Bei Coming-Out Mord
„No salgas“ ist ein Horrorfilm mit toller Ausgangsidee, aber vielen handwerklichen Schwächen
Regisseurin Victoria Linares Villegas hat auf der Berlinale schon einmal überzeugt: Mit ihrer stilistisch gelungenen Dokumentation Ramona über Mütter im Teenageralter landete die Filmemacherin aus der Dominikanischen Republik 2023 einen Achtungserfolg auf dem wichtigsten deutschen Filmfestival (https://lateinamerika-nachrichten.de/artikel/auf-einen-schlag-erwachsen/). 2026 bringt sie mit ihrem Spielfilmdebüt No salgas (Don´t come out) eine spannende Idee nach Berlin: Lesbische Frauen, die an einer Universität in der Dominikanischen Republik ihr Coming Out wagen, werden von einer mysteriösen, übersinnlichen Kraft brutal ermordet. Dieses Schicksal ereilt Wendy (Mariella Guerrero), die Partnerin der Studentin Liz (Cecile van Welie), kurz nachdem sie ihrem Bruder ihre Homosexualität offenbart hat. Dieser bringt sie daraufhin um, offensichtlich von einem Dämon besessen. Eine andere Kommilitonin wird auf gleiche Weise kurz nach ihrem Coming Out von ihrer Mutter getötet. Und so trifft Liz zu ihrer Sicherheit eine Vorkehrung: Sie legt sich einen Freund zu und simuliert eine glückliche heterosexuelle Beziehung. Das geht so lange gut, bis sie auf einem Wochenende mit ihren Freundinnen in deren Landhaus auf die selbstbewusst-mysteriöse Jessie (Camila Santana) trifft, zu der sie sich sofort hingezogen fühlt. Als diese beginnt, ihre Gefühle zu erwidern, nimmt das Verhängnis seinen Lauf.

No salgas beginnt stark und zieht die Zuschauer*innen schnell in die Geschichte. Leider kann der Film die Erwartungen im weiteren Verlauf nicht erfüllen. Denn was ein interessantes Experiment im Social Horror-Stil von Get Out hätte werden können, will bei No Salgas leider nie so richtig zünden. Die Figuren sind fast alle klischeehaft gezeichnet und wirken schon vor der unvermeidlichen Dezimierung seltsam leblos. Das liegt auch daran, dass versäumt wurde, den Charakteren interessante Hintergrundgeschichten zu verleihen und dass die Schauspieler*innen zum großen Teil nicht überzeugen können (Ausnahme ist die schon früh im Film verabschiedete Wendy). Somit fällt als Zuschauer*in eine Identifikation – bei aller ironischen Distanz auch im Horrorfilm unerlässlich – schwer. Zudem wird das zentrale Mysterium, wer eigentlich genau von dem lesbenhassenden Dämon besessen wird und warum, nicht richtig aufgelöst. Mal scheint es Familienangehörige zu treffen, mal wirkt es völlig beliebig. In einer der stärkeren Szenen wird angedeutet, dass christlicher Glaube dabei eine Rolle spielt, wirklich verfolgt wird dieser Erzählstrang dann aber leider nicht mehr.

Neben einigen weiteren Fragezeichen im Plot (Gibt es außer lesbischen Studentinnen noch andere queere Outing-Opfer?) hat No salgas auch zu viele technische Schwächen: die wenig stimmungsvolle Beleuchtung, der mangelnde Spannungsaufbau oder die – bei allem Verständnis für ein niedriges Budget – doch arg desolaten Splatter-Szenen. Insgesamt kommt so wenig Atmosphäre auf und am Ende stellt sich die Frage, ob No salgas in dieser Form schon reif für ein großes Festival war. Schade, denn die interessante Drehbuch-Prämisse hätte mit etwas mehr Arbeit an den Details durchaus das Zeug zu einem guten Film gehabt.
LN-Bewertung: 2/5 Lamas
No salgas, Dominikanische Republik 2026, 105 Minuten, Regie: Victoria Linares Villegas; Spanisch mit Englischen Untertiteln, Berlinale-Sektion Generation 14plus (empfohlen ab 16 Jahren)



