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Bergarbeiterfrauen in Peru

Der Bergbausektor ist eine wichtige Säule der Wirtschaft Perus. Hier werden mehr als 50 Prozent der Exporterlöse des Landes erbracht. Wie viele Menschen arbeiten in diesem Sektor?
Im Bergbausektor Perus sind circa 80.000 Menschen formal beschäftigt. 60.000 von ihnen sind Leiharbeiter, sogenannte subcontratados – Tendenz steigend. Dazu kommen noch 40.000 Menschen, die im informellen Kleinbergbau tätig sind.
Wie viele Frauen sind im Bergbau beschäftigt sind?
Frauen bilden eine Minderheit im Bergbausektor. Von den 80.000 formell Beschäftigten sind lediglich 50 Frauen, die typische Männerarbeiten erledigen. Sie sind angestellt bei zwei großen Unternehmen, Yanacocha und Antamina, wo sie große Transporter fahren, die Gesteins- und Bodenmaterial transportieren. Dazu kommen noch Frauen, die in der Verwaltung der Unternehmen arbeiten.
Im informellen Bereich arbeiten Frauen und Kinder bei der Goldgewinnung gemeinsam mit ihren Männern – vor allem in der Aufbereitung des geförderten Materials. Untertage arbeiten keine Frauen.
Was versteht man genau unter informellem Bergbau?
Der Kleinbergbau in Peru ist in der Regel nicht formalisiert und die dort arbeitenden Menschen sind nicht organisiert. Die Leute nutzen ein Stück Land, fördern Gesteins- und Bodenmaterial und bereiten es auf. Steine werden gemahlen und um das Gold zu gewinnen, wird das Mahlgut mit Quecksilber versetzt, mit dem sich dann das Gold verbindet. Es gibt in der Regel keine Sicherheitsmaßnahmen, obwohl mit gefährlichen Chemikalien gearbeitet wird. Mitunter wird die Arbeit sogar innerhalb eines Haus vollzogen, ganze Familien werden so kontaminiert. Oft wird diese Arbeit von den Frauen und Kindern gemacht. Die Frauen kümmern sich zudem um die Kinder, die Familie und Ernährung. Schulen gibt es fast keine. Trotz der Schwere der Arbeit sehen die Frauen diese Tätigkeit nur als Hilfsleistung. Wenn man sie fragt, sagen sie, der Ehemann sei der „Hausherr“.
Was sind Bergarbeiterfrauen?
Mujeres Mineras sind Ehefrauen oder Partnerinnen der Bergarbeiter, die für kleine und mittlere Bergbauunternehmen arbeiten – in der Regel als subcontratados. Meist Leben Frauen und Kinder getrennt von den Männern in den Gemeinden in der Nähe der Minen. Die Arbeiter hingegen wohnen im Camp [Siedlung der Bergarbeiter am Abbaustandort, Anm. d. Red.]. Die Nationale Vereinigung der Frauen im Bergbau (CNMM) vertritt die Interessen dieser Frauen und Familien.
Wie sieht die Arbeitssituation im kleinen und mittleren Bergbau aus?
Die Bergleute arbeiten 14 bis 16 Stunden täglich, teilweise ohne Wochenende. Oder es gibt untypische Arbeitsrhythmen, beispielsweise folgen auf 21 Tage Arbeit sieben freie Tage. Arbeitsstandards gibt es praktisch nicht. Die Unternehmen üben Druck aus, indem sie sagen: „Wenn ihr als Arbeiter etwas fordert oder anzeigt, müssen wir schließen“. Ähnlich ist die Situation, wenn die „Mujeres Mineras“ Forderungen an das Unternehmen stellen. Die Gefährdung des Arbeitsplatzes dient als Druckmittel. Die Gewerkschaften sind heutzutage schwach und auch sie sprechen sich meist zugunsten der Erhaltung von Arbeitsplätzen aus.
Woher kommen die Menschen, die als Leiharbeiter in diesen Betrieben arbeiten?
In der Regel sind es keine lokalen Arbeitskräfte sondern Leute von außerhalb. Dadurch vermeiden die Unternehmen bei Konflikten mit den lokalen Gemeinden gleichzeitige Konflikte mit der Arbeiterschaft. Die Arbeiter stehen den Interessen der Kommune oft entgegen, denn sie wollen ihre Arbeitsplätze schützen und haben kein Interesse an der Entwicklung der Kommune. Die Kommunen hingegen klagen oftmals wegen der Umweltverschmutzung oder Grundbesitzfragen.
Was lässt sich zu Arbeitsverträgen und Verdienst im Sektor sagen?
Die Unternehmen reduzieren Verantwortlichkeiten, indem sie die Arbeiter nicht mehr direkt sondern über Dritte anstellen. Ein durchschnittlicher Tagesverdienst eines subcontratados liegt zwischen 18 und 25 Soles (5 bis 8 US-Dollar). Für ein würdiges Leben der Familien reicht das nicht. Es werden weder Sozialversicherung noch Rentenbeiträge gezahlt. Zudem werden in der Regel Kurzzeitverträge von drei bis sechs Monaten abgeschlossen und später gegebenenfalls verlängert. Die Tendenz geht dahin, nur noch befristete Verträge abzuschließen.
Zum Vergleich sind im industriellen Großbergbau monatliche Verdiente von bis zu 2.500 Soles (760 US-Dollar) möglich. Bei festen Verträgen sind Sozial- und Rentenleistungen eingeschlossen.
Was sind die Probleme, die die CNMM am meisten anprangert?
Wir haben uns organisiert, da die Unternehmen hohe soziale Kosten in den Familien verursachen. Viele Männer verdienen nicht genug für ein würdiges Leben ihrer Familien und sind zudem meist abwesend, da sie im Camp leben. Dort können wir nicht wohnen. Doch das Einkommen ermöglicht es uns auch nicht, in einer größeren Stadt mit all ihren Möglichkeiten zu wohnen. Stattdessen leben wir in einer Gemeinde, wo wir fremd sind, uns einleben müssen und kaum Entwicklungsmöglichkeiten haben.
Die Unternehmen sehen die Arbeiter als Produktionsinstrumente, reden zwar von sozialer Verantwortlichkeit aber lassen die Familien und deren prekäre Lebenssituation komplett außer Acht. Sie geben uns manchmal kleine Geschenke und Essen. Das reicht uns aber nicht.
Was genau macht die CNMM?
Über einen ersten runden Tisch haben wir versucht, den Dialog zwischen den Gemeinden und den Arbeitern sowie deren Familien herzustellen, um gegenseitiges Verständnis und Vertrauen zu fördern und Konflikten vorzubeugen. Für einen zweiten Runden Tisch haben wir zahlreiche kleinere Gewerkschaften eingeladen. Auf der Tagesordnung werden Geschlechteraspekte stehen.
Wir sorgen uns um die Lebensqualität unserer Familien und wollen unsere Kinder nicht unterernährt und unterversorgt aufwachsen sehen. Wir wollen für sie entsprechende Gesundheitsversorgung, Bildungs- und Entwicklungsmöglichkeiten. Damit fordern wir Grundrechte. Die soziale Verantwortung eines Unternehmens schließt für uns eine Bezahlung ein, die ein würdiges Leben für die Familie ermöglicht. Mit den bestehenden geringen Löhnen ist dies nicht möglich.

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