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Brüche im Anti-Castro Block

Einen „überragenden Sieg“ konnte der republikanische Abgeordnete Lincoln Díaz-Balart Anfang Oktober im Repräsentantenhaus in Washington feiern. In letzter Sekunde hatten die Republikaner und unter ihnen drei einflussreiche exilkubanische Abgeordnete, eine signifikante Embargoerleichterung gegen Kuba verhindert. Nun dürfen zwar Nahrungsmittel und Medikamente aus den USA nach Kuba exportiert werden, aber Exportkredite wird es dafür nicht geben. Der US-amerikanischen Agrarlobby, die sich maßgeblich für den spektakulären Deal eingesetzt hatte, ist auf den letzten Metern die Luft ausgegangen. Dabei blieb auch das Recht der US-Bürger auf Reisefreiheit auf der Strecke. Während in der Vergangenheit das US-Außenministerium Reisen nach Kuba per Anordnung untersagte, wird aus der faktisch jederzeit aufhebbaren Anordnung nun ein Gesetz. Demnach dürfen nur Cuban-Americans einmal jährlich nach Kuba reisen. Jeder weitere Trip muss genehmigt werden. Das gilt für normalsterbliche US-Bürger generell. Nur in Ausnahmefällen dürfen sie auf die Karibikinsel fliegen, die gerade neunzig Meilen von Miami entfernt ist. Kubas Strände werden also auch weiterhin nicht von US-Bürgern bevölkert.
Zu verdanken haben die Amerikaner das Gesetz den exilkubanischen Hardlinern von der Cuban American National Foundation (CANF), im Verbund mit erzkonservativen republikanischen Kreisen. Die bilden seit Jahren die zentrale pressuregroup, wenn es um Kuba geht, und auch diesmal funktionierten die alten Seilschaften – wenn auch in letzter Minute. Wer weiß, wie es ausgegangen wäre, wenn der Wahlkampf nicht derzeit in die letzte Runde gehen würde und Demokraten wie Republikaner fleißig Stimmen sammeln würden. Vielleicht wäre es nicht bei der symbolischen Lockerung des Embargos geblieben, denn das kubanische Exil ist beileibe nicht mehr der monolithische Block, als den es die CANF seit 1981 nach außen vertritt. Zudem hat die CANF mit dem Tod ihres charismatischen Vorsitzenden Jorge Mas Canosa 1997 ihren einflussreichsten Repräsentanten 1997 verloren. Canosa ging zu seinen besten Zeiten im Weißen Haus ein und aus und prägte die US-amerikanische Kubapolitik wie kaum ein anderer. Hinter den Kulissen zog er die Fäden; so gilt er als eigentlicher Vater des Toricelli-Gesetzes, das 1992 mitten im Wahlkampf verabschiedet wurde und das Embargo verschärfte, aber auch des so genannten Helms-Burton-Gesetzes, das vier Jahre später von Senat und Repräsentantenhaus verabschiedet wurde und Sanktionsmöglichkeiten gegen sämtliche Unternehmen vorsieht, die in Kuba in enteigneten US-Besitz investieren.

Die zweite Generation der Cuban Americans

Sein Sohn, Jorge Mas Santos, hat die führende Funktion seines Vaters quasi geerbt und steht der Organisation als Präsident derzeit vor. Allerdings hat der 37-Jährige Mühe, die großen Schuhe des Vaters, der einst vom Präsidentenamt in Kuba träumte, zu füllen. Bei den von der CANF organisierten Demonstrationen gegen die Rückkehr Eliáns nach Kuba stand Jorge Mas Santos oft im Abseits und schaute den in die Jahre gekommenen Demonstranten zu. Junge Gesichter waren eindeutig in der Minderzahl, und die CANF steht vor dem Dilemma, dass sie zwar bei den Exilierten der ersten Generation eine feste Basis hat, aber bei der in den USA aufgewachsenen Cuban Americans zunehmend auf taube Ohren stößt. Zwar gelang es der CANF in der Auseinandersetzung um den Flüchtlingsjungen Elián noch einmal den Anschein fanatischer Einmütigkeit zu wecken und moderate Töne zu übertönen. Selbst der nicht gerade unbekannte Eloy Gutierrez Menoyo, immerhin Gründer des Cambio Cubano (Kubanischer Wechsel) und ehemaliger Guerillero mit und dann gegen Castro, kam nicht zu Wort. Der 66-Jährige, der für einen Dialog mit Kuba eintritt und auch schon von Castro empfangen wurde, musste Anzeigen kaufen, um sich Gehör zu verschaffen.
Doch Menoyo ist nicht der Einzige, der versucht, dem Teil der Exilgemeinde Gehör zu verschaffen, der sich für einen Wandel der US-Kubapolitik einsetzt. 46 Prozent sollen es Umfragen zufolge sein, und runde sechzig Prozent stimmten bei einer Internet-Umfrage der Tageszeitung Miami Herald dafür Elián an den Vater zu übergeben. Natürlich sind derartige Zahlen nicht allzu aussagekräftig, wenn sich ansonsten wenig im Auftreten nach außen ändert. Allerdings hat das auch seinen Grund, und kaum jemand kann es besser erklären als eben Menoyo. Für ihn ist es eine Anti-Castro-Industrie gegen die er angetreten ist. Die würden die Kuba-Embargopolitik wie eine Geisel halten, moderate Exil-Kubaner mit brüllenden Radiosendern einschüchtern, und jedes Mittel sei ihnen recht um ihren schwindenden Einfluss aufrechtzuerhalten, wettert der von der CANF als Büttel Castros verunglimpfte Mann. Für ihn agiert die CANF nicht anders als Fidel Castro in Kuba. Repression sei auch ein Instrument der Hardliner.
Dafür gibt es in Miami reichlich Beispiele. Das Restaurant Centro Vasco ging 1996 in Flammen auf, weil der Besitzer sich weigerte, einer kubanischen Bolerosängerin, die dort auftreten sollte, abzusagen. Die Universitätsprofessorin María Cristina Herrera, die offen für den Dialog mit Castro eintrat, entkam mehreren Bombenanschlägen nur knapp. Angefeindet wurden auch Gloria und Emilio Estefan, als sie sich 1997 für den Auftritt kubanischer Musiker im Rahmen eines Kongresses stark machten. Freie Meinungsäußerung kann in Miami ungeahnte und unangenehme Folgen haben. So haben sich viele entschieden, den Mund zu halten.

Kubanische Millionarios

Schweigen muss jeder der bei Hardlinern angestellt ist. Die verfügen nach wie vor über beträchtlichen politischen und ökonomischen Einfluss. Mindestens 1.000 kubastämmige US-Bürger haben Millionenvermögen angehäuft – unter ihnen natürlich auch Jorge Mas Santos, der die Firma MasTec seines Vater übernommen hat. Die macht eine runde Milliarde Umsatz im Jahr, und aus deren Gewinn ist so manche Aktion der CANF, unter anderem auch die wichtigen Parteispenden in Wahlkampfzeiten, finanziert worden.
Wer in Miami in der Politik etwas werden will, muss sich gegen Castro gerade machen. Antikommunismus ist dort Bestandteil der Kommunalpolitik, diagnostizierte der Miami Herald, und wer nach oben will muss stramm auf der ideologischen Flöte spielen. 1997 kandidierten beispielsweise zwei castro-feindliche Cuban Americans für das Bürgermeisteramt der Stadt. Allein das zeigt wie gut die Exilgemeinde seit den 80ern gelernt hat, an Einfluss zu gewinnen. Auch in der Finanz-wirtschaft und Politik haben viele Cuban Americans Fuß gefasst. Zu verdanken haben sie dies der besseren Ausbildung, aber auch der systematischen Begünstigung bzw. Förderung durch die US-Behörden mittels Krediten und anderer Starthilfen. Lobbying beherrschem viele Exilkubaner aus dem Eff-Eff. Die Basis dafür waren die Annahme der US-amerikanischen Staatsbürgerschaft und die Nutzung des Wahlrechts. Damit hatten sie den meisten anderen Exilgruppen einiges voraus. Den damit einhergehenden Einfluss wusste vor allem Mas Canosa zu kanalisieren.

Die YUKAs kehren Miami den Rücken

Doch so einfach wie in den achtziger und zu Beginn der neunziger Jahre lässt sich die exilkubanische Einheit heute nicht mehr herstellen. Zum einen drängt die Wirtschaft darauf, endlich auch in Kuba Geschäfte machen zu dürfen, zum anderen sind die Kinder nicht gewillt, das gleiche Banner vor sich herzutragen wie ihre Eltern. Die nachwachsende Generation nimmt die USA nicht als Diaspora und Kuba nicht als das verlorene Paradies wahr. Auch die nachfolgenden Immigrationswellen von 1980 und von 1994, haben andere Sichtweisen ins Exil gebracht. Die jüngeren Exil-Kubaner kamen eben nicht aus einer begüterten Oberschicht, die sich von der Revolution beraubt fühlt und sind nicht überwiegend weiß, sondern farbig. Sie können der kubanischen Revolution auch Positives abgewinnen, allerdings wird Derartiges in der Öffentlichkeit in Miami nicht vertreten – es könnte schließlich den falschen Ohren zugetragen werden.
Gleichwohl halten viele den Kontakt zur Familie auf der Insel, reisen über Mexiko nach Kuba und überweisen die dringend benötigten US-Dollar auf die Insel. Jährlich zwischen 800 und 1.000 Millionen US-Dollar sind es nach Schätzungen der UN-Wirtschaftskommission für Lateinamerika und die Karibik (CEPAL), die aus Miami nach Kuba fließen und die Inselökonomie mit über Wasser halten. Den Hardlinern sind diese Transfers natürlich ein Dorn im Auge, aber daran ändern können sie nichts. Zudem haben viele Cuban Americans der zweiten Generation längst ihrer Neugier nachgegeben und sind ohne das Wissen der Eltern nach Kuba gefahren – auf der Suche nach ihrer eigenen Identität.
Andere junge Cuban American haben die ihre schon gefunden. Rund ein Drittel der Cuban Americans der zweiten Generation geben mittlerweile an, dass sie sich als US-Amerikaner fühlen. Zudem kehren viele aus der zweiten Generation, die es sich leisten können, Miami den Rücken. Sie entfliehen dem Dunstkreis Miamis und den damit einhergehenden Tabus. Manche der Alten haben das begriffen und klagen darüber, das der American Way of Life ihre Kinder verderbe. Stöhnend nehmen sie zur Kenntnis, dass traditionelle kubanische Feiertage einen US-amerikanischen Anstrich kriegen, dass ihr Kuba ein anderes ist als das der YUCAs, der Young Urban Cuban Americans.
Einige der Veteranen haben eingesehen, dass ihr Kampf schon lange verloren ist. Andere wollen es allerdings nicht wahrhaben und sehen sich nach wie vor als Märtyrer einer politischen Mission oder als Opfer Fidel Castros. Diese Fraktion, die in der CANF beheimatet ist, kämpft gegen den Verlust der Disziplin und ihrer Meinungshoheit. Zum Instrumentarium gehört die massive Einflussnahme über die Medien. Abweichende Meinungen werden, wann immer es geht, außen vor gelassen. Die Auseinandersetzung um El¡án war dafür das beste Beispiel.
Aber die Fraktion wird kleiner – die biologische Uhr tickt gegen sie und die vielbeschworene Einheit des Exils, die es faktisch so nie gegeben hat, ist lange dahin. Aus dieser Perspektive könnten auch die Präsidentschaftswahlen ausgesprochen interessant werden. Denkbar wäre es schließlich auch, dass die CANF eine Abfuhr bekommt für die aus exilkubanischer Sicht erschwerte Ausreise nach Kuba. Die Beschränkung auf einen Flug pro Jahr wird bestimmt nicht allen Cuban Americans geschmeckt haben und auch die Fortführung der Embargo-Politik ist, wie erwähnt, alles andere als klar mehrheitsfähig.

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