Kolumbien | Nummer 620 - Februar 2026

„Das ist ein Problem der ganzen Welt”

Interview mit Soraida Chindoy über den Widerstand gegen den Kupferbergbau im Departament Putumayo im Süden Kolumbiens

Ein kanadischer Bergbaukonzern will in der sensiblen Amazonasregion Kolumbiens eine riesige Kupfermine eröffnen. Die Indigene Aktivistin Soraida Chindoy will das verhindern. Im Interview mit den LN spricht sie über den Widerstand gegen das Projekt, die fragwürdigen Methoden der Firma, um die Bevölkerung auf ihre Seite zu ziehen und darüber, was es braucht, um die Mine aufzuhalten. 

Interview: Katherine R. Garcia & Fabian Grieger

In Mocoa gibt es seit vielen Jahren massiven Widerstand gegen die Eröffnung einer Kupfermine durch den kanadischen Rohstoffkonzern Copper Giant. Wie versucht die Firma diesen Widerstand zu brechen?

Sie verfolgen eine sogenannte „Good-neighbour“-Strategie, verknüpft mit dem Versprechen „Fortschritt“ in die Region zu bringen. Sie gehen in die Gemeinden und fragen: „Was braucht ihr? Einen Sportplatz? Einen Anschluss ans Abwassersystem?” Weil die Gemeinden viele dieser grundlegenden Dinge nicht haben, nutzt die Firma das aus und baut dann einen Sportplatz. Beim Fußballturnier sponsert die Firma die Trikots und schießt am Ende des Spiels Fotos, die sie danach zusammen mit Videos in den sozialen Medien hochlädt. Sie kaufen mit Geld das Gewissen der Leute und plötzlich merken wir, die den Widerstand gegen die Mine organisieren, dass Nachbar*innen anfangen, uns abzulehnen, weil sie „den Fortschritt“ wollen. So entsteht ein sozio-ökologischer Konflikt, der sich immer weiter vertieft mit Unterstützung von lokalen und nationalen Medien. Auch viele, die für die Firma arbeiten, sehen uns skeptisch. Dabei haben wir nichts gegen die Arbeiter*innen oder dagegen , dass jemand Fußballtrikots und einen Ball bekommt. Wir sind gegen dieses Monster – die Kupfermine.

Pueblo Viejo ist eines der Viertel von Mocoa, in denen viele Bewohner*innen für die Mine arbeiten und die Eröffnung der Mine unterstützten. Doch dann kippte die Stimmung und jetzt ist dort eines der Zentren des Widerstands. Wie kam es dazu?

Die Firma hatte dem Viertel viel versprochen – ein neues Abwassersystem und eine Verbesserung der Straßen. Doch dann passierte lange nichts und es kam zu Protesten. Zunächst einmal, um einzufordern, dass die Firma ihre Versprechen einhält. Dann wurden wir als Gruppe sogar zum Jubiläumsfest des Stadtviertels eingeladen. In den letzten Jahren hatte das die Bergbaufirma organisiert. Als wir die Einladung erhielten, waren wir erst skeptisch. Bei unserer letzten Aktion in Pueblo Viejo kam ein Nachbar, riss eines unserer Schilder ab und warf es auf den Boden. Aber dieses Mal war alles anders. Es war sehr schön und liebevoll. Wir kamen mit Jugendlichen, Müttern und Organisationen aus Pueblo Viejo zusammen. Die mayores, die Älteren, erzählten davon, wie sie ins Viertel gekommen sind, wie der Fluss früher aussah, wie sie dort fischten, dass sie beim Bau der ersten Häuser Spuren von früheren Dörfern unserer Vorfahren gefunden haben. Sie brachten Fotos von früher mit, aus denen wir dann eine Ausstellung gestalteten. Viele Familien erinnerten sich gemeinsam, umarmten sich, weinten und vergaben sich. Das Viertel wirkte wieder vereint. Es war wunderbar, das Lächeln der Menschen zu sehen, wenn sie von den Bergen und dem Fluss im Dorf sprachen. So ist dann auch das „Zelt des Widerstands“ in Pueblo Viejo entstanden, ein Camp, in dem viele gemeinsame Aktivitäten stattfinden, zum Beispiel gibt es eine Gruppe von Graffiti-Künstler*innen, die Wände im Dorf bemalen Diskussionsveranstaltungen und wir als guardianes de la Andinoamazonía (dt.: Wächter der Anden-Amazonas­-Region) haben dort das Festival der Berge, des Wassers und des Lebens veranstaltet.
Die Bewohner*innen von Pueblo Viejo sagen mittlerweile „Nein“ zur Bergbaufirma, unabhängig davon, ob die Firma ihre Versprechen noch einlöst oder nicht. Denen glauben sie nicht mehr.

Wie positioniert sich die Regierung zum Widerstand gegen die Mine und zum Kupferbergbau in Mocoa insgesamt?
Der aktuelle Bürgermeister von Mocoa sagt im Prinzip gar nichts. Auch viele weitere Aufforderungen von uns an die lokalen, regionalen und nationalen Regierungen, die Mine zu stoppen, verhallen. Es gibt ständig Sitzungen, Gespräche, Berichte, aber nichts passiert. Weder die Umweltschutzbehörden noch das Umweltministerium werden wirklich aktiv. Ich finde, das müsste mittlerweile zur Chefsache werden und der Präsident müsste den Schutz unseres Territoriums durchsetzen. Aber man hat nicht das Gefühl, dass es ihn besonders interessiert. Ich weiß nicht, worauf da noch gewartet wird. Einer der vier Bergbautitel, die das Unternehmen hält, ist bereits in die erste Abbauphase übergegangen.

Könnte internationaler Druck helfen, damit der Kupferbergbau in Mocoa gestoppt wird?
Das war für mich der Grund, jetzt nach Europa zu reisen, um hier Unterstützung zu finden. Damit die Menschen hier verstehen, dass das, was in unseren Bergen im Putumayo in der Amazonasregion passiert, auch in Europa negative Auswirkungen haben wird. Und dass man versteht, dass wir als Menschen körperlich eng mit der Natur verbunden sind. Was wird aus unseren Kindern und Enkeln werden? Ich habe hier eine Kita besucht und mich gefragt: Was machen die Eltern dieser Kinder gegen die Klimakrise? Was tun sie dafür, damit ihre Kinder die Chance haben, gute Luft zu atmen, sauberes Wasser zu trinken?

Wie könnte so eine Unterstützung des Kampfs gegen die Mine in Mocoa aussehen?
Mein Anliegen hier war, dass zum Beispiel Universitäten oder Forschungsinstitute etwas für den Umweltschutz tun, mit uns zusammenarbeiten und den Kontakt zu den kolumbianischen Umweltbehörden suchen. Studien, Wasser- oder Bodenuntersuchungen über die Umweltauswir­kungen einer solchen Mine könnten sehr hilfreich dabei sein, unsere heiligen Berge zu verteidigen. Wir haben die Worte unserer Alten, die sagen, dass das ein heiliges Land ist, das man nicht zerstören darf. Wir wissen, dass der Andenbär leidet, dass die Berge mit uns reden, wir verstehen diese Sprache. Aber sie – die Institutionen – verstehen das nicht. Deswegen brauchen wir das Wissen von Wissenschaftler*innen und ihre Studien, um unseren Kampf zu unterstützen.

Die Pläne zur Kupfermine wirken wie ein neues Kapitel einer langen Geschichte der kolonialen, extraktivistischen Ausbeutung im Putu­mayo und der ganzen Amazonasregion. Wiederholt sich die Geschichte jetzt?
Wer die Geschichte vergisst, ist dazu verurteilt, sie noch einmal zu erleben. Wir dürfen nicht vergessen, was im Putumayo passiert ist. Erst kamen sie wegen des Kautschuks, dann wegen des Erdöls, jetzt ist es Kupfer. Wir als Bewohner*innen von Mocoa dürfen nicht zulassen, dass sich die Geschichte wiederholt. Aber das ist nicht nur ein Problem von Mocoa, nicht nur des Putumayo, nicht nur Kolumbiens, sondern der ganzen Welt. Wie lange noch werden diese extraktivistischen Firmen so viel menschliches Leid verursachen? Wir dürfen nicht nur an uns selbst denken, egoistisch sein. Wir müssen an die denken, die nach uns kommen.

Kupferbergbau und Widerstand in Mocoa

Das kanadische Konsortium Copper Giant ist eines von vielen Bergbau-Start-ups, die Explorationsarbeiten im Departament Putumayo durchführen. In der Nähe der Regionalhauptstadt Mocoa im amazonischen Piedemonte, einer geografischen Übergangszone zwischen der Andenkordillere und dem weitläufigen Amazonasbecken, soll eine der größten Kupferminen Lateinamerikas entstehen. Die Firma gab anfangs vor, lediglich wissenschaftliche Forschung betreiben zu wollen. Jetzt sucht sie weitere Investor*innen beziehungsweise Käufer*innen, um den Abbau voranzutreiben. Ein Teil der geplanten Kupfermine liegt in einem Waldschutzgebiet, das im Norden an das Inga-Resguardo Condagua und im Westen an das Kamentsá-Biya-Resguardo von Sibundoy grenzt. In diesem Schutzgebiet liegen die Wasserquellen, aus denen der Rio Mocoa und der Rio Caqueta entstehen, die später in den Amazonas fließen. Im Putumayo entspringen weitere Flüsse, die zu den größten Kolumbiens zählen. 

Kupferbergbau geht mit massiver Umweltverschmutzung einher. Obwohl für die geplante Mine in Mocoa keine Umweltlizenz vorliegt, treibt Copper Giant die Vorbereitungen der Mine voran. Betroffen sind nicht nur Naturschutzgebiete und Indigene Territorien, sondern auch Zonen, in denen ein erhöhtes Risiko für Erdrutsche nachgewiesen wurde.

Soraida Chindoy, eine Indigene Frau aus dem Volk der Inga, kämpft gemeinsam mit den guardianes de la Andinoamazonía für den Verbleib und den Schutz des Territoriums von Mocoa. Sie ist eine Stimme, die andere Frauen dazu inspiriert, gegen das Monster des Kupferbergbaus zu kämpfen. Ein Erfolg der Bergbaugegner*innen war ein Gemeindebeschluss im Jahr 2018, der das Eröffnen der Mine untersagte. Allerdings erklärte 2024 ein Gericht den Beschluss für ungültig. Seitdem organisiert sich der Widerstand unter anderem in der carpa de resistencia, einem Camp gegen die Bergbaupläne. Im November 2025 war Soraida Chindoy in Deutschland, um bei diversen Veranstaltungen über die Situation in Mocoa zu berichten.


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