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Cine Latino: Szenen einer globalisierten Welt

Bereits seit Jahren ist nicht nur im lateinamerikanischen Kino ein starker Trend zu internationalen Co-Produktionen zu verzeichnen. Das argentinische Kino hat sich maßgeblich mit ausländischen Finanzspritzen durch die Wirtschaftskrise gerettet. Ähnliches gilt für Uruguay, dessen internationale Überraschungserfolge der letzten Jahre Diego Arsuagas El último tren (2002) und Whisky von Pablo Stoll und Juan Pablo Rebella (2003) ebenfalls internationale Co-Produktionen waren.

Latino-Regisseure in Spanien

Eine zentrale Rolle bei den Co-Produktionen kommt dabei Spanien zu, wo der lateinamerikanische Film allein schon aus historischen und sprachlichen Gründen eine breite Aufmerksamkeit genießt. Seit vielen Jahren sind lateinamerikanische, insbesondere argentinische SchauspielerInnen in Spanien sehr präsent und pendeln zwischen den Kontinenten. Mittlerweile passiert es jedoch immer häufiger, dass in Spanien lebende Latinos/as auch als RegisseurInnen im Gastland drehen. Dabei arbeiten sie allerdings zumeist mit Drehbuchvorlagen spanischer AutorInnen. 2005 überraschte der argentinische Schauspieler Federico Luppi mit seinem Film Pasos, der die Zeit der spanischen Transición, den Übergang von der Diktatur zur Demokratie, aufarbeitet. Auch der kolumbianische Regisseur Sergio Cabrera (La estrategia del caracol) arbeitet parallel auf beiden Seiten des Atlantiks. So brachte er 2005 seinen neuen Spielfilm, Perder es cuestión de método, in die Kinos, einen in Bogotá angesiedelten Krimi, in dem er in einer Mischung aus Sozialkritik und satirischer Überzeichnung die Korruption der kolumbianischen Gesellschaft anprangert. Zusätzlich führte Cabrera Regie bei einer äußerst erfolgreichen Fernsehserie des staatlichen spanischen Fernsehens, die die Geschichte einer Madrider Familie unter Franco schildert.
Eine der herausragenden spanischen Filmproduktionen des Jahres 2005 war El método, in der Regie des Argentiniers Marcelo Piñeyro. Der Film handelt vom aggressiven und perversen Auswahlverfahren für den Managementnachwuchs eines Konzerns in Madrid.
Ein besonders schönes Beispiel dafür, wie mittlerweile die Grenzen innerhalb der iberoamerikanischen Filmszene fließend geworden sind, ist die kubanisch-spanische Co-produktion Habana Blues. Der Spanier Benito Zambrano hat in der Escuela Internacional de Cine y Televisión auf Kuba Drehbuch und Regie studiert. Sein Film erzählt von jungen Musikern, die vom großen künstlerischen Durchbruch träumen. Als zwei Musikproduzenten aus Spanien mit großmundigen Versprechungen die Bildfläche betreten, bietet sich ihnen scheinbar die einmalige Chance, der Alltagsmisere auf Kuba zu entkommen. Es kommt zur großen Zerreißprobe innerhalb der Band. „In Habana Blues versuche ich, einen Film aus der Innenansicht des Landes heraus zu machen. Ich hoffe, es ist mir gelungen, dass die Leute nicht sehen, ob der Regisseur Kubaner ist oder nicht.“ Zambrano gewann mit Habana Blues 2005 beim Festival Internacional del Nuevo Cine Latinoamericano in Havanna den Preis für den „Besten Film eines nicht lateinamerikanischen Filmemachers über Lateinamerika“.
Auch das mexikanische Kino hat in den letzten Jahren einen ungeheuren Internationalisierungsschub erlebt. Mexikanische Filmleute sind derzeit sowohl im eigenen Land als auch im Ausland so erfolgreich wie schon lange nicht mehr. Die prominentesten Beispiele sind Alfonso Cuarón und Alejandro González Iñárritu, deren Filme Y tu mamá también (2001) beziehungsweise Amores Perros (2000) ein internationales Publikum durch ihre innovative Filmsprache und ihren schamlosen Blick auf Gewalt, Sex und Beziehungen beeindruckten. Cuarón, der bereits zuvor mehrfach im Ausland gearbeitet hatte, inszenierte eine der letzten Harry Potter Verfilmungen. González Iñárritu drehte 2003 in den USA 21 Grams. Ursprünglich hatte er das Drehbuch auf Spanisch geschrieben und wollte den Film in Mexiko realisieren. Doch die Sirenenklänge aus Hollywood waren stärker.
Die Tatsache, dass mexikanische Filmemacher auch in den USA arbeiten, heißt auf der inhaltlichen Ebene noch lange nicht, dass ihre Filme dadurch unkritisch die Segnungen des angeblichen „Landes der unbegrenzten Möglichkeiten“ feiern. Das beste Beispiel dafür ist die Drehbuchvorlage des Mexikaners Guillermo Arriaga für das Migrantendrama Die drei Beerdigungen des Melquiades Estrada von Tommy Lee Jones. Arriaga, der durch seine Drehbuchvorlagen für Amores perros und 21 Grams bekannt wurde, gewann mit dem Skript für diesen Film beim Festival in Cannes 2005 den Preis für das beste Drehbuch. Bei der Preisverleihung in Cannes widmete Arriaga den Film allen MexikanerInnen, insbesondere denen, die die Grenze überqueren müssen.
Das brasilianische Kino erlebte 2002 dank Filmen wie Cidade de Deus von Fernando Meirelles und Estacão Carandiru von Hector Babenco einen enormen Publikumsboom. Cidade de Deus war ein internationaler Erfolg und wurde unter anderem für vier Oscars nominiert. In seinem neuesten Film The Constant Gardner (2005) begibt sich Meirelles im wahrsten Sinne des Wortes auf fremdes Territorium: Der Film, der nach einer Romanvorlage von John Le Carré entstand und die menschenverachtenden Praktiken internationaler Pharmakonzerne anprangert, ist eine britische Produktion und spielt in Kenia.

Brasiliens Filmemacher arbeiten international

Meirelles’ Landsmann Walter Salles (Central do Brasil), der 2003 mit Diarios de Motocicleta über die legendäre Reise des jungen Che Guevara durch den lateinamerikanischen Kontinent recht erfolgreich war, realisierte als letzten Film eine Auftragsproduktion in den USA, den Horrorthriller Dark Water (2005). Gleichzeitig unterstützt Salles bereits seit Jahren junge brasilianische und lateinamerikanische FilmemacherInnen wie die Argentinierin Julia Solomonoff, die 2005 mit Hermanas debütierte, einem eindrucksvollen Film über die Geschichte zweier Schwestern, deren Jugend durch den Militärputsch und die Repression in Argentinien geprägt wurde und die sich Mitte der Achtziger Jahre in den USA wieder treffen.
Einer der brasilianischen Filme, die Walter Salles in der letzten Zeit produziert hat, ist „Cidade Baixa“, der Erstlingsfilm von Sérgio Machado. Der Film, der 2005 den Hauptpreis beim iberoamerikanischen Filmfestival im andalusischen Huelva erhielt, erzählt die Geschichte zweier Freunde in Salvador de Bahia.
Die Krise der argentinischen Gesellschaft hatte in den letzten Jahren zu der paradoxen Situation geführt, dass einerseits die Produktionsverhältnisse vor Ort immer schwieriger wurden. Gleichzeitig fanden und finden die argentinischen Filmleute in der Krise ihres Landes ein unerschöpfliches Reservoir für Geschichten.
Die Palette der argentinischen Filme zum Thema Wirtschaftskrise reicht von schonungslos realistischen Straßenkinderdramen wie El Polaquito (2003) von Juan Carlos Desanzo bis hin zu einem von Galgenhumor durchtränkten Low Budget-Projekt wie Buena Vida Delivery (2004) von Leonardo Di Cesare. Der Film erzählt die Geschichte eines jungen Mannes Anfang 20, eines typischen Vertreters der verarmten Mittelschicht, dessen restliche Familie im Zuge der Wirtschaftskrise nach Spanien emigriert ist und der sich als Bote durchs Leben schlägt. Als er sich in eine junge Frau verliebt und diese bei ihm einzieht, erlebt er bald eine böse Überraschung: Eines Tages stehen deren obdachlose Eltern auf der Matte und nisten sich einfach ein. Während in Buena Vida Delivery die Krise die skrupellose Seite der Personen zutage bringt, erzählt Juan José Campanella (El hijo de la novia) in seinem neuesten Film Luna de Avellaneda (2004) eine Geschichte von Solidarität und Selbstorganisation: Eine Handvoll Leute ringt um den Erhalt ihres Stadtteilclubs.
Es wäre allerdings weit gefehlt, die schillernde und äußerst vitale aktuelle Filmszene in Argentinien auf das Thema Wirtschaftskrise reduzieren zu wollen. Die Themenpalette ist weit gestreut und reicht von Stadtneurotikerkomödien wie dem Überraschungserfolg No sos vos soy yo von Juan Taratuto (2004) über skurrile Psychothriller, wie El Aura von Fabián Belinsky (2005) bis hin zu Familiendramen, wie El viento von Eduardo Mignogna (2005). Einige der herausragenden argentinischen Filme der letzten Zeit kreisen nach wie vor um die Diktatur und ihre Spätfolgen. So erzählt Tristán Bauer in seinem Film Iluminados por el fuego (2005) vom Malvinas-Krieg. Der Film wurde 2005 beim Internationalen Filmfestival in Havanna mit dem Premio Coral für den besten Film ausgezeichnet.
Daniel Burman bewegt sich in Derecho de familia nicht nur ganz bewusst aus dem jüdischen Ambiente des Viertels Once heraus, dass seinen 2004 mit dem Silbernen Bären ausgezeichneten Film El abrazo partido prägte. Er scheint es auch satt zu haben, dass seine Geschichten auf internationaler Ebene in Schemata gepresst werden. So meinte Burman gegenüber der argentinischen Zeitung Página 12: „In Europa zeigst du die Bar Mitzva deines Cousins und sie sagen dir, dass dies die Krise Argentiniens reflektiert.“
Auch der argentinische Berlinale-Wettbewerbsbeitrag El custodio von Rodrigo Moreno erzählt eine recht private, auf den ersten Blick eher unspektakuläre Geschichte, hinter der sich allerdings eine scharfe Gesellschaftskritik verbirgt. Es geht um den Leibwächter eines zweitrangigen Ministers. „Viele von uns sind“, so Moreno, „Wächter von Institutionen, Unternehmen, Personen oder Ideologien. ‘Befinden wir uns nicht im Zentrum von etwas Absurdem?’, würde Camus fragen.“ Die Teilnahme am Festivalrummel auf der Berlinale ist für Moreno dagegen alles andere als absurd, sondern äußerst spannend und bewegend: „Die Nominierung ist sehr wichtig, nicht nur für uns, sondern für das unabhängige argentinische Kino insgesamt. Ich fühle mich wie der Bannerträger bei den Olympischen Spielen.“

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