Cowboys Electricos
Die Doku Jaripeo führt durch die ungewöhnliche Subkultur des queeren Rodeo
Penjamillo, Michoacán: Eine ländliche Region in Zentralmexiko. Inmitten weiter, trockener Ebenen findet hier jährlich zu Weihnachten das traditionelle Rodeo Jaripeo statt. Ein Fest zur Schau gestellter Männlichkeit: Das Publikum feuert Wagemutige an, die auf Bullen reiten, und konsumiert dazu Alkohol in Strömen. Cowboytrachten soweit das Auge reicht. Eigentlich nicht der Ort, an dem man eine aktive queere Subkultur erwarten würde. Und doch ist sie kaum zu übersehen, wenn man weiß, wo man suchen muss. Der Dokumentarfilmer Efraín Mojica ist selbst ein Teil von ihr und hat zusammen mit seiner Regie-Kollegin Rebecca Zweig in Jaripeo einige überraschende Facetten dokumentiert.

Mojica ist schwul, Rodeo-Fan und stammt aus der Region Penjamillo, doch einen Teil seines Lebens hat er auch in Kalifornien verbracht. Jaripeo ist einerseits ein Testimonial, in dem er sich auf die Suche nach seinen Wurzeln macht, andererseits aber auch eine Vorstellung unterschiedlicher queerer Lebensentwürfe, die Eingang in die vordergründig machistische Rodeo-Kultur gefunden hat. Er selbst gibt sich sehr reflektiert, kleidet und schminkt sich gerne feminin. Der Cowboy Noé fährt dagegen voll auf das hypermaskuline Image des Rodeo ab und stilisiert sich selbst als Macho, wobei auch er schwul ist. Geoutet hat er sich aber nur gegenüber einzelnen Personen und lebt seine Identität nicht offen aus. Umso erstaunlicher sind seine offenen Bekenntnisse im Gespräch mit Efraín Mojica und stellt zum Beispiel an einer Stelle fest: „Ich habe öfter etwas mit Heteros als mit offen schwulen Männern“. Die dritte Persönlichkeit im Film ist der schillernde Joseph, der fast schon zum Maskottchen des Jaripeo geworden ist, und, man glaubt es kaum, trotz seiner offenen Homosexualität auch dem Komitee der örtlichen Kirche vorsteht. Die Message des Films könnte kaum klarer sein: Auch wenn es nach wie vor nicht immer einfach ist, ist die Akzeptanz queerer Lebensformen auch in einem konservativen, ruralen Umfeld möglich.

Jaripeo wechselt zwischen den Interviewgesprächen der drei Cowboys, Rodeo-Szenen und stilisierten Aufnahmen, in denen die Protagonisten fast wie Disco-Stars hin und her tanzen. Eine wichtige Rolle spielt der gut ausgewählte Soundtrack, der von Rancheras bis zu Elektro-Klängen reicht und perfekt auf die Bilder abgestimmt ist. Die knackige Laufzeit von 70 Minuten, die charismatischen Protagonisten und die interessante Bildsprache sorgen dafür, dass Jaripeonie langweilig wird, obwohl der Film keine weitergehenden Narrative oder Spannungsbögen aufbaut. Die Dokumentation versucht nicht künstlich mehr vorzugeben als sie ist und sorgt so dafür, dass man gerne zuschaut, wenn die queeren Vaqueros über ihre Coming-Outs sprechen oder sich ins Festgetümmel stürzen. Efraín Mojica und Rebecca Zweig ist hier ein erfrischendes und unterhaltsames Spotlight auf eine Subkultur gelungen, deren Präsenz man an diesem Ort nicht unbedingt erwartet hätte.
LN-Bewertung: 4/5 Lamas
Jaripeo // Mexiko/USA/Frankreich 2026 // 70 Minuten // Regie: Efraín Mojica und Rebecca Zweig // Spanisch mit englischen Untertiteln // Dokumentarische Form // Berlinale-Sektion Panorama



