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Das Lied in mir

Maria ist Schwimmerin. Sie ist es gewohnt, mit kräftigen, kontrollierten Zügen schnell vorwärts zu kommen. Auch ihr bisheriges Leben war wohl so. Aber dann gerät auf einmal alles außer Kontrolle.Auf dem Weg zu einem Schwimmwettkampf in Chile wartet Maria in Buenos Aires auf ihren Anschlussflug. Ein paar Plätze weiter versucht eine junge Mutter, ihr Kind in den Schlaf zu singen. Wie durch eine Wattewolke dringen die Worte zu der übermüdeten Maria durch. Plötzlich wird ihr bewusst, dass sie mitsingt, den Text des spanischen Kinderliedes auswendig weiß. Maria fängt an zu zittern, sie bricht in Schweiß aus und rennt auf die Toilette, um sich zu übergeben; völlig verstört verpasst sie ihren Flug. Gleichzeitig ist es aber auch, als ob eine unsichtbare Macht sie in Argentinien halten würde.
Maria bleibt in Buenos Aires und versucht heraus zu finden, warum sie den Text eines spanischen Kinderliedes mitsingen kann. Sie hinterlässt eine Nachricht bei ihrem Vater in Deutschland, der ihr sofort hinterher geflogen kommt. So findet Maria heraus, dass sie nicht das Kind ihrer Eltern ist, dass sie adoptiert wurde und dass es ein dunkles Geheimnis um ihre Herkunft gibt.
Die deutsche Produktion Das Lied in mir, die die Geschichte von Maria erzählt, ist der Erstling des Nachwuchsregisseurs Florian Cossen. Während seiner Ausbildung verbrachte er ein Semester an der Filmschule in Buenos Aires, wo er dem Stoff seines Films begegnete: Die letzte Militärdiktatur in Argentinien mit ihren tausenden Verschwundenen und das traurige Schicksal von den Kindern, die mit ihren Eltern verschleppt und von militär- oder regimetreuen Familien „adoptiert“ wurden.
Der Einstieg in Cossens Film holpert etwas. Es kommt nicht richtig rüber, warum die von Jessica Schwarz gespielte Maria so heftig reagiert, alles wirkt etwas zu glatt und konstruiert, die plötzlichen feindseligen Fragen an ihren Vater ein bisschen steif. Doch mit dem Voranschreiten von Marias Nachforschungen, bei denen sie den deutsch sprechenden Polizisten Alejandro (Rafael Ferro) kennenlernt, der ihr fortan hilft, und der zunehmend gebrochenen Beziehung zu ihrem Vater Anton (Michael Gwisdek), kommt der Film langsam aber sicher in Schwung. Vor allem das Zusammentreffen mit ihrer argentinischen Familie stellt einen unumkehrbaren Wendepunkt nicht nur für den Film, sondern auch für die Glaubwürdigkeit der Figur der Maria dar. Schlussendlich überzeugen sowohl Cossen als auch Schwarz, den inneren Konflikt von Maria zwischen ihrer neuen Identität und ihrem Vater nahe zu bringen. Nach und nach beginnt Maria die Tragweite der Tat ihres Vaters zu verstehen – und dass sie dennoch ein ganzes Leben, in dem er sie begleitet hat, nicht einfach ausradieren kann.
Das Lied in mir ist ein sehr deutscher Blick auf die argentinische Vergangenheit, ein Blick von außen, der sich auf das persönliche Schicksal von Maria konzentriert. Und dadurch die jüngste Geschichte Argentiniens manchmal etwas holzschnittartig für das deutsche Publikum aufbereitet. Seltsam mutet vor allem an, dass die omnipräsenten Menschenrechtsorganisationen der Mütter und Großmütter überhaupt nicht in dem Film auftauchen. Auch wenn im Rahmen der letzten Frankfurter Buchmesse bereits einige Bücher zum Thema der „geraubten“ Kinder in Argentinien auf deutsch erschienen sind, ist es aber zu begrüßen, dass das Thema hierzulande auch filmisch aufgegriffen wird. Denn in Argentinien selbst verarbeitet die Generation der „hijos“, der Kinder der Verschwundenen, ihre Erinnerung vor allem mit audiovisuellen Mitteln. Florian Cossen findet einen sensiblen und insgesamt überzeugenden Weg mit diesem Erbe der argentinischen Vergangenheit umzugehen.

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