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Carmen Boullosas Schattenwürfe

Lo hizo el aire al atardecer. Dos,
tres toques, como cincel en roca pero suavemente, imagino que como si hubiera dado un beso. Después miré al espejo y vi que ahí había brotado un rostro”, so heißt es in dem bisher nicht ins Deutsche übersetzten Roman “Mejor desaparece”: “Die abendliche Luft verursachte es. Zwei, drei Berührungen, wie ein Meißel auf dem Felsen, aber sachte, ich stelle mir vor, wie wenn sie mir einen Kuß gegeben hätte. Danach schaute ich in den Spiegel und sah, daß dort ein Gesicht gesprossen war” (Übersetzung: E.G.).
1954 geboren, gehört Boullosa nicht der jüngsten, aber doch der jüngeren Generation mexikanischer SchriftstellerInnen an, und sie ist, jenseits von Angeles Mastretta und Laura Esquivel, eine Schreiberin mit einem sehr eigenen und komplexen poetischen Programm. Nicht nur, daß ihre stilistische Palette von früherer und späterer Lyrik über Bühnentexte und den fragmentarischen Roman, den historischen oder “imaginär-historischen” und “trans-historischen”, meist in Collage-Technik geschriebenen Roman reicht, sondern sie vermittelt ihre Konzepte und Visionen auch über eigenwillige Kunstgriffe und sammelt in ihrem Werk eine Vielzahl grundsätzlicher Themen. “Mejor desaparece” ist ein fragmentarisiertes, hermetisches, aus mehreren weiblichen Stimmen geflochtenes Psychogramm einer mittelständischen mexikanischen Familie nach dem Verlust der Mutter. Darin geht es zweifelsohne um Identität, um das Erwachen einer Erkenntnis über sich selbst, über den eigenen Körper, der bei Boullosa meist ein weiblicher ist. Identität, so läßt sich bei der Lektüre des Werkes der Schriftstellerin aus Mexiko-Stadt resümieren, ist eines ihrer zentralen Themen, und daraus ergeben sich Nebenaspekte, daraus erwachsen Varianten und Figurationen. Boullosa kehrt ihre Identitäts-Imagerien häufig ins Negative. Die Größe und das Bewußtsein des Ich sind denn von Entfremdung bedrohte Kategorien, die Boullosa vermittels der literarischen Verzerrung und Fragmentarisierung ästhetisch übersetzt. Dazu gesellt sich die Kategorie des Körperlichen, Medium und Ausdruck der Suche nach sich selbst und nach den anderen, einer Suche, die sich ihren Weg durchaus schwebend durch Zeit und Raum und über Wunder bahnen kann, so wie es in dem Roman “Duerme” geschieht, der gerade von Susanne Lange ins Deutsche übersetzt wird, oder auch in “La Milagrosa” (deutsch “Die Wundertäterin”, Frankfurt/Main 1995), oder in den ebenfalls noch nicht in deutscher Übersetzung vorliegenden Roman “Llanto”.
Carmen Boullosa ist eine Meisterin des subtilen Verweisens. Sie markiert in ihren textuellen Universen, die Traumwelten gleichen und dennoch so sehr von vergangener oder aktueller Realität sprechen, die sensiblen Orte des Menschseins im Erleben von Geschichte, intersubjektiver Konstellation und Introspektion. Dabei sprengt sie Grenzen und bedient sich souverän der Mittel der Dekonstruktion in einem sehr post-modernen Sinn. So wird der Körper Claires, der Protagonistin aus “Duerme”, zu einem Gefäß, in dem sich weibliche und männliche Träume aus der Zeit des kolonialisierten Amerika treffen, ineinander verweben, so wie die literarische Figur Männer- und Frauenkleidung übereinander trägt, die ihr wie Masken erlauben, Identität zu verbergen oder zu unterstreichen. So sind die Stimmen, die den Roman “Mejor desaparece” konstituieren, nur vage weiblich markiert und ineinanderüberfließend, ja bisweilen als eine einzige, kollektive Stimme zu lesen. In diesem Verfahren, bei dem Körper über die eigenen physischen Grenzen hinausreichen und Stimmen ineinanderfließen, situiert Boullosa neben dem Thema der Identität das der Erinnerung. Wie die Identität ist diese in ihrem Werk, gemäß dem Verständnis der ästhetischen Moderne und vor allem der Postmoderne, keine konsistente Größe, das Erinnern kein Akt, der als ein vollständiger zu leisten wäre. Erinnerung oder Nicht-Erinnerung kann dabei zur Katastrophe werden, aber auch zu einem schließlich identitätsstiftenden Moment, wenn sie sich in einen Schritt auf die Entäußerung leiten läßt. Boullosa läßt sich einen solchen Sieg jedoch nicht leicht davontragen. Immer wieder werden in der Entwicklung der Figuren oder deren Momentaufnahmen, den Fragmenten ihrer Identität, “Nullstellen” entdeckt, blinde Flecken ausgedehnt. Abwesenheit, Mangel und Leere sind in der überaus komplexen, poetisch vollen literarischen Welt Boullosas die bedrängenden Nachbarn der Phantasie.

Symposium zum Werk von Carmen Boullosa (Berlin, 18./19.11.1997)

Wer sich für neuere, innovative Literatur aus Mexiko interessiert, kam auf dem Berliner Symposium auf seine Kosten. “Conjugarse en infinitivo – la escritora Carmen Boullosa” hieß das Symposium, das im Iberoamerikanischen Institut stattfand und seinen Abschluß mit einer Lesung von Carmen Boullosa und einem Roundtable-Gespräch mit ihr, Jean Franco und Barbara Dröscher fand.
Das Symposium bestand aus fünf Arbeitstischen und einer Schlußveranstaltung. Die verschiedenen Beiträge aus sieben Ländern (Mexiko, USA, Großbritannien, Deutschland, Frankreich, Italien und Österreich) zeigten die ganze Bandbreite der aktuellen Forschung zu ihren Werken. Dabei wurde auch deutlich, daß bestimmte Themen immer wieder aufgegriffen und besprochen wurden.
Der Zusammenhang zwischen Geschichtsschreibung und Fiktion in ihren Romanen wurde mehrfach analysiert. Es ging dabei um die Frage, welche Rolle das Gedächtnis spielt, und mit welchen Mitteln die kleine, verborgene Geschichte im Roman vermittelt wird. Gerade in einem Land wie Mexiko, in dem Geschichtsschreibung in Schulbüchern gefälscht wird, ist dies eine wichtige Fragestellung. Im Zusammenhang mit Geschichte kam ebenfalls eine Diskussion darüber auf, ob in Carmen Boullosas Büchern Utopien von einem anderen Mexiko beschrieben werden, sei es durch Allegorisierung von Körpern, die Heraufbeschwörung der Apokalypse oder durch den Einsatz von Ironie und Parodie.
Diese beiden Stilmittel wurden auch bei der feministischen Lektüre hervorgehoben. Der Bezug zu anderen Texten, zum Beispiel zu Dokumentationen über Piratinnen oder bekannte mexikanische Weiblichkeitsmythen wie das der Malinche, erweiterte das Spektrum der Leseweisen. Ein wichtiger Ansatz war die Auflösung der fixen Identitätsgrenzen, sowohl was Geschlechtsidentitäten als auch was Identitäten von Stimmen im Roman angeht. Maskerade, cross-dressing und die neuen Theorien zum Geschlecht aus den USA wurden hier zitiert.
Bei den Texten einer Schriftstellerin, die man der postmodernen Ästhetik zuordnen kann, mußte die Frage des Spiels mit den typischen Elementen der Postmoderne und Moderne kommen. Gleich mehrere Arbeitstische beschäftigten sich mit diesem Thema. Die Theaterstücke und Gedichte von Carmen Boullosa wurden in diesen Zusammenhang gestellt, aber auch ihre Romane. Die Rekonstruktion des Textes durch frühere Texte und die verschiedenen Bedeutungsebenen im Text waren ein Aspekt dieser Vorträge. Andere stellten den Gebrauch von Metaphern, von Textfragmenten, das Verschwinden eines Erzählers oder einer Erzählerin, die durch den Text führt, und die Virtualität von Körpern fest.
Ein Höhepunkt des Symposiums waren die Vorträge des mexikanischen Essayisten Carlos Monsiváis und der US-amerikanischen Professorin Jean Franco zu neueren Tendenzen in der mexikanischen Literatur und die Eröffnungsrede von Carmen Boullosa selbst. Insgesamt entstand ein vielfältiger, dynamischer, teilweise polemischer Dialog.

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