzen. Zugleich zeigt die Geschichte Alltagsbilder aus Medellín in unterschiedlichen sozioökonomischen Kontexten und hebt die moralischen Gegensätze hervor, die die Figuren je nach Umfeld durchleben. Die Tragikomödie macht deutlich, dass Kunst je nach Lebensbedingungen ganz unterschiedliche Bedeutungen annehmen kann. Damit bietet der Film eine hervorragende Gelegenheit, die Idealisierung von Kunst angesichts konkreter Realitäten zu hinterfragen – durch eine ebenso unterhaltsame wie tiefgründige Geschichte.


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