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Bewegungen im Überblick

Während viele LateinamerikanerInnen sehnsüchtig auf die vergleichsweise hohe demokratische und wirtschaftliche Stabilität im Westen blicken, gelten vielen westlichen AktivistInnen die sozialen Bewegungen Lateinamerikas als vorbildlich. Kaum eine andere Region weist eine derartige Vielfalt an Bewegungen auf, die ihrem sozialen und politischen Protest oft in spektakulärer Weise Aufmerksamkeit verschafft. Der Kampf gegen die Wasserprivatisierung im bolivianischen Cochabamba, der Protest der Madres de Plaza de Mayo gegen die Praxis des Verschwindenlassens in der argentinischen Militärdiktatur oder die Autonomiebewegung von Indigenen im mexikanischen Chiapas bilden nur einige der prominentesten Beispiele.
Georg Ismar und Jürgen Mittag haben als Herausgeber des Sammelbands ¿El pueblo unido? die Mammutaufgabe auf sich genommen, dieser Heterogenität Rechnung zu tragen. In ihrem lesenswerten Vorwort benennen sie ihr doppeltes Erkenntnisinteresse: Einerseits die Untersuchung der Entwicklungslinien von sozialen Bewegungen in einzelnen Staaten Lateinamerikas seit Anfang des 20. Jahrhunderts. Andererseits spezifische Themenfelder aufzuzeigen, um zu analysieren, welche Aktionsformen und Akteure länderübergreifend in den jeweiligen Bewegungen auszumachen sind und dabei Parallelen, aber auch Unterschiede festzustellen. Somit gliedert sich der Band in 22 Beiträge renommierter WissenschaftlerInnen, die sich gleichmäßig auf den Länder- und den Themenstrang verteilen. Das angestrebte Ziel der Vergleichbarkeit wird durch die relativ analoge Struktur der Beiträge ermöglicht: Zuerst die Skizzierung der jeweiligen Rahmenbedingungen, gefolgt von der historischen Entwicklung der Bewegungen in den jeweiligen Staaten beziehungsweise Themenfeldern unter besonderer Berücksichtigung der Organisations- und Protestformen. Der historischen Betrachtung wird in einem weiteren Schritt die aktuelle Entwicklung gegenübergestellt, um schließlich zu Schlussfolgerungen zu kommen. Dies geschieht durchweg in Diskussion mit der inzwischen recht ausdifferenzierten Theorienlandschaft zu sozialen Bewegungen. Die Länderbeiträge umfassen fast alle größeren Staaten Lateinamerikas, wobei auffällig ist, dass kein zentralamerikanisches Land vertreten ist. In theoretischer Hinsicht besonderes spannend ist dabei die Auseinandersetzung in Ländern wie Venezuela oder Bolivien, in denen die klassische Polarität Regierung vs. Bewegungen aufgebrochen ist, da die sozialen Bewegungen die Basis für die sich links verstehenden Regierungen bilden. Das Themenspektrum reicht von Menschenrechten über gender-, klassen- und ethnisch motivierten Bewegungen bis hin zu Stadtteilbewegungen.
Gerade NeueinsteigerInnen für ein bestimmtes Land oder Thema bieten sie einen guten Überblick, nicht zuletzt, da sich den Beiträgen eine recht ausführliche Bibliographie weiterführender Literatur anschließt. Andererseits bedeutet dies leider auch, dass LeserInnen mit fortgeschrittenen länder- oder themenspezifischen Kenntnissen auf keine größeren Neuigkeiten hoffen können. Ein weiterer kleiner Minuspunkt ist, dass auf Entwicklungen der letzten Jahre häufig nur am Rande eingegangen wird. So streift beispielsweise der Mexikobeitrag die aus dem Aufstand 2006 entstandene Volksversammlung der Völker Oaxacas APPO nur mit einem Nebensatz. Allerdings ist eine Publikation, die sich sozialen Bewegungen in fast ganz Lateinamerika widmet, notwendigerweise auf Verkürzungen und Aussparungen angewiesen und dies schmälert die Gesamtleistung kaum.

Jürgen Mittag/Georg Ismar (Hrsg.) // ¿El pueblo unido? Soziale Bewegungen und politischer Protest in der Geschichte Lateinamerikas // Verlag Westfälisches Dampfboot // Münster 2009 // 576 Seiten // 39, 90 Euro

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