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Das glückliche Ende einer langen Suche

1973 floh Sara Méndez zusammen mit ihrem Lebensgefährten Mauricio Gatti vor den uruguayischen Militärs ins Nachbarland Argentinien. Unerkannt lebten sie fast drei Jahre in Buenos Aires und ließen dort ihr gemeinsames Kind, das am 23. Juni 1976 zur Welt kam, unter dem Namen Simón Riquelo registrieren. Zwanzig Tage später wurde Sara von einem verdeckt operierenden argentinisch-uruguayischen Kommando verschleppt. Die Gruppe unter der Führung des uruguayischen Offiziers José Nino Gavazzo drang gewaltsam in ihr Haus im Stadtviertel Belgrano ein, Sara wurde misshandelt und schließlich mit ihrem Sohn in das geheime Folterzentrum Automotores Orletti, eine ehemalige Autowerkstatt, gebracht. Als Gavazzo ihr Kind wegnahm, sagte er zu ihr: „Bleiben Sie ruhig, Señora, dieser Krieg ist nicht gegen die Kinder.“
Insgesamt entführte die im Rahmen des „Plan Cóndor“ operierende Spezialeinheit an diesem Tag in Argentinien mehr als 20 uruguayische StaatsbürgerInnen. Einige von ihnen tauchten später in Montevideo wieder auf, andere verschwanden für immer. Mauricio Gatti, der Vater von Simón, konnte in Argentinien aus der Haft fliehen. Sara Méndez wurde nach zwei Wochen nach Montevideo gebracht, wo sie insgesamt viereinhalb Jahre inhaftiert war. Vier namentlich bekannte Mitglieder der Gruppe ihrer Entführer wurden später vom argentinischen Präsidenten Carlos Menem begnadigt.

Falsche Fährten

Nach ihrer Entlassung machte sich Sara gemeinsam mit Mauricio Gatti auf die Suche nach Simón. Da sie sich unter der bis 1985 andauernden Militärdiktatur in ihrem Heimatland nur unter Auflagen in Freiheit bewegen durfte, versuchten ihr Vater, ihre Brüder und Freunde, in Buenos Aires etwas über den Verbleib des Kindes zu erfahren. Sie fragten in den Archiven nach, in den Krankenhäusern, bei den Kirchen, überall dort, wo ein zurückgelassener Säugling aufgenommen worden sein könnte. Aber alle Nachforschungen führten zu nichts.
1986 tauchte dann ein Hinweis auf, Simón lebe möglicherweise in Montevideo als adoptiertes Kind in der Familie eines uruguayischen Obristen. Sara Méndez versuchte daraufhin, durch einen Bluttest Klarheit zu gewinnen, aber sowohl die Adoptiveltern als auch der Jugendliche selbst verweigerten sich. Einen Gentest erlaubte die uruguayische Justiz nicht. Erst der Druck des seit März 2000 amtierenden Staatspräsidenten Jorge Batlle stimmte die Familie um. Im April 2000 fand ein Bluttest statt. Das Ergebnis war negativ.
Für Sara Méndez, die 15 Jahre lang der falschen Fährte gefolgt war, war es ein doppelter Rückschlag. Zum einen stand sie bei ihrer Suche jetzt wieder ganz am Anfang. Zum anderen musste sie sich wüste Beschimpfungen der konservativen Presse gefallen lassen, die sie beschuldigte, mit ihrer Hartnäckigkeit eine glückliche Familie über Jahre hinweg verfolgt zu haben. Anfang 2001 wurden von der uruguayischen Regierung sogar Gerüchte lanciert, die andeuteten, Simón lebe nicht mehr.
Daraufhin versuchte Sara Méndez in einer ungeheuren Kraftanstrengung, die internationale Öffentlichkeit auf ihren Fall aufmerksam zu machen und den Druck auf die uruguayische Regierung zu erhöhen, die mittlerweile eine „Comisión para la Paz“ (Friedenskommission) eingesetzt hatte, die das Schicksal der Verschwundenen aufklären sollte. In einem Gespräch mit der argentinischen Zeitung Página/12 sagte sie: „Es ist der Moment für die letzte Suche.“ Auf einer Europareise im Sommer 2001 sprach sie unter anderem in Frankreich, Belgien, Holland und Spanien mit nationalen Abgeordneten und Europaparlamentariern und erhielt Unterstützung für ihr Anliegen. In Deutschland kam kein Termin mit einem politisch Verantwortlichen zu Stande. Die uruguayische Regierung blieb aber unbeeindruckt, es gab keine Fortschritte, obwohl mehrere der Entführer namentlich bekannt sind und unbehelligt im Land leben. Trotzdem war Sara nicht bereit aufzugeben, obwohl sie kaum noch Kraft hatte, an ein glückliches Ende zu glauben.

Neue Hinweise

Die Wende kam im März dieses Jahres. Sara Méndez erhielt einen Anruf von Margarita Michelini, einer ihrer Mitgefangenen während der Militärzeit in Uruguay und Argentinien: Ihr Bruder Rafael, Senator der sozialdemokratischen Partei Nuevo Espacio, wolle mit ihr sprechen. Es sei wichtig. Rafael Michelini war in den vergangenen Jahren regelmäßig nach Buenos Aires gereist, um mehr über die Ermordung seines Vaters Zelmar zu erfahren, der 1971 den Linksblock Frente Amplio mitbegründet hatte und 1976 in der argentinischen Hauptstadt ermordet wurde. Daneben hatte er aber auch immer nach dem Verbleib von Simón Riquelo geforscht.

Das Ende der Suche

Rafael Michelini brachte Sara Méndez mit Roger Rodríguez zusammen, einem uruguayischen Journalisten, der herausgefunden hatte, dass Simón am 13. Juli 1976 in ein Krankenhaus in Belgrano gebracht uind dort zurückgelassen wurde. Seinen Recherchen zufolge wurde der Junge später, nachdem sich die Polizei mit dem Fall des unbekannten Kindes beschäftigt hatte, von einem Mitglied des Kommissariats adoptiert. Simón, der jetzt einen anderen Namen trägt, erfuhr von seinen Adoptiveltern Anfang März von seiner wahren Identität. Und schon bevor er endgültige Sicherheit hatte, stimmte er einem Treffen mit Sara Méndez zu. Vom ersten Moment an informierte er sich über „seinen Fall“. „Wenn er es nicht gewesen wäre, hätten wir wieder von vorne anfangen müssen. Mit einem Unterschied: Mit der Hilfe von jemandem, von dem wir heute wissen, dass es Simón ist. Denn er sagte zu mir, bevor wir alle Klarheit hatten: Auch wenn er nicht der sei, den ich suche, werde er bei der Suche nach Simón mithelfen“, so Sara Méndez in einem Interview mit Página/12.
Die Genanalyse, die verglichen wurde mit den gespeicherten Daten von Sara Méndez und Mauricio Gatti, der 1991 gestorben war, ohne seinen Sohn wieder zu sehen, brachte Gewissheit: Zu 99,99 Prozent sei es gesichert, dass der junge Mann aus Buenos Aires der Sohn von Sara Méndez sei, bestätigte der zuständige Richter nach der Analyse. Für Sara ist es „das Ende der Suche und der Anfang unserer Beziehung“.

Politische Konsequenzen

Estela de Carlotto, die Präsidentin der argentinischen „Großmütter der Plaza de Mayo“, konnte mit der Aufklärung des Schicksals von Simón das Auffinden des 73. von mindestens 500 in Argentinien und Uruguay verschleppten Kindern feiern. „Es ist eine unglaubliche Freude, fast ein Wunder, dass Sara heute als Mutter in die Augen ihres Kindes sehen kann. Es ist ein Tag zum Feiern, und wir wünschen diesem Jungen, der das Opfer unserer schrecklichen Geschichte geworden ist, dass er seine Geschichte wiederfinden kann“, sagte sie. Den glücklichen Ausgang der jahrzehntelangen Suche nach Simón versuchte auch der uruguayische Präsident Batlle für sich zu instrumentalisieren. Ohne Einwilligung der Beteiligten gab er noch vor Bekanntwerden des Resultats des Gentests das Auffinden des jungen Mannes bekannt.
Der politischen Bedeutung des Ereignisses ist sich die heute 57-jährige Sara bewusst. In der Stunde ihres größten Glücks vergisst sie nicht, die Aufmerksamkeit auf die Fälle zu richten, die immer noch ungeklärt sind und durch die politischen Instanzen sowohl in Uruguay als auch in Argentinien – wenn überhaupt – nur widerstrebend wieder aufgenommen werden. Simón, der zum Symbol geworden ist, kann und will sich dagegen noch nicht der Öffentlichkeit stellen. Noch ist er nicht in der Lage, mit dem riesengroßen Interesse vor allem im Heimatland seiner wirklichen Eltern umzugehen. Einer großen Demonstration, die in Montevideo aus Freude über das Wiederfinden von Mutter und Sohn stattfand, blieb er fern. Er hat aber angekündigt, bald nach Uruguay reisen zu wollen.

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