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Bürgerkrieg und Flucht: Vertreibung in Kolumbien

Die Motive der Landflucht haben sich in Kolumbien geändert. Heute fliehen die Menschen vor allem vor dem, in einigen Regionen des Landes allgegenwärtigen, Terror verschiedener bewaffneter Gruppierungen. Oder sie werden schlicht und einfach von ihrem angestammten Land durch Großgrundbesitzer vertrieben. Dann müssen sie ihren Wohnsitz zwangsweise verlegen.
Nach Angaben der Beratungsstelle Menschenrechte und gewaltsame Vertreibung (CODHES) sind für nahezu die Hälfte aller Vertreibungen paramilitärische Gruppen und für 35 Prozent Guerillagruppen verantwortlich. Bedrohungen, Morde, Massaker und Bombenattentate von Paramilitärs, der Guerrilla – vornehmlich den FARC und der ELN —, der Polizei, der Armee und sonstigen bewaffneten Gruppen veranlassen Tausende zur Flucht. Die vier größten städtischen Ansiedlungen Kolumbiens sind zugleich die vier wichtigsten Migrationsziele des Landes: Bogotá, Medellín, Cali und Barranquilla verzeichneten innerhalb der letzten 25 Jahre mit Abstand die meisten Zuwanderungen. Die großen Städte des Landes gelten nach wie vor als Fluchtorte vor der Gewalt des Bürgerkriegs.

Bogotá – Hauptstadt der Vertriebenen
Das könnte sich allerdings bald ändern, denn die Präsenz von Paramilitärs und Guerilleros in den Stadtgebieten nimmt zu. Auf jeden Fall verändern sich die Bevölkerungsstrukturen in den Städten: Große Bevölkerungsteile verarmen oder werden marginalisiert; entsprechend breiten sich Stadtviertel mit verfallener Bausubstanz und unzureichender Anbindung an die öffentliche Infrastruktur aus: Arbeitslosigkeit, Beschäftigung im informellen Sektor, Kriminalität und Umweltbelastungen wachsen. Die herkömmlichen Bevölkerungsstrukuren wurden transformiert. Besonders im Großraum Bogotá ist diese Entwicklung hautnah mitzuerleben. Dort haben sich vor allem im letzten Jahrzehnt informelle Landnahmen und die Bebauung unkontrolliert ausgebreitet. Wie CODHES berichtet, kamen allein zwischen Dezember 1997 und November 1998 rund 55.000 Vertriebene nach Bogotá. Das war mehr als ein Fünftel aller Flüchtlinge innerhalb Kolumbiens in diesen Jahren. Die Dunkelziffer dürfte noch weit höher liegen, denn längst nicht alle Vertriebenen werden administrativ erfasst.

Entsiedlung auf dem Land
Die Bevölkerungsverdichtung in den Ballungszentren Kolumbiens geht einher mit der Entsiedlung ländlicher Regionen. Allein im Jahr 2000 siedelten Schätzungen zufolge knapp 350.000 Vertriebene vom Land oder kleineren Städten in Großstädte um. Nachdem zu Beginn der 90er Jahre die Zahl der Vertriebenen zurückgegangen war, wuchs diese von 1994 bis heute wieder kontinuierlich an und erreichte in den letzten Jahren neue Rekordwerte. Auch künftig ist kaum mit einem Rückgang der Vertreibungen zu rechnen, da Präsident Uribe versucht, den auf sozialen Ungerechtigkeiten basierenden Konflikt im Land militärisch zu lösen. Die Kampfhandlungen haben in den letzten Monaten in weiten Teilen Kolumbiens zugenommen.

Vertrieben und ohne Chancen
Im Durchschnitt bestehen die vertriebenen Familien aus fünf Personen. In acht Prozent dieser Familien fehlt der Vater und ein Drittel der Familienmitglieder sind Kinder im Alter von vier bis dreizehn Jahren, 32 Prozent sind Personen zwischen 18 und 40 Jahren. Verglichen mit der hauptstädtischen Bevölkerung sind die Vertriebenen unterdurchschnittlich gebildet: Über die Hälfte von ihnen verfügt lediglich über einen Grundschulabschluß, 22 Prozent besitzen einen Realschulabschluss, und nur ein Prozent besuchte eine Universität. Die Aussicht auf Beschäftigung ist für diese Menschen gering. Staatliche Programme und insbesondere private Initiativen versuchen die gravierendsten Probleme der Neuankömmlinge abzufedern, doch angesichts des Zustroms der Vertriebenen sind diese Maßnahmen nicht ausreichend.
Die Konsequenz: Die hauptstädtischen Straßen füllten sich bis Juli 2003 mit bettelnden Vertriebenen. Danach wurden sie durch ein neues Gesetz kriminalisiert und wiederum aus dem Zentrum vertrieben. Die informellen Armenviertel vor allem im Süden und Südwesten der Stadt wachsen seit vielen Jahren kräftig. Das Problem: Aufgrund der Hilfsprogramme verschiedener Seiten für anerkannte Flüchtlingsfamilien sehen sich viele soziale Gruppen der angestammten, traditionell armen Bevölkerungsteile in den entsprechenden Vierteln der Hauptstadt übervorteilt. Der Neid auf die geringe finanzielle Unterstützung der Vertriebenen von staatlicher Seite wächst. Enorme soziale Spannungen und zum Teil gewaltsame Auseinandersetzungen unter den einzelnen Parteien sind die Folge. Dieses Konfliktpotential ist mittlerweile den meisten Akteuren bekannt, die sich mit der Vertriebenenproblematik beschäftigen. So hat das Netz der Sozialen Solidarität (RSS), ausführendes Hilfsorgan der kolumbianischen Regierung, bereits reagiert und erarbeitet Strategien zur Bewältigung dieses Problems. Oberste Priorität haben für das RSS vor allem die Verbesserung der Gesundheitsversorgung und der Bildungssituation sowie die Eingliederung der Vertriebenen in den städtischen Arbeitsmarkt. Mittelfristiges Ziel ist es, dass die Flüchtlinge eigenes Geld verdienen und nicht mehr auf staatliche Zuwendungen angewiesen sind. In Anbetracht einer gegenwärtigen Arbeitslosigkeit von etwa 24 Prozent im Stadtraum von Bogotá und einer informellen Beschäftigung von 50 Prozent aller städtischer Erwerbstätigen ohne jegliche soziale Absicherung dürfte das ein aussichtsloses Unterfangen sein.
Langfristige Zielsetzung aller staatlichen Bemühungen ist die Rückführung der vertriebenen Menschen in ihre Heimat nach Beendigung des Bürgerkriegs. Bis heute kehrten lediglich acht Prozent aller Vertriebenen in ihre Heimat zurück. Viele Vertriebene ziehen nach einer Weile das Leben in der Großstadt vor. Dabei spielen Migrationsnetzwerke eine entscheidende Rolle. Auch Familienangehörige, Freunde oder Bekannte – häufig zu einem früheren Zeitpunkt aus ähnlichen Gründen zur Migration gezwungen – erleichtern den Neuankömmlingen die Eingliederung ins hauptstädtische Leben.

Trübe Aussichten
Darüber hinaus sind viele der Herkunftsregionen der Vertriebenen traditionelle Kampfgebiete, in denen teilweise über Jahrzehnte hinweg gewaltsam ausgetragene Konflikte stattfinden. Dies macht eine Befriedung und damit eine sichere Rückkehr vieler Menschen nahezu unmöglich.
Durch die wachsende Bevölkerungsdichte kommt es zunehmend zum Kampf um Grund und Boden in der kolumbianischen Hauptstadt. Grundstückspreise und Mieten steigen: Teile der unteren Mittelklasse verlassen ihre traditionellen Stadträume unter dem Druck steigender Preise und siedeln sich im Zuge innerstädtischer Migrationsprozesse im Süden der Stadt an, was wiederum einen Anstieg der dortigen Preise nach sich zieht. So werden die Ärmsten der ohnehin schon Armen, unter ihnen auch sehr viele Vertriebene, aus der Stadt heraus in das Umland abgedrängt. Die meisten von ihnen finden sich in Soacha wieder, einer Stadt an der südlichen Grenze Bogotás. Es wird davon ausgegangen, dass über ein Viertel aller innerhalb Soachas vorgenommenen Baumaßnahmen illegal sind. Kürzlich wurde Soacha in einer Regionalstudie kolumbianischer Stadtplaner, Architekten und Soziologen als eines der deprimierendsten Zentren städtischer Armut im ganzen Land bezeichnet.
Prognosen zur Bevölkerungs- und Stadtentwicklung Bogotás lassen für die kommenden Jahre kaum einen Wandel dieser Zustände erhoffen. Angesichts eines nicht abzusehenden Endes des kolumbianischen Bürgerkriegs wird die Zivilbevölkerung in den Konfliktgebieten auch künftig leiden und in letzter Konsequenz ihre Heimat verlassen. Der Migrationsstrom der Vertriebenen wird nicht abreißen.

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