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Bacchanal!

Peter Masons bringt mit Baccanal! ein beeindruckend vielseitiges Buch auf den Markt. In sechs umfangreichen Kapiteln beleuchtet er unterschiedliche Aspekte des Karnevals in Trinidad, von seiner Entstehungsgeschichte bis zur aktuellen Organisation und sozialpolitischen Bedeutung. Ein Mittelteil mit Farbfotos gibt Eindrücke vom Karneval und seinen Protagonisten. So manche der später im Buch gefundenen Informationen werden durch diese Bilder viel lebendiger. Das I-Tüpfelchen ist dann sicher die beiliegende CD, die viele KünstlerInnen und Musikstile Trinidads vorstellt.

Was ist Calypso?

Ein zentraler Bestandteil des Trinidader Karnevals ist der Calypso. Eine kleine, völlig unrepräsentative Umfrage meinerseits ergab, daß das Wort “Calypso” in unseren Breiten häufig drei Assoziationen hervorruft: Die Älteren erinnern sich an die Hits Harry Belafontes, welche mit dem echten Calypso nicht viel zu tun haben. Die Jüngeren denken schon mal an die bunten Hemden Jürgen von der Lippes, die ja eigentlich aus Hawaii stammen sollten, und viele denken an „diese Blechtrommeln“. Zumindest die letzte Assoziation führt uns in die richtige Richtung.
„Diese Blechtrommeln“ heißen in Wirklichkeit Steelpans und sind weit mehr als einfache Trommeln, da sie heutzutage mehrere, genau gestimmte Oktaven umfassen können und somit ein Melodieinstrument sind. Die Steelpans sind das Instrumentarium der Steelbands, großer Orchester, die einen wesentlichen Anteil an der Karnevalskultur Trinidads haben. Calypso und Steelbands haben zwar viel miteinander zu tun, sind aber nicht das Gleiche. Calypso ist im wesentlichen die alte afrikanische Kunst des improvisierten Gesanges, der gesungenen Nachricht und des Kommentars, während die Steelbands auch andere Musikstile interpretieren. In seinen Anfängen wurde der Calypso oft nur zur Gitarre gesungen, aber im Laufe der Zeit entstanden Calypsobands, die sich auch modernen Einflüssen öffneten. So entstanden neue Stile wie der Soca (Soul-Calypso) oder Rapso (Rap-Soca). Mason beschreibt viele neue musikalische Entwicklungen und auch die Konsequenzen aus der zunehmenden Kommerzialisierung und Internationalisierung der Musik.

Trinidadische Wettbewerbskultur

Darüber hinaus lernen wir aber auch ein Element des trinidadischen Karnevals kennen, das man im ersten Moment gar nicht erwartet. Die wichtigsten Ereignisse der Karnevalstage sind Wettbewerbe unter den Calypso-SängerInnen und den Steelbands. Eine Anzahl von Ehrentiteln sind hier zu vergeben. Die calypsonians kämpfen um den Titel des „Calypso-Monarch“, der „Calypso-Queen“ oder den „Road-March“-Titel und spielen schon Wochen vorher in den sogenannten Calypso-Zelten Vorentscheidungen aus. Ähnliches gilt auch für die Steelbands, deren großes Ziel der Sieg im „Panorama“-Wettbewerb ist. Der Wettbewerb sorgt immer wieder für große Anstrengungen und Innovationen. Er fördert aber auch die Kommerzialisierung der Kultur, da vieles ohne Sponsoren nicht mehr möglich ist. Gute Arrangeure oder Steelpan-Stimmer werden von den Steelbands umworben, wie bei uns die Fußballstars.

Auch Karneval hat Regeln

Der dritte große Pfeiler des Karnevals ist die Masquerade, kurz mas genannt. Schon Wochen vor dem Rosenmontagsumzug in Port of Spain melden sich die TeilnehmerInnen bei einer Gruppe ihrer Wahl. Diese Gruppen unterhalten mehr oder weniger große Werkstätten, in denen auf Bestellung die Kostüme gefertigt werden. Manche mas-camps, wie die Produktionsstätten genannt werden, haben bereits eine beträchtliche Größe erreicht und rüsten bis zu 2.000 TeilnehmerInnen aus. Natürlich darf auch hier kein Wettbewerb fehlen. Jährlich bewerben sich etwa 60 bis 70 KostümbauerInnen um die Titel „King of Carnival“ beziehungsweise „Queen of Carnival“. Die gezeigten Kostüme können bis zu 100 kg wiegen und sind die Produkte einer atemberaubenden Phantasie.
Peter Mason beschreibt in seinem Buch nicht nur die Ereignisse des Karnevals und ihre Regeln, er analysiert auch die Hintergründe und zieht insbesondere im zweiten Teil seines Buches Schlüsse für die zukünftigen Entwicklungen. Hier geht er noch detaillierter auf die soziale Dimension des Karnevals ein. Er analysiert beispielsweise den Einfluß der indischen Bürger auf die Karnevalskultur und thematisiert Fragen zur Gewalt. Auch der Tourismus findet seinen Platz im Buch. Ein Kapitel beschäftigt sich mit der Rolle der Frau im Karneval, im Calypso und den Steelbands.
Das Buch schließt mit einer fundierten Bibliographie und Diskographie und für den echten Fan finden wir noch eine Auflistung der Gewinner der verschiedenen Wettbewerbe in den letzten Jahren.
Insgesamt ist Peter Masons Bacchanal eine sehr gelungene und sehr kompakte Darstellung des Karnevals auf Trinidad, die auch durch ihre Beigaben, eine CD und viele Farbfotos, besticht. Sowohl Musikjournalisten oder Ethnologen als auch der schlichte Tourist, der den Karneval besuchen möchte, wird mit diesem Buch zufrieden sein. Ich persönlich habe schon meine Konsequenzen gezogen: mein nächstes Reiseziel heißt Trinidad – natürlich im Februar!

Peter Mason: Bacchanal. Bezug: LN-Vertrieb, Gneisenaustraße 2A, 10961 Berlin, Telefon: 6 94 61 00, 184 Seiten, 39,- DM. (ca. 20 Euro).

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