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Coisário – eine imaginäre Klangcollage

In Brasilien würde man Rosanna & Zélia wahrscheinlich als MPB-Musikerinnen bezeichnen: Música Popular Brasileira. Sie verarbeiten in ihren Kompositionen musikalische Einflüsse aus allen Teilen des Landes und den ‘gängigen’ Musikstilen, so daß ihre Musik in keine der bekannten Genres wie Samba oder Jazz eingeordnet werden kann. In der Tradition von nahmhaften Größen wie João Bosco, Milton Nascimento oder Marisa Monte schaffen auch Rosanna Tavares und Zélia Fonseca mit ihren vielseitigen Stimmen und musikalischer Experimentierfreude eine neue Verbindung zwischen den bunten Rhythmen Bahias und weltweit populären Stilen.

Musik der Mineiros

Allerdings tragen ihre Kompositionen sehr deutlich die nachdenklichen, geruhsamen, und melancholischen Züge ihres Herkunftslandes Minas Gerais. In dem kleinen Ort Itauna, nicht weit von der Hauptstadt Belo Horizonte fingen die beiden schon in der Schule an, Musik zu machen. Nach dem Studium widmeten sie sich ganz der Musik. Nach sieben Jahren Auftritten in Brasilien, lud sie ein portugiesischer Freund nach Europa ein. Dies traf sich mit dem Wunsch der beiden, andere Kulturen kennenzulernen und außerhalb Brasiliens zu arbeiten. So kamen sie auch zu ihrem ersten Auftritt in Deutschland nach Frankfurt/M. – dort sind sie bis heute geblieben. Nach zwei Jahren trennten sie sich von der Band, mit der noch die erste Live-CD entstand und begannen eine eigene Klangsuche: Die introvertierte, fast schüchterne Mentalität der Mineiros verbinden die beiden Musikerinnen mit den teils rituellen, jedoch lebendigeren bahianischen Rhythmen, wie Ijexá, Baião, Xote oder Congado.
Die neue Platte „Coisário“ ist insgesamt leichter als das letzte Album „Passagem“ (1996) und zeigt, daß die schwierige Zeit des Ankommens in Europa und des Zerrissenseins zwischen den verschiedenen Kulturen überwunden ist. Hatte das erste Studioalbum „Passagem“ (nach der 1993 erschienenen Live-CD „Contra O Mau Humor“) einen eher autobiographischen Charakter, wurden jetzt neue Erlebnisse und Erfahrungen verarbeitet, die die Musikerinnen in der Zwischenzeit in Europa gesammelt haben.

Suche nach neuen Klängen

Dies spiegelt sich auch deutlich in den unterschiedlichen Klangfarben der einzelnen Stücke wider: In „Povo do lugar“ bildet eine beschwingte afrikanische Samba die rhythmische Grundlage für einen Text, der sich mit dem Konflikt zwischen arm und reich, dem Aufeinanderprallen von Intuition und Intellekt beschäftigt – „…gimme just a little piece of that bread mister that makes you so fat…“. Mit der für Brasilien typischen Vermischung unterschiedlicher Religionen beschäftigt sich „Coisário de Imagems“, das von baianischen Maracatu-, Baião- und Congado-Grooves getragen wird. Ganz im Gegensatz dazu steht die mysteriöse Stimmung von Ivan Santos’ Komposition „Lady Multimelacolica“, in der Rosanna zusammen mit Katharina Franck von den Rainbirds zweistimmig und zweisprachig die unbekannte Schöne besingt. Auch die balladeske Caetano Veloso-Komposition „Caja“ wird eher ruhig und geheimnisvoll von Kontrabass, Geige und Cello unterlegt – „Ich höre den Wind wehen, Wellen, Flügel, Gras, Augenblick, Bewegung immer jetzt in mir …“. Im Kontrast dazu steht der funkige Charakter der Gitarrenrhythmen von Zélia und dem Freundeskreisgittaristen Frank Kuruc in „Jabuti“.

„Coisário“ – Unsichtbares Gefäß

Diese vielen verschiedenen Facetten enthält nicht nur das Album sondern auch der Titel „Coisário“ – eine Wortschöpfung des brasilianischen Poeten Manoel de Barros. Sie steht für ein imaginäres Behältnis, in welchem man alle sichtbaren, aber auch unsichtbaren, alle realen, erfundenen und auch die noch nicht ersonnenen Dinge aufbewahrt und vermischt. In den Köpfen der beiden lebenslustigen Brasilianerinnen scheint es genauso ausgesehen zu haben, als sie diese CD aufnahmen.

Aktuelle CD:
Rosanna & Zélia, „Coisário“, Peregrina Music, 1999.

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