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“Das Beste hier ist die Disco – Das Schlechteste ist, daß es sonst nichts gibt”

Tzunami wird 15 Jahre alt. Wo mit sich ihr Leben gewaltig verändert. Da findet nämlich der Wechsel von der Phase der Jugend in die Phase des Frau-Seins statt und auf einmal ist nichts mehr wie es war; Man wird verantwortlicher und trifft Entscheidungen besser. Das alles ist wirklich wahr und bedeutet sehr viel. So zumindest sieht es Tzunami, die auf Kuba lebt und für die der 15. Geburtstag – die quinceanera – etwas ganz Besonderes ist.
„15 werden und die Hochzeit – das ist das Größte im Leben einer Frau“, erläutert eine ältere Dame und auch, daß die quinceanera wie der Frühling sei, heute besser als früher oder vielleicht auch umgekehrt – „Psst, sie filmen,“ zischelt der Mann neben ihr.
Eine enorme Geburtstagstorte wird aufgetischt, alle tanzen, bis es zum Höhepunkt des Festes, dem Fototermin in Havanna, kommt: Tzunami mit ernster Miene im wallenden Brautkleid, lächelnd, kokett im kleinen Roten, und dann, gewagt verführerisch – aber auch ein wenig verloren – im glitzernden Blauen. Der Träger hängt ein wenig schief, und überhaupt sitzt das Kleid nicht so recht, aber eigentlich macht das nichts. 15 wird man schließlich nur einmal. Und es ist „wie, sich als Frau zu fühlen“, eine Vorbereitung auf den Ernst des Lebens sozusagen.

Tzunami ohne Auto

Wenn Tzunami über die Liebe redet, meint sie „ja, ich hatte schon drei Freunde – ich mochte sie alle“ – Schnitt – und eine bildfüllende Gruppe von Männern in jedem Alter untermalen diese charmante Aussage – eine Mischung aus kindlicher Naivität und erwachsenem Selbstbewußtsein. Tzumani besticht sie alle, die Männer, die Filmemacherin und die Zuschauer.
Dramatische Momente des Schreckens gibt es aber auch in dieser atemberaubenden Nacht: „In der Nacht zum 15. passierte etwas.“ Nur noch eine schwarze Leinwand ist zu sehen. „Da hat mein Freund mich verlassen, ich habe wohl zuviel getanzt, mich zuwenig um ihn gekümmert, da ist er eifersüchtig geworden.“ Und jetzt – jetzt hat sie keinen Freund und kein Auto mehr.
Einfühlsam und ohne falsche Scheu gelingt es der Regisseurin des Kurzfilms „Cuba 15“, Tzunamis Eintritt in die Frauenwelt festzuhalten. Ihre Ängste vor einer Heirat, die den Verlust der Familie bedeutet, werden kurz und unsentimental angesprochen, die Bilder zeigen ihre ungezwungene Lust am Leben. Anklänge von Altklugheit bei der jungen Dame vermag die Regisseurin durch Witz und Ironie in sympathische Bahnen zu lenken, durch Schnitt und Bildauswahl versteht sie es, die liebenswerten Eigenschaften der 15-Werdenden hervorzuheben. So tanzt Tzunami durch die Bilder, wie es nur durch Filmschnitt möglich ist: vom Hausdach direkt auf das Feld, von dort unvermittelt auf die Straße – wo sie ungeniert vor dem Bildnis Chés mit dem Hintern wackelt.

Liebe auf den ersten Blick

Es scheint, als wären sich bei diesem Filmprojekt zwei Frauen begegnet, die sich auf Anhieb mochten und die mit Leichtigkeit und Spaß einen gänzlich unpolitischen Film auf Kuba drehten. So war „Cuba 15“ auch gar nicht geplant. Während eines Lehrauftrags auf dem Inselstaat begegnete Elisabeth Schub ihrer Heldin ganz zufällig. Sie war von ihrer „Magie“ so beeindruckt, daß sie beschloß, einen Film über sie zu drehen. Zwei ganze Tage hatte sie Zeit dafür, denn dann wurde Tzunami schon 15. Die Kürze der Vorbereitungszeit hat dem Film keinerlei Abbruch getan, im Gegenteil, so schnell, wie der Film entstanden ist, so schwungvoll und mitreißend ist er auch geworden.
Die Reaktionen auf den Film in den USA waren, so erzählt Elisabeth Schub, ganz unterschiedlich. Beflissene Exilkubaner sehen in „Cuba 15“ einen ironischen Kommentar zur aktuellen Lage auf der Karibikinsel. Von kubanischer Seite hingegen wird Schub telefonisch gewarnt, sie solle ihren Film nicht zeigen.
Tzunami kümmert das alles nicht, sorglos tanzt sie auf und davon, während wir dasitzen und sie vermissen werden.

Cuba 15. Regie: Elisabeth Schub. USA 1997, 13 Minuten

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