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DAS BUCHMARKTWUNDER

Herr Kegler, Sie haben Luiz Ruffatos berühmtestes Werk gleich zweimal übersetzt: zunächst den Roman Es waren viele Pferde, der 2012 bei Assoziation A erschien, und dann das darauf basierende Theaterstück Wer Augen hat, der sehe der Companhia do Feijão (siehe Seite 46). Wie war es für Sie, zweimal das gleiche Werk in jeweils unterschiedlichem Format zu übersetzen?
Es war interessant, weil so etwas normalerweise nicht vorkommt. Wenn wir Übersetzer mit einem Buch auf Reisen gehen und Schauspieler beobachten, wie sie diese Texte lesen, kommen wir auf Ideen: Mensch, so könnte das klingen! Für mich kam es daher gelegen, anhand des Theatertextes eine Neuübersetzung zu machen. So wie jede Übersetzung ist auch das Stück der Companhia do Feijão eine Lesart des Buches. Von ihr werden auf der Bühne nicht alle 69 Szenen nachgespielt, sondern Highlights in interpretierter Form. Wenn man die Übersetzung des Romans mit der Übersetzung des Theaterstücks vergleicht, wird man also viele Unterschiede feststellen.

Bei der Verleihung des Hermann-Hesse-Preises hieß es in der Begründung der Jury, das Gespann Luiz Ruffato und Michael Kegler sei ein Glücksfall, und weiter: „Höchste literarische Qualität ermöglicht einen Blick auf die Abgründe einer fremden Welt.“ Wie nehmen Sie persönlich Ruffatos Werk wahr?
Innerhalb der brasilianischen Literatur ist Luiz Ruffato einzigartig. Vor Kurzem hat man mich gefragt, warum er in Deutschland so beliebt ist und ich kann es mir selbst eigentlich gar nicht richtig erklären. Brasilien lebt immer noch hauptsächlich von Stereotypen – Amazonischer Regenwald, Favelas, Samba, Strände – und von deren Abwesenheit. Vertreter der neuen brasilianischen Literatur betonen oft, dass in ihr keine Strände auftauchen, kein Regenwald, ja nicht einmal Gesellschaftskritik. Aber Luiz Ruffato steht mit einem Bein in der Gesellschaftskritik und mit dem anderen in der neuen Literatur, die überhaupt nichts Exotistisches an sich hat. Vielleicht stellt er damit den Missing Link in der brasilianischen Literatur dar. Gleichzeitig ist Ruffato unglaublich authentisch. In Es waren viele Pferde spricht er über São Paulo, in seinen anderen Werken aber immer über Cataguases (Ruffatos Geburtsstadt, Anm. d. Red.). Und während er nacheinander die Stadtviertel abklappert, spricht er von der ganzen Welt. Ich glaube, dass das seinen Erfolg ausmacht: Er liefert eine Erklärung der Welt. Fünfzig Jahre brasilianischer Geschichte werden bei ihm erzählt, fünfzig Jahre, in denen sich die Welt verändert hat.
Und seine Literatur ist körperlich erfahrbar. Beim Buch über São Paulo haben wir entschieden, das Befremdende nicht zu übersetzen. Sonst hat jedes „exotische“ Buch in Deutschland ein Glossar, Bücher aus Afrika sind oft mit vielen Erklärungen versehen. Es waren viele Pferde hätte ein sehr umfangreiches Glossar haben können, aber wir entschieden, der geneigte Leser solle selbst spüren, was der Autor auch nicht verstanden hat, als er São Paulo in Bruchstücken und voller Gewalt kennenlernte. Niemand, der in São Paulo landet, versteht die Stadt, ich glaube, nicht einmal die Bewohner selbst. Es ist daher die große Begabung dieser Literatur, dass sie körperlich spürbar ist und Lücken lässt.

Wenn es so viele schwer verständliche Dinge gibt, wie haben Sie diese dann übersetzt?
Na, ich übersetze sie halt (lacht). Zum Glück lebt der Autor noch und ist sehr hilfsbereit. Was auch immer ich ihn frage, hat er zwei Stunden später schon beantwortet. Er kennt sein gesamtes Werk. Anders als andere Autoren weiß er genau, was er vor fünfzehn Jahren geschrieben hat. Manchmal gibt es Szenen, besonders in Es waren viele Pferde, die sich nicht offensichtlich erschließen. Ich erkläre ihm, wie ich sie verstehe, und er antwortet: „Die Poesie macht auch aus, dass es mehrere Interpretationen gibt, also interpretiere bitte nicht, sondern lass‘ es für den Nächsten offen.“

Es ist doch bemerkenswert, dass Luiz Ruffato, der in seinem Land längst ein angesehener Schriftsteller ist, auf Deutsch in einem sehr kleinen Verlag erscheint. Wie schätzen Sie insgesamt die Wahrnehmung brasilianischer Literatur in Deutschland ein?
In Deutschland besetzen Übersetzungen aus anderen Sprachen als dem Englischen nur eine sehr kleine Nische. Darin wiederum machen Brasilien und die portugiesische Sprache einen winzigen Teil aus. Mit jedem Werk geht der veröffentlichende Verlag ein Wagnis ein, weil man damit wegen der wenigen Leser fast kein Geld verdient. Der vermutlich einzige brasilianische Autor, mit dem man Geld verdienen kann, ist Paulo Coelho. Als Luiz Ruffato dagegen 2006 in Deutschland zum Internationalen Literaturfestival in Berlin eingeladen wurde, machte er mehrere Lesungen und alle applaudierten, er gefiel, aber hm-hm, der Text, was sollen wir mit diesem Text anfangen? Es brauchte einen Verlag wie Assoziation A, der so etwas nicht durchrechnet, mit einem Kontakt aus Brasilien, der viel von Literatur versteht, aber nicht vom Markt.

Worauf kommt es an, wenn Sie einen brasilianischen Autor auf dem deutschen Buchmarkt vermitteln wollen?
Ich habe ein gutes Beispiel: Fernando Molica aus Rio de Janeiro. Er ist Journalist und schreibt auch gute Romane. In einem Krimi geht es um die Welt der Journalisten in Rio. Es ist ein tolles Buch, weil Molica Rio sehr gut kennt. Aber die meisten Deutschen sind weder mit einem Journalist verheiratet noch kennen sie Rio, mit diesen ganzen Bezügen würde das Buch in Deutschland daher schwer funktionieren. Manche Bücher ziehen auch mit ihrem Titel die Aufmerksamkeit auf sich, wie Carola Saavedras Landschaft mit Dromedar. Darin geht es aber überhaupt nicht um Brasilien, es ist ein internationales Buch. Folglich kann ich es als Roman verkaufen, aber nicht als brasilianischen Roman. Alle diese Kriterien müssen wir als Übersetzer im Auge behalten, um den Verlegern, die normalerweise kein Portugiesisch sprechen, mit wohlüberlegten Vorschlägen zu helfen.

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