Colonia Dignidad | Literatur | Nummer 620 - Februar 2026

Das „Juwel“ der
 Colonia Dignidad

Evelyn Hevia Jordán untersucht die Rolle des Krankenhauses
der deutschen Sektensiedlung in Chile

Von Ute Löhning

Fundierte Recherchen sind der Schlüssel zur Aufarbeitung – auch im Fall der Colonia Dignidad. Wer verstehen will, wie diese trotz Zwangsarbeit, sexualisierter Gewalt, Folter und Verschwindenlassens über Jahrzehnte bestehen konnte, findet Antworten in Das Krankenhaus der Colonia Dignidad von Evelyn Hevia Jordán. Die chilenische Historikerin und Psychologin untersucht in dem auf ihrer Dissertation beruhenden Buch die komplexe Rolle des Krankenhauses der deutschen Siedlung und schafft auf beeindruckende Weise, es mit dem nötigen Tiefgang einerseits als medizinische Einrichtung und andererseits als Ort der Repression zu betrachten.

Sie beleuchtet die Geschichte von der Gründung 1963 als kleines „Gesundheitszentrum am Fuße der Anden in Parral, das seinen Betrieb ohne die entsprechenden Genehmigungen“ aufnahm, bis zur Schließung 2005. In der ländlichen Region in Zentralchile mit einer mangelhaften Gesundheitsversorgung hatte das Krankenhaus eine bedeutende Funktion der medizinischen Versorgung. Das „Modellkrankenhaus“, das ein deutscher Konsularbeamter 1977 als das „Juwel“ der Siedlung bezeichnete, stand somit für die scheinbar karitative Arbeit der damals offiziell als Wohltätigkeitseinrichtung registrierten Colonia Dignidad. Tatsächlich wurden Angehörige der Sied­lungs­gemeinschaft und Chileninnen aus der Umgebung im Krankenhaus behandelt – finanziert allerdings durch das staatliche Gesundheitssystem. Gleichzeitig, so Hevia Jordán, wurde das Krankenhaus „zum wichtigsten Faktor, um kriminelle Tätigkeiten zu verschleiern und das System von Kontrolle und Repression zu verfeinern“. Sie beschreibt systematische Misshandlungen von Bewohnerinnen der Siedlung, sogar Kindern, mit Psychopharmaka und Elektroschocks. Auch geht sie auf die betrügerischen Zwangsadoptionen von chilenischen Kindern durch deutsche Eltern ein.

In einem eigenen Kapitel untersucht die Autorin die Rolle des Krankenhauses im Kontext der chilenischen Diktatur (1973–1990). So wurden Schusswaffen aus Deutschland in Sauerstoffflaschen versteckt, als medizinische Lieferungen und Spende für das Krankenhaus deklariert an die Colonia Dignidad geliefert. Laut Aussagen von Zeuginnen wurden politische Gefangene, als Patientinnen getarnt, klandestin im Krankenwagen transportiert. Prominente Persönlichkeiten der Diktatur wurden im Krankenhaus behandelt.

Diese an Fakten, Fotos und Quellen reiche und gleichzeitig gut lesbare Analyse ist ein Eye-Opener für geschichtlich interessierte Leserinnen und erklärt, wie Menschen terrorisiert und gleichzeitig Narrative der Wohltätigkeit konstruiert wurden. Abschließend geht die Autorin auf die heutige Situation ein. Nach der Einstellung des Krankenhausbetriebs 2005 wird das Gebäude heute als Pflegestation für ältere Bewohnerinnen der Siedlung benutzt, die sich inzwischen Villa Baviera nennt. Bis heute gibt es dort keine Gedenkstätte und kein Dokumentationszentrum. Doch die inhaltliche Basis dafür liefern Forschungen und Bücher wie das von Evelyn Hevia Jordán, das auf Deutsch bei Herder und auf Spanisch zusammen mit Büchern von Jan Stehle und Meike Dreckmann-Nielen in einer Reihe des chilenischen LOM-Verlags erschienen ist.

Transparenzhinweis: Die Autorin dieser Rezension war (ehrenamtlich) am Übersetzungslektorat der deutschsprachigen Übersetzung des Buchs beteiligt.

Evelyn Hevia Jordán // Das Krankenhaus der Colonia Dignidad. Von „El Lavadero“ zu „Villa Baviera“ // Herder Verlag // 2025 // 572 Seiten // Gebundene Ausgabe 72 Euro // Open Access auf www.herder.de


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