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Das flüchtige Lob der Großmutter

Die Handlung ist bestechend einfach: Der Erzähler wird als Kind von seiner Mutter im Haus der Großmutter abgesetzt. Dort trifft er auf seine Halbschwester Carmen, illegitime Tochter seines Vaters. Carmen, das pulsierende Leben, steckt ihren Bruder mit ihrer unkonventionellen Lebensfreude und Respektlosigkeit an. Die Kinder kleben wie Kletten aneinander, streifen durchs Haus und entdecken die verschiedensten Räume dieses großen Familienhauses. Außer ihnen und der Großmutter leben dort noch eine Tante, die von ihrem Mann verlassen wurde und deren gemeiner Sohn Carlitos, der verrückte Onkel Ascanio und die Hausangestellte Meche.
Die Großmutter bildet mit ihrer Toleranz und Alltagsweisheit den Lebensmittelpunkt. Das Bild der gerechten und auf ihre Weise genialen Großmutter, häufig in lateinamerikanischen Romanen anzutreffen, bekommt einen Riß, als die beiden Kinder aus der vorgesehenen Rolle ausbrechen. Läßt es die Großmutter noch relativ kalt, dass Carmen ihre Klavierstunden nicht ernst nimmt, schreitet sie zu Strafmaßnahmen, als diese beginnt, einen Blues, statt der klassischen Stücke zu intonieren. Tante Malva, eine mißtrauische Person, immer darauf bedacht Carmen bei der Großmutter zu denunzieren, wird damit beauftragt, Carmen zu erziehen. Als aber Carmens geheime Tagebücher durch Carlitos Schnüffelei entdeckt und öffentlich vorgelesen werden, ist es aus mit der vermeintlichen Großherzigkeit der Großmutter. Sie wird gewahr, dass Carmen und den Erzähler eine inzestuöse Liebe verbindet. Daraufhin verbannt sie Carmen auf den Hof in einen abgeschiedenen Raum. Tante Malva traktiert sie dort mit der Bibel, zwingt sie zur Buße und allmählich verschwindet die alte Carmen im buchstäblichen Sinn. Sie verweigert das Essen solange, bis sie so dünn ist, dass sie nurmehr einem Strich gleicht. Als sie stirbt, steigt sie in die Lüster der Kristalleuchte auf. Übrig bleibt Carmenoxid, der Erzähler ist so mit ihr verbunden, daß sie ihn auch fortan im Leben begleitet.
Der Autorin gelingt es in dieser kleinen, dichten Erzählung, Metaphern und allegorische Momente einzubauen und auf Fragen zu verweisen, die jenseits der erzählten Geschichte liegen: Warum zerbricht am Ende die ganze Familie, warum ist die Figur der Großmutter, die gesund ist, außer das es ihr am Herzen krankt, völlig ersetzbar durch die nächste Frauengeneration, ihre Tochter Malva?
Es scheint an dem Land wohl mehr zu kranken, als dass je nach Präsident die Inflation höher oder niedriger liegt, wie die Großmutter als einzigen politischen Kommentar bemerkt. Die Kontakte, die sie zu militärischen Führern unterhält und die Heuchelei sind es, die jegliche Veränderung unterbinden. Den Schein nach außen zu bewahren, bildet ein Lebensmotto, das wiederholt aufgegriffen wird. Selbst als die Enkelin verschwindet, wird versucht, es zu verheimlichen: „Carmen wurde in ihr Zimmer gesperrt und entwischte. Worauf man sie den ganzen Vormittag und auch am Nachmittag noch suchte, darauf bedacht, so zu tun, als wäre sie nur zufällig nicht auffindbar, wo ist sie denn hin, Meche, hast du sie Brot holen geschickt?“ Die traditionellen Familien, vermeintliche Hüter der sozialen Ordnung befinden sich in zunehmender Dekadenz. Die Geschichte, in den 80ern zu Zeiten der Diktatur geschrieben und in den 50er Jahren angesiedelt, ist auch heute noch aktuell und lesenswert, da sie in ihrer Symbolik gleichzeitig verschlüsselt und Probleme benennt. Jedoch merkt man Carmenoxid an, dass die Autorin dem Thema Religion und deren einengende Wirkung auf die Frauen sehr viel Platz einräumt. Hier hätte ein bißchen mehr Abstand gut getan. Die Auseinandersetzung Carmens mit dem Begriff der Sünde hat nicht die Tiefe und ironische Schärfe, die Carmenoxid ansonsten auszeichnet.

Ana María del Río: Carmenoxid. Frankfurter Verlagsanstalt GmbH, Frankfurt/M., 1999, 89 S., geb., 24,-DM.

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