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Babylon zum Genießen

Die Stadt wird von der Poesie erobert, ist das Credo der VeranstalterInnen des ersten großen internationalen Literaturfestivals in Berlin. 33 SchriftstellerInnen aus aller Welt wurden für das Festival nominiert, über zwanzig weitere Literaten werden aktiv am Festival teilnehmen. Aufgeteilt ist das Festival in Lyrik- und Prosalesungen, in Gespräche zu Leben und Werk von AutorInnen und in Podiumsdiskussionen zu unterschiedlichen Themen. So ist das Festival eine hervorragende Gelegenheit, neue Literatur kennen zu lernen, und Bekanntes zu genießen. So mancher wird dabei und der Frage nach dem Bezug der Literatur zu sozialen, politischen und kulturellen Konflikten in den Diskussionen zwischen SchriftstellerInnen, ÜbersetzerInnen und KritierInnen aus den verschiedensten Kontexten nachgehen. Begleitend zum Festival erscheint eine „Berliner Anthologie“, in der die Lieblingsgedichte der 33 Autoren abgedruckt sind – ein wahrhaft internationales Souvenir aus erster Hand.

Kurzportraits

Von den lateinamerikanischen und karibischen SchriftstellerInnen kommen gleich drei aus Mexiko (Veranstaltungshinweise siehe Kasten).
José Emilio Pacheco (geb. 1939) ist wohl der bekannteste von ihnen und kann zu den bedeutendsten lateinamerikanischen Lyrikern der Gegenwart gezählt werden. In lakonisch-unprätentiöser Sprache kreisen seine Gedichte immer wieder um die Frage der Zeit, der Vergänglichkeit und des Lebendigen in all seinen Formen. Seine Ethik liegt in der Beachtung des Unbeachteten, des differentiellen Blickes: ein Blick der sich jeder Unbedingtheit verwehrt und die Bewegung bejaht.
Mit dem (Natur-)Dichter und Romancier Homero Aridjis (geb. 1940) wird ein Mexikaner das Festival eröffnen. War er zunächst Weggefährte Pachecos, so wechselte er bald von der Akademie in die Politik und engagierte sich dort in verschiedenen Funktiofür eine ethisch-kritische Umwelt-, Friedens- und Kulturpolitik. Zurzeit ist er Vorsitzender des PEN-Club international.
Die dritte im mexikanischen Bunde ist die Essayistin, Lyrikerin und Übersetzerin Pura López Colomé (geb. 1952). Sie gehört zu einer neuen Generation jüngerer AutorInnen Lateinamerikas, die das literarische und poetische Leben der Metropolen heute entscheidend mittragen.
Mit Hugo Gola ist ein Argentinier auf dem Festival vertreten, der 1976 nach Mexiko ins Exil ging und dort bis heute lebt. Er ist mit 77 Jahren einer der ältesten Autoren des Festivals. Neben dem Schreiben von Gedichten, widmet(e) er sich vor allem der Lehre, der Übersetzung und Verbreitung der Poesie anderer Dichter.
Ein weiterer nominierter Autor des Cono Sur ist der uruguayische Dichter und Literaturtheoretiker Enrique Fierro (geb. 1941). Auch er lebte zur Zeit der Diktatur im mexikanischen Exil, kehrte1985 jedoch nach Montevideo zurück. Heute lehrt er an der University of Texas und arbeitet mit lateinamerikanischen Literaturzeitschriften zusammen. In seinen Gedichten wird die Poesie selbst zum Thema. Mittels experimenteller Sprachspiele versucht er, die Grenzen von Sprache, Schrift und Ausdruck auszuloten.
Aus Chile ist der Schriftsteller und Lyriker Raúl Zurita (geb. 1951) vertreten. Im Protest gegen das Pinochet-Regime gründete er mit Freunden die Künstleraktionsgruppe „Colectivo Acción del Arte“. Ab Mitte der 80er Jahre hielt er sich als Stipendiat und Gastprofessor vermehrt im Ausland auf und wurde 1990 zum Kulturattaché seines Landes in Rom ernannt. Moderiert wird seine Lesung von einem anderen chilenischen Schriftsteller und Diplomaten, Antonio Skármeta. Mit Carlos Franz (geb. 1959) nimmt ein weiterer chilenischer Schriftsteller an dem Festival teil, der der Schriftstellerbewegung „Joven Narrativa Chilena“ angehört, die für eine Prosa ohne Pathos steht.
Aus Brasilien kommt die Schriftstellerin Marina Colasanti. 1937 in Eritrea geboren kam sie mit 11 Jahren nach Brasilien. In ihrem literarischen Werk setzt sie sich kritisch mit der Rolle der Frau und dem bürgerlichen Wertesystem auseinander. Sie arbeitete als Journalistin und schreibt Bücher für Erwachsene und Kinder.
Der angolanische Schriftsteller und Journalist José Eduardo Agualusa (geb. 1960) gehört einer neuen Generation afrikanischer Schriftsteller an, die in ihrem Heimatland heute aus politischen Gründen nicht mehr publizieren können (s. LN 306). Er lebte lange Zeit in Portugal und heute in Brasilien. Zentrales Thema seines Schreibens ist der Kulturmix in Angola und Brasilien und damit auch die Geschichte dieser Länder, vor allem die der portugiesischen Kolonialzeit.
Aus der Karibik stammt der Schriftsteller Raphaël Confiant. 1951 auf der Karibikinsel Martinique geboren, schrieb er seine ersten Erzählungen auf kreolisch – ohne Verleger zu finden. 1988 sattelte er auf Französisch um und ist seitdem mit seinen Romanen sehr erfolgreich. Seine Geschichten sind vor allem im Genre des Kriminalromans und des historischen Romans anzusiedeln.
Es wird also einiges zu erlesen geben auf diesem ersten internationalen Literaturfestival in Berlin.

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