Dossier | Dossier 22 - Letzte Ausfahrt Belém?

Brasiliens fossiles Dilemma vor der COP30

Widersprüche kurz vor dem Treffen in Belém

Brasilien steht wenige Monate vor der COP30 im Fokus der globalen Klimapolitik – und das ausgerechnet wegen seiner fossilen Expansion. Neue Tiefseefunde, umstrittene Auktionen und milliardenschwere Einnahmen aus Öl- und Gasvorkommen unter dem Atlantik verdeutlichen den Widerspruch zwischen internationalen Klimaversprechen und der innenpolitischen Strategie, Öl als Motor für Entwicklung zu nutzen.

Nina Glatzer
Bald ein Meer aus Erdöl-Bohrinseln? Bilder aus dem Mündungsgebiet des Amazonas (Foto: Coordenação-Geral de Observação da Terra/INPE (CC BY-SA 2.0))

Ein neuer Ölfund vor der Küste Rio de Janeiros befeuert Brasiliens fossile Agenda – und verschärft die Spannungen im Vorfeld der COP30. Anfang August meldete das britische Unternehmen BP im Santos-Becken den größten Öl- und Gasfund der vergangenen 25 Jahre. Das „Bumerangue“-Feld liegt außerhalb der bekannten Pré-Sal-Zonen (Anm. d. Red.: “Zonen, in denen sich Öl- und Gasvorkommen unter einer dicken Salzschicht auf dem Meeresboden befinden”) und entfacht daher Spekulationen über bislang unerschlossene Reserven.

Der Fund erhöht zugleich das Interesse an der im Oktober anstehenden Auktion der nationalen Erdölagentur ANP, bei der 13 neue Pré-Sal-Blöcke im Santos- und Campos-Becken vergeben werden sollen. Damit setzt Brasilien wenige Monate vor dem Klimagipfel in Belém auf weitere Tiefseebohrungen – und verstärkt den offensichtlichen Widerspruch zwischen Klimaversprechen und fossiler Expansion. Bereits im Juni vergab die Regierung bei einer international scharf kritisierten Auktion 34 Öl- und Gaslizenzen, darunter mehrere im sensiblen Mündungsgebiet des Amazonas (Foz do Amazonas). Trotz massiver Proteste von Umweltorganisationen, Indigenen Vertreter*innen und selbst staatlichen Umweltbehörden sicherten sich internationale Konzerne wie Shell, ExxonMobil, Chevron und Petrogal (mittlerweile Teil des Konzerns Galp) Explorationsrechte in Gebieten, die von Expert*innen als ökologisch und sozial hochgradig verletzlich gelten. Besonders umstritten war die Vergabe des Blocks FZA-M-59, dessen Freigabe die Umweltbehörde IBAMA zuvor mit Verweis auf fehlende Studien, mangelnde Konsultation lokaler Gemeinschaften und erhebliche Risiken für das Ökosystem abgelehnt hatte. Präsident Lula da Silva setzte die Auktion dennoch per Notfallgenehmigung durch. Das von Umweltschützer*innen als „Weltuntergangsauktion“ bezeichnete Verfahren hat den klimapolitischen Richtungsstreit innerhalb der Regierung weiter verschärft. Die Regierung rechtfertigt die Ausweitung der Erdölförderung mit dem Argument, die Einnahmen für die Energiewende und eine sozial inklusive wirtschaftliche Entwicklung nutzen zu wollen. Tatsächlich sind die staatlichen Einnahmen eng mit dem Design der Vergabeverfahren verknüpft. Die Auktion im Juni fand im Rahmen des Verfahrens einer Oferta Permanente de Concessão statt. Hier trägt das Unternehmen das volle Explorationsrisiko, der Staat profitiert über Lizenzgebühren, Royalties und Steuern. Dieses Konzessionsmodell wurde für Gebiete außerhalb des Pré-Sal etabliert, um Investitionen in Regionen mit hohem Risiko, wie etwa an der Amazonas-Mündung, attraktiver zu machen.

Anders verhält es sich bei der für Oktober geplanten Auktion, die nach dem Produktionsbeteiligungsmodell (Partilha de Produção) durchgeführt wird. Hier ist der brasilianische Staat direkt an den Gewinnen beteiligt: Neben Royalties erhält er einen festen Anteil an der Produktion (sogenanntes profit oil), nachdem die Unternehmen ihre Kosten gedeckt haben. Die Einnahmen aus den Pré-Sal-Verträgen fließen zu einem erheblichen Teil in den 2010 geschaffenen Pré-Sal-Fonds, der laut Gesetz vor allem Bildung und Gesundheit finanzieren soll. Ein zentrales Instrument, um diese Narrative zu stützen, ist der Fundo Social do Pré-Sal, den Brasilien 2010 eingerichtet hat. Offiziell soll er als langfristiger Zukunftsfonds dienen und Mittel für Programme in Bereichen wie Bildung, Gesundheit, Wissenschaft, Kultur und Klimaschutz bereitstellen. Im Juli 2025 wurde sein Mandat erweitert: Nun können die Einnahmen auch für soziale Infrastruktur, Wasserversorgung, Ernährungssicherheit, die Rechte Indigener Völker sowie sozialen Wohnungsbau und Sozialprogramme genutzt werden. Konkrete Erfolge oder eine nachweisbare Wirkung auf Armutsbekämpfung und Entwicklung lassen sich bislang jedoch kaum belegen.

Einer Untersuchung des Instituto de Estudos Socioeconômicos (Inesc) zufolge nahm Brasilien 2024 zwar 108,2 Milliarden Reais aus der Erdölförderung ein, doch nur 0,16 Prozent dieser Summe floss in klima- oder sozialpolitisch relevante Projekte. Auch internationale Beobachter*innen zweifeln am Nutzen: „Öl hat einen wirtschaftlichen, aber keinen sozialen Einfluss“, kritisiert die Ökonomin Lia Hasenclever von der Candido Mendes University. Gemeinden ohne Öleinnahmen schnitten in Bildung und Gesundheit teils besser ab als jene mit, was für Kritiker*innen den Widerspruch zwischen fossilen Exporten und sozialpolitischen Versprechen verdeutlicht. Darüber hinaus zeigt sich, dass Brasilien mit seiner Erdölstrategie keineswegs alleinsteht. Auch andere BRICS-Staaten setzen weiterhin auf fossile Expansion: Russland und Iran forcieren ihre Produktion trotz Sanktionen, Indien importiert steigende Mengen, und China bleibt wichtigster Abnehmer brasilianischen Rohöls. Auf dem BRICS-Gipfel im Oktober 2024 verteidigten die Mitgliedsstaaten fossile Energieträger sogar ausdrücklich „unter dem Motto der Nachhaltigkeit“ und präsentierten sich als Vertreter einer gerechten Energiewende. Für Regierungen des Globalen Südens steht dahinter die Überzeugung, dass sie ihre Rohstoffvorkommen nutzen müssen, um Sozialpro­gramme, Infrastruktur und Armutsbekämpfung zu finanzieren – gerade, weil Industriestaaten im Globalen Norden ihre Öl- und Gasförderung ebenfalls weiter ausbauen. Kritiker*innen halten dagegen, dass damit zwar eine sozialpolitische Rhetorik bedient wird, die strukturelle Abhängigkeit von fossilen Exporten jedoch bestehen bleibt – ein Widerspruch, der vor der COP30 in Belém besonders deutlich zutage tritt.

Nina Glatzer ist Politikwissenschaftlerin und Autorin mit Schwerpunkt auf internationaler Klima- und Energiepolitik. Sie schreibt über globale Gerechtigkeitsfragen, die Energiewende und die sozialen Folgen von Klimastrategien.


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