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Boden unter die Füße

Die ungerechte Landverteilung war die Hauptursache des 36jährigen bewaffneten Konfliktes in Guatemala. Anfang 1996 unterzeichneten Regierung und Guerilla ein Friedensabkommen – aber die Ursachen des Krieges wurden damit keineswegs beseitigt. Die Mehrheit der indigenen Landbevölkerung kämpft weiter im buchstäblichen Sinne um „Boden unter die Füße“. Und ein Ende ist nicht abzusehen. Einen echten Frieden und soziale Gerechtigkeit wird es in Guatemala erst dann geben, wenn das Land wieder in die Hände jener gelangt, die es bebauen. Nicht umsonst konzentrierten sich die TeilnehmerInnen einer Delegation der hiesigen Solidaritätsbewegung, die im Frühjahr 1997 Guatemala bereiste, auf die Landfrage nach Unterzeichnung des Friedensabkommens. Die Ergebnisse ihrer Erfahrungen dokumentieren sie in eindrücklicher Weise in der kürzlich erschienenen Broschüre „Boden unter die Füße… Der Kampf um Land in Guatemala“.
Auf 32 Seiten entstand hierbei ein umfassender Überblick über die Landproblematik Guatemalas. Und nicht ganz zufällig wurde daraus auch eine knappe, gut strukturierte geschichtliche Einführung. Der Kampf um Land zieht sich seit der Eroberung durch die Spanier im 16. Jahrhundert wie ein roter Faden durch die guatemaltekische Geschichte. Damals wurde der Grundstein für Machtverhältnisse gelegt, an denen sich bis zum heutigen Tag strukturell wenig geändert hat: die Ausbeutung und Unterdrückung der indigenen Bevölkerung durch die herrschende (weiße) Schicht. Das geeignete Mittel hierfür war und ist der Landraub. Noch heute konzentriert sich der fruchtbarste landwirtschaftlich nutzbare Boden in den Händen weniger Großgrundbesitzerfamilien. Hingegen nennen 78 Prozent der ProduzentInnen lediglich 4 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche ihr eigen. Ein Großteil der entwurzelten, landlosen Bevölkerung wird – damals wie heute – durch Knechtschaft oder Lohnsklaverei in Abhängigkeit gehalten.
Die in der Broschüre enthaltenen Darstellungen, Interviews und Erfahrungsberichte vermitteln auch dem/der nicht vorgebildeten LeserIn einen guten Einblick in die Ursachen des Landkonfliktes. Die Texte werden durch knappe Hintergrundinformationen und Begriffserklärungen aufgelockert und erleichtern so den Einstieg in die Problematik. Anhand von Interviews mit Betroffenen oder AktivistInnen von Campesino-Organisationen werden Möglichkeiten zur Lösung der Konflikte aufgezeigt.
Daß es konkrete Lösungen gibt, veranschaulichen die Beispiele aktueller Landkonflikte. Viele landlose Campesinos/as oder TagelöhnerInnen beharren trotz zahlreicher Rückschläge und der Repression der letzten Jahrzehnte auf dem Kampf innerhalb ihrer Organisationen. Ihre Kampftaktik variieren sie zwar oder passen sie der jeweiligen politischen Situation an, aber das Ziel, die Rückgewinnung des ihnen geraubten Landes, verlieren sie nicht aus den Augen. Denn Land ist für sie gleichbedeutend mit Sicherung des Überlebens in einer möglichst selbstbestimmten Form. Es ist ein Synonym für menschliche Würde. Und es ist eine realistische Alternative zur Verdingung auf den Plantagen der Großgrundbesitzer oder in den Weltmarktfabriken, zur Flucht in die Elendsgürtel der Großstädte oder gen Norden.
Es zeichnet sich ab, daß die Friedensabkommen, deren Inhalte in den meisten Fällen ohnehin die von jeher Besitzenden begünstigen, eher ein Schritt in Richtung einer weltmarktgerechten, kapitalistischen „Modernisierung“ Guatemalas sind, als daß sie soziale Gerechtigkeit schaffen werden. Dennoch gibt es einige Ansatzpunkte, die der organisierten Landbevölkerung einen gewissen Handlungsspielraum verschaffen, etwa die Schaffung von staatlichen Instanzen zur Kreditvergabe oder zur Regelung und Überwachung von Landkonflikten. Diese Maßnahmen bedeuten für sich genommen zunächst gar nichts. Die in der Broschüre erwähnten Beispiele zeigen jedoch, daß auch noch so kleine Spielräume von den Organisationen für den Kampf um Land ausgefüllt werden. In Kombination mit öffentlichkeitswirksamen Aktionen oder Landbesetzungen konnten bereits einige kleine Schritte getätigt werden.
Die Darstellung und Aufarbeitung der Landkonflikte in Guatemala wirkt wie ein Lehrstück. In zweierlei Hinsicht. Den HerausgeberInnen der Broschüre gelingt es, Schlagworte wie „Globalisierung“, „Neoliberalismus“ oder „wirtschaftliche Strukturanpassung“ mit konkreten Inhalten zu füllen. Zum anderen verdeutlichen sie mit ihren Beiträgen, daß der Kampf um menschliche Würde und soziale Gerechtigkeit auch unter diesen veränderten Bedingungen erfolgreich geführt werden kann. Nur vielleicht ein wenig anders, als wir es bisher gewohnt waren…

Boden unter die Füße… Der Kampf um Land in Guatemala, Broschüre November 1997, 32 S., DM 5.- (für WiederverkäuferInnen DM 3.50), Hrsg. und Bezug: Informationsstelle Guatemala e.V., Heerstr. 205, 53111 Bonn.

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