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Cuba, Chiapas, Canudos und Cincoesquinas

Was die Anzahl lateinamerikanischer Filme angeht, wird die diesjährige Berlinale (11. bis 22. Februar) leider ziemlich unterbelichtet sein: zwei Spielfilme aus Argentinien, zwei aus Brasilien, ein kanadischer Dokumentarfilm über Chiapas sowie zwei US-amerikanische Dokumentationen über Kuba – so der Informationsstand bei Redaktionsschluß am 22. Januar. „Un Crisantemo estalla en Cincoesquinas“ („Eine Chrysantheme explodiert in Cincoesquinas“) von dem 24jährigen Argentinier Daniel Burman spielt in einem nicht näher definierten südamerikanischen Land, das von Bürgerkriegen und dem General „El Zancudo“ heimgesucht wird. Vor exzellent fotographierter, aber ohne jegliche Ironie überzeichneter Kulisse agieren Caudillos, Rächer der Entrechteten, Huren und Heilige. Der zweite argentinische Film, „Invierno, mala vida“ („Winter, schlechtes Leben“) von Gregorio Cramer, der im heutigen Patagonien spielt, erinnert dagegen mit seiner lakonischen Erzählweise und alkoholgetränkter Männermelancholie an Kaurismäkis Filme vom anderen eisigen Ende der Welt.
Die beiden US-amerikanischen Dokumentarfilme „Cuba 15“ von Elizabeth Schub und „Midnight in Cuba“ von Dimitry Falk nähern sich dem heutigen Kuba, indem sie Jugendliche porträtieren. Der Pressetext zu „Midnight in Cuba“ läßt eine gewisse Selbstüberschätzung des Regisseurs befürchten: „For the first time, the world will be introduced to the hopes and dreams of Cuba’s forgotten generations.“ A ver, a ver! Dagegen beschränkt sich der schlichte, aber amüsante und aufschlußreiche Kurzfilm „Cuba 15“ auf ein Mädchen, das seinen 15. Geburtstag feiert – für jede Kubanerin ein symbolträchtiges, von Festen und Fototerminen flankiertes Datum.
Auch wenn Brasilien, dem letztes Jahr ein Schwerpunkt des Berlinale-Forums gewidmet war, diesmal nur mit zwei Filmen vertreten ist, darf man auf diese sehr gespannt sein. Zum einen ist „Guerra de Canudos“ („Der Krieg von Canudos“) von Sergio Rezende zu sehen, der mit 6 Millionen Dollar teuerste brasilianische Film aller Zeiten. Das fast dreistündige Monumentalepos rekapituliert die blutige Niederschlagung des Aufstands der Bauern von Canudos und ihres Anführers, des messianischen Predigers Antonio Conselheiro. Im Herbst letzten Jahres kam der Film in die brasilianischen Kinos, unmittelbar nach dem 100. Jahrestag des Massakers, das auch heute noch eine offene Wunde in der brasilianischen Geschichte darstellt (vgl. LN 279/280).
Im Wettbewerb der Berlinale hat – neben dem Mexikaner Alfonso Cuaron und dessen in den USA produzierter Charles Dickens’ Adaption „Great Expectations“ – auch der Brasilianer Walter Salles einen Film plazieren können: In „Central do Brasil“ irrt ein kleiner Junge auf der Suche nach seinem Vater durch das Land. Die Suche nach den eigenen Wurzeln war schon treibendes Motiv in „Terra Estrangeira“, Salles’ wütendem, melancholischen und wunderschönen Erstlingsfilm. Darin verschlug es den Protagonisten von São Paulo nach Portugal. Nun findet Salles’ neuester Film den Weg von Brasilien nach Berlin.

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