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Big Brother in der Lehmhütte

„Angst habe ich nicht“, sagt Pili zu Beginn des Films. Obwohl sie vorbereitet ist, steht sie doch vor zwölf Monaten Ungewissheit. Denn sie unterzieht sich einem Ritual, das die Frauen der Gemeinschaft der Wayúu auf der Halbinsel Guajira, zwischen Kolumbien und Venezuela, seit Jahrhunderten begehen: Um die Zeit der ersten Menstruation schließen sie sich in eine Lehmhütte in ihrem Dorf ein, die sie für zwölf Monde (sprich: Monate) nicht mehr verlassen. Nur ihre engsten weiblichen Verwandten dürfen sie in dieser Zeit sehen, jeglicher Kontakt mit Männern ist tabu. Der Ritus soll Pili einen hohen sozialen Status verschaffen. Frauen, die eine lange Zeit in der Abschottung verbringen, gelten bei den Wayúu als ehrenhaft und erzielen einen hohen Brautpreis bei zukünftigen Ehemännern. In der Hütte bekommen sie in dieser Zeit von ihren weiblichen Verwandten all das gelehrt, was sie später zu guten Müttern und Ehefrauen werden lassen soll.
Was zunächst wie das klassische Muster einer patriarchalen Gesellschaft wirkt, weckt im Laufe des Films immer mehr gemischte Gefühle. Denn zum einen erkennt die bzw. der Zuschauer_in, dass die Zeit in der Hütte für Pili eine schwere Prüfung ist. Sie fühlt sich einsam, vermisst ihre Schulfreundinnen und hat damit zu kämpfen, dass ihr während ihrer Abschottung sogar das Lachen verboten ist. Außerdem kann ihre Mutter, die von Pilis Vater getrennt lebt, sie nicht unterstützen, da ihr neuer Mann ihr verbietet, der Tochter beizustehen. Andererseits wird aber auch deutlich, dass das Ritual bei den Wayúu keine Unterwerfung unter männlich dominierte Sozialstrukturen darstellt. Die Wayúu sind matrilinear organisiert, weitergegeben wird also der Name der Mutter, Frauen haben in bestimmten gesellschaftlichen Bereichen großen Einfluss. Und so sind sie es auch, die Pilis Werdegang entscheidend mitbestimmen.
Der Abschottung unterzieht sie sich nach eigener Aussage, da ihre Großmutter es so wollte. Und ein Heiratsangebot, das ein wohlhabender Mann während ihrer Zeit in der Hütte vorbringt, lehnen ihre weiblichen Verwandten freundlich, aber bestimmt ab -– Pili soll erst einmal „Karriere machen“, bevor sie mit einem Mann zusammenlebt. In vertrautem Gespräch wird sie dann sogar davor gewarnt, dass viele Männer nur betrunken in der Hängematte liegen und sie herumkommandieren wollen -– sie solle erst einmal ihre schulische Laufbahn beenden, studieren und einen Beruf ergreifen.
Der Regisseurin Priscila Padilla Farfan ist ein eindrucksvoller Film gelungen, der Bilder zeigt, die selbst den Augen der meisten Wayúu bisher verborgen gewesen sein dürften. Das Vertrauensverhältnis, das die Filmemacherin dafür gewonnen haben muss, ist dabei hoch einzuschätzen. Denn sie hat die Gemeinschaft von einem Konzept überzeugt, das vordergründig an Reality Shows wie Big Brother erinnert. Dass die Gemeinde der Idee gegenüber aufgeschlossen war, zeigt sich beispielsweise in der Szene, als Pilis Tante mit sichtlicher Begeisterung die Kamera in der Hütte befestigt und freudig erklärt, sie sei in nächster Zeit für das Filmen verantwortlich. Trotz der intimen Einblicke in das Leben der Wayúu-Frauen bewahrt der Film stets respektvollen Abstand zu den Dorfbewohnern und Dorfbewohnerinnen. Die Regisseurin drängt sich nicht mit provokanten Fragen auf und zeigt immer wieder das unaufgeregte Alltagsleben der Dorfgemeinschaft. Da der Film auf Kommentare verzichtet, entsteht eine angenehm wertfreie Atmosphäre, in der den Zuschauer_innen selbst das Urteil über die häufig ambivalenten Situationen und Aussagen überlassen bleibt. Es wäre wünschenswert gewesen, die Beweggründe von Wayúu-Frauen, die sich nicht (mehr) dem Übergangsritus unterziehen möchten, genauer zu beleuchten. So hinterlässt der Film mehr Fragen als Antworten. Aber dafür, dass er eine Thematik behandelt, zu der allzu leicht vorgefertigte Urteile gesprochen werden, ist das fast schon eine Auszeichnung.

La eterna noch de las doce lunas // Priscila Padilla Farfan (Regie) // Kolumbien 2013 // 87 Min.

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