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Blatter und die Strolche

Treffsicherheit war sein Markenzeichen: Romário, Brasiliens überragender Spieler und Toptorjäger beim WM-Triumph 1994. Nach eigener Rechnung hat er in seiner Laufbahn insgesamt 1.000 Tore geschossen. Der Weltfußballverband FIFA schreibt ihm offiziell „nur“ 902 zu. Treffsicher ist auch sein Humor: Als Reaktion auf seine Nichtnominierung für die WM 1998 ließ er in einem Café in Rio, dessen Mitbesitzer er war, an die WC-Tür eine Karikatur anbringen. Darauf abgebildet: Der damalige Nationaltrainer Mario Zagallo, der auf einer Toilette sitzt. Daneben die Fußballlegende Zico, Technischer Direktor des 98er Teams, dienstbar mit einer Klopapierrolle in der Hand. Beide waren not amused, Zagallo erwog gar eine Klage. Angesichts dieser Treffsicherheit muss sich Brasiliens Verbandspräsident José Maria Marín durchaus Gedanken machen, ob er nicht zum nächsten Opfer des 47-Jährigen wird. Denn Romário sitzt inzwischen für die Sozialistische Partei im Parlament und hat sich dort dem Kampf gegen Korruption verschrieben. Zudem ist Romário das Zugpferd der Kampagne „Weg mit Marín!“, die Anfang Mai auf Initiative des Fußballfanverbands Frente dos Torcedores (Fan-Front) in Rio de Janeiro gestartet wurde. Und das aus gutem Grund. Maríns Vita mit schillernd zu beschreiben, wäre beschönigend. Unbestritten ist, dass er seine politische Karriere während der Militärdiktatur (1964 –1985) gemacht hat. Unbestritten und durch 2012 ans Tageslicht gekommene Parlamentsprotokolle belegt, ist, dass er im Oktober 1975 als Abgeordneter der Arena-Partei, die gemeinsam mit den Militärs regierte, ein Vorgehen gegen die kritische Presse von São Paulo forderte. Diese Forderung blieb nicht folgenlos. Wenige Tage später wurde der TV-Journalist Vladimir Herzog im Zuge der Operation „Bandeirantes“ gefoltert und in der Haft ermordet – vom Militärregime als Selbstmord verkauft. Zumindest geistige Brandstifterschaft muss Marín sich vorwerfen lassen. „Ein Funktionär, der für Willkür, Folter und Mord zu Diktaturzeiten steht, darf nicht den brasilianischen Fußball repräsentieren“, erklärte Alessandro Moron, Bundesabgeordneter der regierenden Arbeiterpartei PT. Morons Meinung steht stellvertretend für die Unterstützer_innen der Kampagne, der auch Ivo Herzog, der Sohn des Ermordeten angehört. Ivo Herzog hat mit Unterstützung von Menschenrechtsgruppen bereits 55 000 Unterschriften zur Absetzung Maríns gesammelt. Die wurden samt der Petition „Weg mit Marín!“ von Romário und Ivo Herzog dem brasilianischen Fußballverband CBF überreicht. „Das Leben von José Maria Marín ist verbunden mit denjenigen, die die Diktatur in Brasilien gestützt haben. Wir können nicht zulassen, dass Marín den Ruhm erlebt, dem größten Event in unserer Geschichte (der Fußball-WM 2014, d. Red.) vorzustehen“, heißt es in der Petition. Sie wurde auch den 20 Erstliga-Clubs sowie den 27 Landesverbänden, die im kommenden Jahr den neuen CBF-Präsidenten wählen, überreicht. Auch die Wahrheitskommission, die vor einem Jahr zur Aufklärung der Diktaturverbrechen eingesetzt wurde, kündigte an, Marín zur Vernehmung vorzuladen.
Der 80-jährige Marín, der nicht nur Chef des brasilianischen Fußballverbandes ist, sondern auch des lokalen Organisationskomitees für die WM 2014, steht spürbar unter Druck. Im August kündigte er an, 2015 nicht mehr für die Verbandsspitze zu kandidieren. Dieses Zugeständnis dürfte seine immer zahlreicher werdenden Gegner_innen allerdings nicht besänftigen. Der schottische BBC-Journalist Andrew Jennings geht davon aus, dass Marín bald zurücktritt. „Die FIFA möchte ihn loswerden, weil sie nicht dauernd an seine dreckige Vergangenheit erinnert werden will. Für Sepp Blatter ist er nutzlos geworden, er wird ihm nicht mehr öffentlich die Hand reichen“, sagte der renommierte und der FIFA verhasste Enthüllungsjournalist in einem Interview gegenüber der Wiener Zeitung.
Wenn Marín zurücktritt, befände er sich in wohlbekannter, schlechter Gesellschaft. Blatters Intimus und Vorgänger an der Spitze der FIFA, João Havelange, musste Ende April als Ehrenvorsitzender der FIFA wegen Korruptionsvorwürfen zurücktreten. Das mag den 97-Jährigen finanziell nicht treffen und auch strafrechtlich wird er nicht mehr belangt werden, doch seine Reputation ist am Tiefpunkt. Von 1974 bis 1998 hatte der Brasilianer den Weltfußballverband geführt und aus Fußball ein extrem lukratives Geschäft gemacht, zur Seite stand ihm als Generalsekretär ab 1981 Joseph „Sepp“ Blatter. Ein Duo des Kommerzes par excellence, das auch die eigenen Taschen ins Kalkül einbezog. Havelange zählte zu den Hauptbegünstigten des größten bekannten Korruptionssystems der Sportgeschichte: Die mit der FIFA verbandelte Sportrechtefirma ISL, einst von Adidas Gründer Horst Dassler aus der Taufe gehoben, ging 2001 in Konkurs. Im anschließenden Strafverfahren wurde strafgerichtlich festgestellt, dass die ISL in der Zeit von 1989 bis 1999 insgesamt 160 Millionen Schweizer Franken Schmiergeld an zahlreiche Sportfunktionäre gezahlt hatte, darunter Havelange, jedoch nicht Blatter. Doch letzterer wusste Bescheid, wie die Korruptionsermittlungen der Staatsanwaltschaft Zug in der Schweiz gerichtsfest feststellten. Chef der ISL war Jean-Marie Weber, ein langjähriger Freund und Geschäftspartner Blatters. Bisher hat es der Schweizer Blatter noch immer geschafft, sich aus der unmittelbaren Gefahrenzone zu bringen, wenn beim Stochern im Korruptionssumpf sein Name auftauchte. Dafür opfert er auch langjährige Weggefährten wie Havelange.
Aus Brasilien zumindest muss Blatter keine Konkurrenz für künftige FIFA-Wahlen fürchten. Auch nicht mehr von Ricardo Teixeira, dem Vorgänger Maríns an der Spitze des CBF und ehemaligen Schwiegersohns Havelange, mit dem ihn auch lukrative Geschäftsbeziehungen verbanden. Havelange und Teixeira hatten die Taschen am weitesten offen, als es darum ging, von der ISL Schmiergelder zu kassieren. Die Staatsanwaltschaft in Zug hat Teixeira den Empfang von über 12 Millionen Franken nachgewiesen. Auch an Havelange flossen mindestens 1,5 Millionen Franken. Bei weiteren fünf Millionen Franken, die an eine Tarnfirma flossen, vermutet die Staatsanwaltschaft, dass Teixeira neben Havelange der zweite Empfänger war.
Teixeira, der 2007 zumindest aus seiner Sicht die Weltmeisterschaft 2014 nach Brasilien geholt hat, war angesichts immer neuer Korruptionsvorwürfe nicht mehr zu halten. Im März 2012 trat er zuerst aus „gesundheitlichen Gründen“ von seinem Amt als CBF-Präsident zurück und übergab an Marín. Wenige Tage später legte er auch sein Amt als Mitglied des FIFA-Exekutivkomitees nieder, was gut in Blatters offizielle Anti-Korruptionskampagne passte: künftig nur noch Ehrenmänner und keine Strolche. In der FIFA-Ethik-Kommission wurden sowohl Havelange als auch Teixeira offi­ziell der Korruption bezichtigt.
Andrew Jennings ist aber davon überzeugt, dass Teixeira aus dem Exil in Miami weiter die Fäden in der Hand hält: „Er war und ist die bestimmende Figur, was die Korruption rund um die WM betrifft. Teixeira kassiert über Bauvergaben, politische Seilschaften und andere Sachen.“ Andere Sachen, wie der jüngst publik gewordene Deal in Bezug auf die Freundschaftsspiele der brasilianischen Nationalmannschaft, der Seleção. Laut der Zeitung Estado do São Paulo wurden und werden Teile der Einnahmen für die Auftritte der brasilianischen Auswahl seit 2006 nicht mehr an den Verband CBF, sondern an eine im US-amerikanischen New Jersey ansässige Privatfirma überwiesen. An eine Agentur namens Uptrend Development LLC, die dem Präsidenten des FC Barcelona, Sandro Rosell, gehört. Die Gelder fließen dem Bericht zufolge vom Rechtehalter an den Seleção-Spielen, einer Agentur namens International Sports Events (ISE), in die USA. Die ISE residiert auf den Cayman-Inseln. Wer also den fünfmaligen Weltmeister zum Testspiel bewegen will, muss das Finanzielle über die ISE regeln, nicht mit dem Verband CBF. Und das obwohl diese Spiele für den Verband die Haupteinnahmequelle sind. Doch Teixeira hatte im März 2013, bevor er alle Ämter abgab und sich auf sein Luxusanwesen nach Miami davonmachte, noch schnell im Alleingang die Testspiel-Rechte der Seleção bis 2022 verhökert: an die ISE. Dabei wird er sich in gewohnter Manier schadlos gehalten haben. Laut Estado do São Paulo liegt dem Vertrag ein Schema der Unterschlagung zugrunde. Demnach fließen pro Freundschaftsspiel knapp 1,6 Millionen US-Dollar Antrittsgage an die ISE. Davon werden nur 1,1 Millionen an den CBF weitergereicht, rund 450.000 Dollar aber wanderten auf die Konten der US-Firma, die in Rosells Besitz ist. Ein Jahr vor der WM versinkt Brasiliens Fußball so immer tiefer in der Korruption. Auch zum Verdruss der brasilianischen Präsidentin Dilma Rousseff, die sich selbst schon während des Confed-Cups im Beisein korrupter Fußballfunktionäre schrillen Pfeifkonzerten ausgesetzt sah. Mehrfach deutete Rousseff ihre Unzufriedenheit über die Leitung des Verbands an. Staatsunternehmen wurden angewiesen, keine Werbeverträge mit dem CBF abzuschließen.
Ein Hoffnungsschimmer ist eine Gesetzesini­tiative zur Demokratisierung des brasilianischen Fußballwesens. Darin wird Fußball als Kulturgut definiert und der Verwaltung durch eine Gruppe selbstherrlicher Funktionäre und einer privatrechtlichen Organisation wie dem CBF eine Absage erteilt. Gefordert wird eine öffentliche Kontrolle, Transparenz und die Einbeziehung der Fans. Eine Steilvorlage für den einstigen Torjäger Romário. Bei der Verwandlung ist er allerdings auf Rousseffs Unterstützung angewiesen.

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