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Das gefährlichste Tier ist der Mensch

Gut Ding will Weile haben. So auch im Fall von Caracol Beach, dem dritten Roman des kubanischen Schriftstellers Eliseo Alberto, der mit selbigem 1998 den renommierten und hochdotierten spanischen Alfaguara-Literaturpreis erhielt. Die Idee zu diesem Roman entstand bereits 1989, während eines Drehbuch-Workshops mit Gabriel García Márquez, dessen Assistent Eliseo Alberto
damals war. Doch erst 1996, nachdem er sich mit Rapport gegen mich selbst (dt. 1998) regelrecht frei geschrieben hatte, machte er sich daran, den Entwurf auszuarbeiten.
Das Warten hat sich gelohnt. Entstanden ist ein mitreißender Roman, der so von Bildern und Ideen überschäumt, dass sich aus jedem Kapitel ein weiterer Roman spinnen ließe. Caracol Beach ist ein spannender Thriller und ein philosophisches Lehrstück zugleich, und abgesehen von einigen Schwachstellen am Anfang (die Dialoge der Jugendlichen kommen etwas gekünstelt daher, das erste Kapitel ist überfrachtet mit Andeutungen) ist der Roman rundum gelungen. Da stimmt jeder Satz, jedes Bild. Eine große Empfehlung – aber nichts für zart besaitete Gemüter.
Caracol Beach ist ein verschlafener Badeort, 32 Kilometer entfernt von Santa Fe, einer kleinen, multikulturellen Stadt, irgendwo in Florida. Dazwischen: der Schrottplatz von Caracol Beach. Hier haust der Exilkubaner und Kriegsveteran Alberto Milanés, genannt Beto. An einem ganz normalen Samstag, 18 Jahre nachdem man den Soldaten als einzigen Überlebenden seiner Einheit im angolanischen Urwald aufgefunden hat, will Beto seinem Leben ein Ende bereiten. Er erträgt die Gedanken an seine sieben gefallenen Kameraden nicht mehr, er erträgt nicht mehr den bengalischen Tiger mit seiner Krone aus sieben Schmeißfliegen, der ihn seitdem verfolgt. Doch alle Selbstmordversuche scheitern an der eigenen Angst. Beto beschließt, dass jemand anderes den Job übernehmen soll, und macht sich auf die Suche nach seinem Mörder.

Um des Sterbens willen

Seinen Weg kreuzen Laura, Tom und Martin, drei High-School-Absolventen, die gerade Getränke für ihre Abschlussparty besorgen. Der Soldat nimmt Laura als Geisel und zwingt die Jungen zu einer Reihe von Gewalttaten, die sie auf ihre eigentliche Aufgabe vorbereiten soll: seine Liquidierung. Dass Tom und Martin diesen unheilsvollen Samstag nicht überleben werden, erfährt der Leser bereits in den ersten Kapiteln, nur vom Ausmaß der Tragödie ahnt er noch nichts.
Statt einer geradlinig erzählten, einfachen Geschichte bietet Eliseo Alberto dem Leser ein Kaleidoskop von Wahrnehmungen an. Einzelne Augenblicke werden von verschiedenen Beteiligten aufgegriffen und aus ihrem Blickwinkel heraus noch einmal erzählt; in diesen Überschneidungszonen scheint die Zeit manchmal still zu stehen. Mehrere Erzählstränge führen durch den Roman, treiben aufeinander zu, treffen aufeinander und vereinen oder verlieren sich. Da ist neben der Geschichte des verrückten Beto und der Jugendlichen unter anderem auch die Liebesgeschichte zweier Lehrer und die wunderbare Geschichte von einem Transvestiten und seinem Vater, dem Sheriff von Santa Fe, der Schwierigkeiten hat, die sexuellen Neigungen seines Sohnes zu akzeptieren.
Die Tragödie des Sonnabends wird von Auszügen aus Betos Soldatentagebuch unterbrochen. Erst durch diese Tagebuchsequenzen wird ihr ganzes Ausmaß deutlich. Denn auch Beto ist Opfer; Opfer eines Krieges, der im Inneren fortgeführt wird. Wie Laura, die ihn während ihrer Geiselhaft besser kennen gelernt hat, hofft auch der Leser am Schluss, dass Beto nicht getötet wird, sondern noch eine Chance bekommt. Inmitten dieses verrückten Thrillers leuchtet hinter seiner Figur die Frage auf, ob Verzeihen, ob Gnade möglich ist. „Gnade ist ein Wort, das nur noch wenig gebraucht wird“, heißt es am Anfang und Ende des Romans.
Derartige ethische Fragen ergeben sich nicht nur aus der Handlung, sondern begegnen einem immer wieder in Gestalt von verstreuten Aphorismen. „Die Angst ist eine Zwangsjacke“, heißt es, oder „Niemanden zu lieben ist unmoralisch“. Solche Einschübe bremsen die Erzählung in ihrem rasanten Tempo aus und erzwingen ein Innehalten.

Der Mensch im Käfig

Auch in seinem jüngsten Roman, Die Geschichte von José (La fábula de José, 2000), geht Eliseo Alberto der Frage nach, was das Menschsein ausmacht. Er wählt dafür ein Genre, in dem sie sich besonders gut verarbeiten läßt: die Fabel. Die Menschen entpuppen sich als Bestien, die andere Menschen wie Tiere jagen und in Käfige sperren; die Tiere hingegen zeigen menschliche Züge und nehmen an dem Schicksal anderer Anteil. Was ist es dann, das den Menschen vom Tier unterscheidet?
Mit 17 Jahren hat der Exilkubaner José González einen Mann getötet, der seine Freundin vergewaltigen wollte. Seitdem sitzt er im Gefängnis. 16 Jahre später erhält er das Angebot, in den Zoo von Santa Fe überzusiedeln. Dort soll er einen eigenen Käfig bekommen, in einer Reihe mit den Affen. Die Zoodirektion verspricht sich durch diese einzigartige Attraktion einen Anstieg der Besucherzahlen. José nimmt an. Und tatsächlich setzt ein gigantischer Medien- und Werberummel ein.
Mit viel Witz und verrückten Ideen erzählt Eliseo Alberto, wie um Josés Käfig herum eine Konsumwelt entsteht, in der jeder versucht, Profit aus diesem Zoomenschen zu schlagen. Doch in seinem neuen Lebensraum findet José auch Freunde. Im Vordergrund steht dabei die Beziehung zu dem mexikanischen Tierpfleger Lorenzo. Dieser öffnet ihm nachts die Käfigtür und spaziert mit ihm durch den Garten. Vor allem aber öffnet er ihm durch seine Freundschaft die Tür zum Menschsein. Der Mensch sei das einzige Tier, das bereit ist, für seinesgleichen zu sterben, so der Tierpfleger. Durch die Freundschaft mit Lorenzo, seine Liebe zu der Biologin des Zoos und den Kontakt zu anderen, ihm wohlgesinnten Menschen gewinnt José langsam seine Würde zurück.

Die Bestie Mensch

Doch manch einer gesteht ihm diesen kleinen Sieg nicht zu. Josés ehemaliger Gefängniswärter, inzwischen zum „Menschenwächter“ ernannt, nutzt die erstbeste Gelegenheit, um den Zoo in einen Knast umzugestalten. Ihm sind Josés Lebensbedingungen zu menschlich geworden. Der Kampf zwischen Repression und Freiheit gipfelt in einer groß angelegten Hetzjagd auf den getürmten José. „Das Tier, das wir waren, wurde von der rachsüchtigen Bestie, die wir geworden sind, gejagt. Vom Hass verfolgte Zärtlichkeit.“
In Rapport gegen mich selbst heißt es, dass der Kapitalismus ein Dschungel, der Sozialismus hingegen ein zoologischer Garten sei. Ganz offensichtlich spiegelt sich dieses Gleichnis auch in der
Geschichte von José wider. Doch es geht Eliseo Alberto um mehr als die aktuelle Situation in Kuba, es geht ihm um die Menschheit. Die Menschen, so die Botschaft, sperren sich in Käfigen der niederen Gefühle ein, aus denen sie sich letztendlich nur durch Liebe, Freundschaft und Zuneigung befreien können.
Wie schon Caracol Beach besticht dieser Roman durch seine Fülle an Ideen und Bildern, seinen Sprachwitz und seine Vielschichtigkeit. Eliseo Alberto scheint nur so von stilistischen und thematischen Ideen überzusprudeln und schickt uns mit seinen Büchern immer wieder auf Überraschungsfahrt. Beide Romane lohnen, mehrfach und mit viel Zeit gelesen zu werden. Sie sind literarische Feuerwerke, die mit ihrer Vielfalt an Farben und Figuren immer wieder neu zum Staunen Anlass geben.

Eliseo Alberto: Caracol Beach. Deutsch von Lutz Kliche. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2000, 319 S., 28,- DM
Eliseo Alberto: Die Geschichte von José. Deutsch von Sybille Martin. Kindler Verlag, Reinbek bei Hamburg 2000, 252 S., 39,80 DM.

KASTEN

Eliseo Alberto wurde 1951 als Sohn des bedeutenden kubanischen Dichters Eliseo Diego geboren und wuchs, wie er in Die Geschichte von José von sich sagt, in einer „Gründerfamilie der kubanischen Kultur“ auf. In den 80er Jahren avancierte er zu einem der wichtigsten Kulturschaffenden Kubas. Lange Zeit war er Chefredakteur der Literaturzeitung El Caimán Barbudo und stellvertretender Leiter der Zeitschrift Cine Cubano; er war Direktor des Zentrums für Filminformationen des ICAIC, Berater der Gesellschaft für Neues Lateinamerikanisches Kino, und er lehrte an der Internationalen Schule für Kino und Fernsehen in San Antonio de Banos (EICTV) im Fachbereich „Drehbuch“.
Auch schriftstellerisch engagierte sich Eliseo Alberto besonders im filmischen Bereich, wenngleich er mehrere Gedichtbände und Romane veröffentlicht hat. Seine Drehbücher wurden mit diversen Preisen ausgezeichnet, brachten ihm jedoch ebenso Kritik von oben ein, besonders, nachdem er in den 90er Jahren viel Zeit im Ausland verbracht hatte. Im Februar 1998 griff Fidel Castro in einer inzwischen legendären Fernsehansprache die Film- und Literaturschaffenden Kubas an und bezeichnete speziell Guantanamera, den letzten Film des verstorbenen Regisseurs Tomás Gutiérrez Alea, als konterrevolutionär. Autor jenes Drehbuchs war Eliseo Alberto. Auch diejenigen wären Konterrevolutionäre, schimpfte Castro, die Bücher „gegen die kubanische Revolution“ schrieben, um im Ausland Preise zu gewinnen und berühmt zu werden. Wieder musste sich Eliseo Alberto angesprochen fühlen: Ein Jahr zuvor hatte sein Rapport gegen mich selbst, eine sehr persönliche, bissige Auseinandersetzung mit dem revolutionären Kuba, die Gemüter erhitzt. Nun hatte Eliseo Alberto gerade einen der höchstdotierten Literaturpreise Spaniens, den Premio Alfaguara, für Caracol Beach gewonnen (gemeinsam mit Sergio Ramírez und seinem Roman Margarita, está linda la mar). Und tatsächlich: Kurz darauf erteilte man Eliseo Alberto, der zu dieser Zeit nicht auf Kuba weilte, ein unbefristetes Einreiseverbot. Erst im Sommer vergangenen Jahres durfte er die Insel wieder betreten, jedoch nur für zwei Wochen als Tourist. Zur Zeit lebt Eliseo Alberto in Mexiko.

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