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Brasilianische Synthese

“Kewere: Rezar”, zu deutsch: beten, heißt der zweite Teil des Musikprojekts von Marlui Miranda. Dieses Thema ist kein Wunder, denn Musik und Religion sind überall auf der Welt so eng miteinander verwoben, daß sich hier genügend Anknüpfungspunkte für eine Synthese bieten, wie Marlui Miranda sie sucht. Die gesungene Form des Gottesdienstes im christlichen Abendland ist die Messe. Seit Jahrhunderten besteht sie unverändert in ihrer sechsteiligen Form (Kyrie, Gloria, Credo, Sanctus, Benedictus, Agnus Dei), aber gerade der permanente Bedarf an zeitgenössischen Vertonungen der liturgischen Texte hat Komponisten zu jeder Zeit herausgefordert, sich dieser Texte anzunehmen und sie in ihre jeweiligen musikalische Sprache umzusetzen. Während andere Musikgattungen aber in einem eher begrenzten Zeitraum vorkommen, ziehen sich Messenvertonungen wie ein roter Faden durch die Musikgeschichte. Auch Marlui Miranda bezieht sich auf diese Tradition, allerdings ohne dies streng durchzuhalten. Lediglich einige Satzbezeichnungen ihres einstündigen, elfteiligen Werkes tragen den Namen der liturgischen Abschnitte, und einzelne Texte korrespondieren inhaltlich mit den Worten der Messe.
Mirandas Texte stammen von verschiedenen brasilianischen Stämmen, so von den Aruá, den Tupari, den Uruba und anderen, und sie werden sämtlich in ihren Originalsprachen gesungen. Sie sind durchsetzt mit Versen des Jesuitenpaters und Dichters José de Anchieta aus dem 16. Jahrhundert, an dessen 400. Todestag im August 1997 mit der Uraufführung von Kewere: Rezar feierlich erinnert wurde – ein Mönch, der sich um die indigenen Sprachen verdient gemacht hatte und selbst auf Tupi schrieb. Zu hören ist also eine lose Folge religiöser Texte in indigenen Sprachen, die – je nach dem, ob es darin eher um Lobpreisungen, um Bitten oder ums Feiern geht – einzelnen Teilen der Messe zugeordnet sind. Miranda hat sich dabei sehr darum bemüht, in der musikalischen Gestaltung der Texte sich nach den Maßgaben des jeweiligen Volkes zu richten. Sie berichtete in einem Interview, daß sie mit den Stücken zu den Indianern gefahren ist und sich mit ihnen intensiv beraten hat.
Bei ihrer Suche nach Authentizität ging Miranda noch einen Schritt weiter: Sie bedient sich indigener Gesangstechniken, die sich von westlich-akademischen sehr unterscheiden. Aber nicht nur sie, auch die beteiligten Chöre haben umlernen müssen, so daß einem tatsächlich der von manchen Ethno-Platten bekannte Sound entgegenschallt.
Nicht so das Orchester, und darin liegt wohl – neben der Strukturierung des Werkes und seinem musik- und religionsgeschichtlichen Hintergrund – das stärkste “westliche” Element. Das Orquestra Jazz Sinfônica do Estado de São Paulo spielt alles andere als “indigen”, vielmehr hat Marlui Miranda zu den Gesängen eine sinfonische Musik komponiert, die jedes Spätromantikerherz hüpfen lassen wird. Mal fühlt man sich an schmelzende Filmmusik erinnert, mal auch an Orff, dazwischen finden sich stark rhythmische, eher meditative Stellen, die dann doch auf indigener Musik beruhen mögen. Miranda bleibt mit dieser Musik ganz im traditionellen Rahmen und experimentiert kein bißchen. Ihr Experiment – und das gelingt erstaunlich gut – besteht in der Kombination von sentimentaler Sinfonik mit einer Sprache und Gesangstechnik, die in diesem Zusammenhang völlig unüblich sind.
Es ist bedauerlich, daß sie nicht mehr gewagt und sich jüngerer musikalischer Ausdrucksformen bedient hat – Mirandas eingängige Musik sollte sicherlich ein größeres Publikum ansprechen, mag sein, daß das der Grund für ihre gedämpfte Experimentierfreude ist. So wirkt das Unternehmen unter diesem Blickwinkel etwas antiquiert. Angesichts des verblüffenden Gesamteindrucks tritt das jedoch in den Hintergrund.

Marlui Miranda: 2 IHU Kewere: Rezar, Pau Brasil ACT

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