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Das Beste ist die Übersetzung

„Dir gehört mein Leben“ ist das Fazit einer Lebensgeschichte, die als Romanhandlung zunächst einiges verspricht. Cuca Martínez kommt in den fünfziger Jahren als Teenagerin aus einem kubanischen Provinzkaff nach Havanna. Aus dem unschuldigen Kind vom Lande wird – unter tatkräftiger Mithilfe der lasterhaften Freundinnen Mechunga und Puchunga – rasch ein aufgeschlossenes Menschenkind.
Sie verfällt den berauschenden Tanzschuppen und, begeistert sich für das sinnliche Leben mit Boleros und Chansons, aufreizenden Kostümen und gut sitzenden Leinenanzügen, tiefen Ausschnitten und weichen Lippen. Schließlich – „Dir gehört mein Leben“ – findet sie ihre große Liebe: Juan Pérez, genannt Uan in Anlehnung an das englische one – eben die Nummer Eins, in Cucas Leben und überhaupt.
So weit, so gut. Ein hübscher Einstieg, wenn auch nahe am Sentimentalen. Aber was spricht schon gegen eine Liebesgeschichte? Erst recht gegen eine munter erzählte?
Der Bruch folgt sogleich: Mit Castro kommt die Katastrophe. Uan muß wegen seiner Verbindungen zur Mafia rasch aus dem Land. Er hinterläßt Cuca nichts als ein Kind im Bauch und eine Ein-Dollar-Note, die sie hüten soll wie ihren Augapfel, denn darauf befinden sich irgendwelche Bank-Codes für ein enormes Schweizer Konto. Cuca engagiert sich zunächst im sozialistischen Kuba, arbeitet auf Subbotniks und bei der Alphabetisierungskampagne.
Eines Tages findet sie ihre siebenjährige Tochter, wie sie mit einer Kondensmilchdose bastelt und ihr erklärt, sie baue einen Molotow-Cocktail, um damit ihre Mutter in die Luft zu jagen. Denn ihr Vater sei ein Feind der neuen Gesellschaft, und Cuca sei dran schuld, daß er ihr Vater sei und sie nun kein revolutionäres Kind sein könne.
Daraufhin beschränkt sich Cuca darauf, über die Runden zu kommen und verlegt sich auf das einzige, was ihr Leben wirklich ausmacht: Sie wartet auf die Rückkehr von Uan. Die sozialistischen Jahrzehnte werden ihr eine einzige Quälerei, sinnlos und zermürbend.
Viel später treffen wir sie wieder, als Castro schon begonnen hatte, auf die Russen zu schimpfen, weil die von Sozialismus nichts mehr wissen wollten – die Sonderperiode. Cuca ist nun um die Sechzig, und sie wartet noch immer. Schließlich trifft sie den Uan tatsächlich. Der kriegt seinen Dollar-Schein zurück, den er aber Castro persönlich aushändigen muß, denn der Geheimdienst hatte von Anfang an Wind von der Sache.
Obwohl sich Cuca und der Uan nun wiederhaben, gibt es kein happy end, alle enden in irgendwelchen – etwas mysteriösen – Katastrophen: Uan muß erneut außer Landes, Cuca wird nach einer Knastzeit in ihr Heimatdorf zurückgebracht und endet in irren Wortfetzen, und was die Tochter anbelangt, die – ziemlich spät – die Kurve zur Systemgegnerin auch noch gekriegt hatte, dürfen wir uns deren Ende zwischen zwei Versionen aussuchen.

Molotow-Cocktail aus der Kondensmilchdose

Die Geschichte gibt etwas her und ist streckenweise auch amüsant zu lesen. Cuca hat eine erfrischende Art, in alle Richtungen maßlos zu übertreiben – und ansonsten das Leben streng nach dem Lustprinzip zu betrachten. Jedenfalls gelten ihr alle Mächte und Ideologien nichts neben dem Spiel der Sinne und natürlich vor allem neben ihrem Uan, dem sie verfallen ist – und von dem am Ende doch nicht so klar ist, ob er nun wegen ihr oder wegen der geheimnisumwitterten Dollarnote wieder nach Kuba gekommen ist.
Manchmal hat Cuca etwas von einem weiblichen pícaro, jenen Helden spanischer Romane des 16. und 17. Jahrhunderts, die, ohne sich um die üblicherweise postulierten Moralvorschriften zu scheren, gewitzt und lebensklug, ihre Mitmenschen ins Visier nehmen und ein ums andere Mal bloßstellen.
Das sind die stärksten Stellen im Buch. Herausragend, wenn sie eine Rede von Castro beschreibt und dessen Durchhalterhetorik dabei leicht überzieht: Das glorreiche Volk wird nicht mehr nur standhalten bis zum letzten Mann, bis zum letzten Blutstropfen, sondern jetzt hantiert er mit den Knochen der Toten. Mit denen weiß er nicht gleich etwas anzufangen, „die Menge hängt aufgeregt an seinen Lippen, entsetzt über die tragische Perspektive…“ – dann fällt’s ihm ein: Eine riesige Marimba soll aus den Knochen gemacht werden, um darauf die Nationalhymne zu spielen.
Zoé Valdés erzählt leichtfüßig und scheinbar unbekümmert, anspielungsreich und mit immer neuen, meist überraschenden Einfällen – insofern ist dieses Buch unterhaltsam. Sie kennt, was sie beschreibt, sie ist offenbar aller ideologisch begründeten Repression komplett überdrüssig und hat dieser mit einem Loblied auf die Sinne, auf Subjektivität und Liebe etwas Handfestes entgegenzusetzen – insofern ist das Buch auch sehr bedenkenswert. Zoé Valdés ist nicht trivial, nicht platt, sie nimmt sich immer wieder selbst auf den Arm. Und dennoch vermag das Buch nicht zu überzeugen.
Auf den Punkt gebracht, könnte die Kritik lauten: Sie überspannt den Bogen bis zum Überdruß. Je weiter ich im Buch vorankam, umso mehr verfestigte sich der Eindruck, daß die Einfälle zwar zahlreich, ja massenhaft, aber daß sie beliebig sind. Für sich genommen mögen sie – mehr oder weniger – kitzeln, aber irgendwann war ich von der Dauerkitzelei pappsatt. Nicht, daß die Witze ganz ohne Hintergrund, die Anspielungen ganz ohne Bedeutung sind, aber Hintergründe und Bedeutungen bleiben unbefriedigend flach.
Zoé Valdés kennt sich in literarischen Techniken bestens aus und setzt sie umstandslos ein: Da werden die Erzählperspektiven gewechselt und erzählungsfremde Texte eingebaut, da taucht Yocandra, die Protagonistin aus „Das tägliche Nichts“, wieder auf und wird kommentiert, da reflektiert das Ich über den eigenen Schreibprozeß, weist darauf hin, daß dies nun eine Hommage an Cabrera Infante, jenes eine Parallele zu Lezama Lima sei, und überläßt nicht zuletzt dem Leser die Entscheidung, für welches Ende von Cucas Tochter er sich nun entscheiden will.

Belanglose Spiegelfechterei

Romantheoretischen Ansprüchen genügt das vollauf, aber es will nicht so recht einleuchten, wozu das alles gut sein soll. Welchen Sinn hat das Kapitel, in dem plötzlich der Uan aus den USA sein Scherflein durch seine Perspektive beiträgt? Im übrigen Roman ist er durchgehend Objekt von Cuca, seine Persönlichkeit ist völlig uninteressant und wird durch diesen Einschub auch nicht wichtiger, denn auf den weiteren Verlauf hat er keinerlei Einfluß. Wozu die beiden Schluß-Versionen?
Da wird noch einmal kräftig durch die Zeit gereist, aus dem Jahr fünfundneunzig ins Jahr neunundfünfzig, und wir erfahren, daß die Geschichte eben doch jemand anders erzählt haben könnte, als wir dachten. Das ist aber letztlich belanglos und bleibt Spiegelfechterei, solange die den einfachen Erzählfluß brechenden Techniken nicht auf irgendetwas verweisen.
Viele Sprachspielereien nutzen sich auf die Dauer unerträglich ab. Daß man aus „Revolution“ „Revo-lotion“ machen kann, ist ab dem dritten Mal bestimmt nicht mehr witzig, und so manches Wortgedreh ist unterhaltsamer, wenn man nicht gleich mit der Nase darauf gesto?en wird, daß es auch eines ist (damit einem nichts entgeht, gleich noch kursiv gedruckt): „… ist eine Regisseurin vom gallischen Fernsehen, die bezahlt wird, damit sie Ideen hat, was nicht das gleiche ist, wie dafür bezahlt zu werden, weil sie Ideen hat“.
Bewundernswert ist allerdings die Übersetzung von Susanne Lange, sie vollbringt wahre Glanzleistungen, wenn es darum geht, für originär spanische Wortspiele deutsche Äquivalente zu finden.
Was man nach dem vielzitierten 8. Kapitel des vorigen Buches als Spezialität von Zoé Valdés verstehen könnte, die ausgiebige Beschreibung der Vögelei und auch sonst alles dessen, was mit Erotik oder auch nur mit Genitalien an sich zu tun hat – hier legt sie wieder stark los. Der erste Geschlechtsverkehr auf der dritten Seite (nach verhinderter Vergewaltigung Cucas spritzt ein „matter Mulatte“ in einem Kälbchen ab), der nächste auf der fünften (Cucas Bruder wird vergewaltigt), wiederum der nächste drei Seiten später.
Cuca legt in ihrem Nachtleben in Havanna (und mit ihr scheinen das alle zu tun) größten Wert auf volle Brüste und steile Hintern, und auch die gealterte Cuca trauert verfallener Leibespracht (natürlich ihrer eigenen) nach. Überhaupt sind alle Geschlechtsangelegenheiten von dauernder Präsenz, sie werden von Valdés allerdings so erstrangig präsentiert, daß es nicht mehr um Enttabuisierung geht, nicht mehr um das Verlassen falscher (?) Scham, sondern um einen Dauerreiz, eine permanente Provokation, die wiederum ermüdet und abstößt.

Befremdende Gesichtslosigkeit

Nicht nur der Überdruß, auch die Oberflächlichkeit machen das Buch schwach. Wenn sie Individualität, Subjektivität und Gefühl gegen die Beengungen durch Ideologien stark machen will, dann widerspricht dem die seltsame, befremdende Gesichtslosigkeit ihrer Figuren. Wenn ihre Urteile über politische und gesellschaftliche Zustände feststehen – etwa nach dem Muster: Früher war alles gut, mit Castro kam der große Absturz -, dann darf nicht übersehen werden, daß dies auch eine Interpretation der Tatsachen ist, nicht die Tatsache selbst.
Cuca lebt in ihren eigenen Ideologien, verweigert aber, sie zu reflektieren; nichts soll untersucht, durchleuchtet oder erfragt werden. Wenn ein Haus einstürzt und wir lesen, es seien „hundertfünfzig Jahre Geschichte, hundertfünfzig Jahre Leben“, die da in sich zusammenfallen, dann ist das hohles Wortgeklapper. Es klingt beeindruckend, aber weder von der Geschichte noch von dem gelebten Leben hat Valdés einen Eindruck vermittelt, der eigene Kraft gewinnen würde. Die Figuren des Romans gingen mir über die Seiten des Buches hinaus kaum nach.
Bliebe anzunehmen, daß Zoé Valdés alles Erklärenwollen völlig egal ist und daß sie auch die Implikationen der Individualität nur soweit interessieren, wie Cuca Gelüste verspürt und diese befriedigt werden. Wenn das ihre Antwort auf den vielfach gescheiterten Versuch ist, mit Literatur etwas in dieser Welt zu bewegen, dann sollte ihr Roman wenigstens gut unterhalten. Dann hätten hundert Seiten weniger dem Buch gut getan, zudem ein dicker Rotstift, der sich auf die Suche nach allzu groben Plattheiten gemacht hätte. An den gelungenen Passagen und der – trotz aller Kritik- manchmal mitreißenden Erzählkunst würde man sich dann besser erfreuen können.

Zoé Valdés: Dir gehört mein Leben. Übersetzt von Susanne Lange, Ammann Verlag, Zürich 1997, 329 S.

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