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Chiapanekischer Schlamm und wilde Banditen aus dem Sertâo

A Place called Chiapas – das ist die Geschichte von einer Kanadierin, die auszog, um den Zapatismus kennenzulernen. Der Aufstand der Indígenas hatte offenbar auch die Filmemacherin Nettie Wild am anderen Ende der Freihandelszone NAFTA neugierig gemacht. Und so zog sie samt Team und Kameras los, um den Regenwald zu durchstreifen und zu verstehen, was die Vermummten im südostmexikanischen Hinterland umtreibt. Doch es kam anders, ziemlich anders, als sie es sich vorgestellt hatte. Von der Revolutionsromantik, die per Internet über die ganze mehr oder weniger entwickelte Welt schwappte und wohl auch Nettie Wild anzog, ist zum Schluß nichts mehr übrig geblieben.
Wie es dazu kam, davon erzählt eindrucksvoll ihr 90minütiger Dokumentarfilm „Ein Ort namens Chiapas“. Es mag dahingestellt bleiben, ob der Titel der im nordamerikanischen Zielgebiet weit verbreiteten Unwissenheit geschuldet ist. Wer diesen Film mit einem Minimum an Interesse ansieht, wird auf jeden Fall sehr viel über den Konflikt lernen. Mit eindrucksvollen Bildern erzählt Wild die Geschichte des Zaptistenaufstands vom 1. Januar 1994 bis Ende 1996. Doch es ist keine streng chronologische Darstellung. Sie entwickelt verschiedene Stränge, die an wenigen zentralen Ereignissen aufgehängt und zu einem sehr anschaulichen, glaubwürdigen Gemälde von Aufstand und Aufstandsbekämpfung verdichtet werden.
Nettie Wild fängt dabei alltägliche und weniger alltägliche Lebenssituationen in einem der ärmsten Bundesstaaten Mexikos ein. Die Bilder sprechen für sich. So stehen die nackten Indígena-Füße im chiapanekischen Schlamm in unüberwindlichem Kontrast zu den ordentlich geputzen Schnürstiefeln der Militärpolizisten. Campesinos und Campesinas kommen ebenso zu Wort wie Großgrundbesitzer. Viele Einstellungen stammen aus der Zapatistenhochburg La Realidad,unterlegt von teilweise witzigen Kommentaren. So wird die Hebamme des Ortes mit dem Hinweis vorgestellt, sie habe hunderte Zapatisten auf die Welt gebracht. Nettie Wild macht kein Hehl aus ihrer Sympathie für die Zapatistenbewegung.

Politisch korrekt

Der Film umschifft gekonnt die gestalterischen Klippen, die in einer fremden, exotischen Welt auf Ortsunkundige warten. Die buntgekleideten Indígenas werden nicht als pittoreske Farbkleckse auf dem Altar einer TV-adaptierten Ästhetik geopfert. Die Maya-Bevölkerung geht nicht unterwegs als Protagonist der Geschichte verloren, obwohl sie verbal deutlich unterrepräsentiert ist. Das Wort haben in erster Linie Bischof Samuel Ruiz und Subcomandante Marcos, und die über weite Passagen aus dem off kommentierende Filmemacherin. Und da liegt eine gewisse Schwäche des Streifens: Obwohl inhaltlich, abgesehen von wenigen Details, richtig und vor allem den Ansprüchen der political correctness genügend, wäre weniger Kommentar mehr gewesen. Und es hätte den Eindruck des unvermeidlichen Blicks von außen ein wenig verringern können.
Dabei wirken die Fragen der Filmemacherin an ihre spanischsprachigen Gesprächspartner wie nachträglich eingefügt. In nordamerikanischer Unirritiertheit scheitert sie dabei außerdem noch an den üblichen grammatikalischen Hürden. Und die wenigen Mexikaner, die sie in ihrer eigenen, englischen Muttersprache interviewt, lassen die ihnen sonst eigene sprachliche Eloquenz vermissen. Eine inhaltliche Beschränkung, die Nettie Wild bewußt für ein direkteres Ansprechen des überwiegend englischsprachigen Publikums in Kauf nimmt.
Beeindruckend, fast beängstigend dicht wird der Film dort, wo er vom eigentlichen Thema abweicht. Erst während der Dreharbeiten bekommen die FilmemacherInnen offenbar etwas von dem neuen, postzapatistischen Wind mit, der seit 1996 immer heftiger durch Chiapas weht. Die ZuschauerInnen geraten mitten hinein in die Gewalt paramilitärischer Gruppen, werden AugenzeugInnen der Vertreibung von Campesinos/as und der aufdringlich indifferenten Haltung der chiapanekischen Polizei. Einziger Wermutstropfen von „A place called Chiapas“: Der Film kommt ein wenig zu spät, obwohl ihm die letzten Gewaltakte der zerfallenden Macht in Chiapas leider doch wieder Aktualität verleihen. Denn das Massaker von Acteal, das im Abspann erwähnt wird, hat den schmutzigen Krieg über die Grenzen Mexikos hinaus zum Thema gemacht. Viel ist seither passiert. -Vor einem halben Jahr, als noch kaum jemand von paramilitärischen Gruppen und Krieg niederer Intensität sprach, wäre dieser wirklich beeindruckende Film noch viel wichtiger gewesen. So ist er vor allem ein historisches Dokument.

A Place Called Chiapas – Ein Ort namens Chiapas, Kanada 1998, 90 Min., Regie: Nettie Wild

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