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Das Mexiko der Siebziger Jahre: Fluchtpunkt und Falle

Manche Lebensläufe spiegeln die politischen Verwerfungen des 20. Jahrhunderts fast idealtypisch wider. Und einige der Schicksale von GrenzgängerInnen zwischen Kontinenten, Kulturen und politischen System klingen so abenteuerlich, dass sie fast dazu einladen, aus ihnen einen Film zu machen. Zum Beispiel die Biographien der Kinder, die während des Spanischen Bürgerkrieges ins Ausland evakuiert wurden, um sie vor den Faschisten in Sicherheit zu bringen. Allein 3.000 von ihnen nahm 1937 die Sowjetunion auf. Manche dieser „Kinder“ blieben den Rest ihres Lebens dort. Andere zog es Jahre später nach Spanien zurück. Oder es verschlug sie ganz woanders hin: zum Beispiel in die DDR oder nach Lateinamerika. Auf der diesjährigen Berlinale gab es interessanterweise gleich zwei Filme, die sich mit dem Schicksal der „Kinder aus Russland“ beschäftigen, wenn auch auf sehr unterschiedliche Weise: Der spanische Dokumentarfilm „Los niños de Rusia“ von Jaime Camino folgte ihren Spuren unter anderem bis nach Lateinamerika. Eine der Interviewten, die mittlerweile in Havanna lebt, zog eine traurige Bilanz ihres Lebens: „Jetzt sind wir freie Elektronen. Wir gehören nirgendwo hin.“
Die mexikanische Regisseurin Eva-López Sánchez wiederum nahm die Geschichte der heimatlosen „Kinder aus Russland“ als Ausgangspunkt für einen fiktiven Politthriller, der im Mexiko der frühen Siebziger spielt: Der Spielfilm „Francisca (… auf welcher Seite stehst Du?)“, eine mexikanisch-spanisch-deutsche Koproduktion, die ab dem 20. Juni bundesweit im Kino zu sehen ist, erzählt die Geschichte eines Grenzgängers wider Willen: Zu Beginn des Films betritt der Protagonist Helmuth Busch, DDR-Bürger und flüchtiger Stasi-Informant, erstmals mexikanischen Boden. Wie er so dasteht auf dem Flughafen von Mexiko-Stadt, den Koffer und ein Bündel mit gefälschten Papieren in den Händen, wirkt der Mann recht verloren. Und siehe da: Bereits während der Einreisekontrolle wird Busch von örtlichen Geheimpolizisten enttarnt. Unter Androhung, ihn an die DDR auszuliefern, zwingen sie ihn, eine Gruppe mexikanischer StudentInnen auszuspionieren. Die Situation im Lande ist Anfang der Siebziger Jahre äußerst angespannt. Spätestens seit dem Massaker an friedlichen DemonstrantInnen während der Olympischen Spiele 1968 ist offenkundig, was das System der „institutionalisierten Revolution“ unter „politischem Dialog“ versteht. So gerät auch Busch, der unter dem Namen Bruno Müller an der Uni von Mexiko-Stadt tätig wird, zusehends unter Druck. Zumal er mit den linken AktivistInnen sympathisiert und sich in die Studentin Adela verliebt.
Der Film „Francisca“ legt den Finger in die Wunden der Geschichte, und zwar sowohl der europäischen als auch der mexikanischen. „Mich interessierte sehr dieses politische Aufwallen 1968 und in den Jahren danach“, erzählt die Regisseurin im Gespräch mit den LN. Im Anschluss an eine der Vorführungen in Berlin sei sie von einer Frau angesprochen worden. „Die sagte mir, dass sie genau so eine Person wie Busch kennen würde, einen ehemaligen Stasi-Informanten. Der käme ihr wie ein lebender Toter vor, weil er eine große Illusionslosigkeit, ein Trauma mit sich herumschleppe.“ Über die konkreten historischen Umstände hinweg versucht der Film allerdings auch, so etwas wie exemplarische Charaktere zu kreieren. So meint Eva López-Sánchez: „Ich wollte einen Film über eine Person machen, die eine versteckte beziehungsweise eine doppelte Identität hat. Und es war wichtig, dass diese Person nicht nur nach außen log, sondern sich auch die ganze Zeit selbst betrog.“
„Francisca“ ist die Geschichte eines gebrochenen Idealisten, eines gebrannten Kindes, wobei sich die Vorgeschichte des Protagonisten dem Publikum erst nach und nach erschließt. Und die ist fürwahr verwickelt: Sohn eines spanischen Republikaners und einer deutschen Kommunistin, wurde Busch als Kind in die Sowjetunion evakuiert und ging später in die DDR. Desillusioniert vom real existierenden Sozialismus, angewidert von seiner Rolle als Spitzel, will er schließlich nur noch seine Ruhe haben. So meint er zu den mexikanischen „Compañeros“: „Ich ziehe es vor, keine Meinung zu haben. Ich glaube, ihr riskiert zu viel. Die Dinge sind nicht einfach schwarz oder weiß, Freund oder Feind. Ich habe auch so gedacht, und habe mir damit sehr geschadet.“
Aus mexikanischer Sicht ist „Francisca“ die längst überfällige Hommage an eine Bewegung, die sich vor mehr als drei Jahrzehnten den erstarrten Verhältnissen entgegenstemmte. Die AktivistInnen werden als aufrichtig und integer, aber auch als etwas naiv dargestellt. Da flüchten junge Leute in panischer Angst mit ihren illegalen Flugblättern vor der Polizei. Da fängt eine Studentin innerlich Feuer, als der spröde Dozent aus Europa sich zu einen Vortrag über die Achtundsechziger in Paris aufschwingt.
Doch je weiter der Film fortschreitet, desto mehr wird der leidenschaftliche Impetus zerprügelt und zerschossen. An die Stelle von Revolutionsromantik tritt das zermürbende Überleben in der Illegalität. Und schließlich stellt sich nicht nur für Helmuth Busch alias Bruno Müller die Frage, ob Flucht nicht die am wenigsten schlimme Alternative darstellt. Leider ist die Entgegensetzung zwischen Helmuths Verzagtheit und der revolutionären Energie der mexikanischen AktivistInnen streckenweise etwas monolithisch geraten. Ihr lebensmutiger Idealismus, ihre ungebrochene Opferbereitschaft erstrahlen angesichts von Helmuths Mischung aus Schuldgefühlen und Selbstmitleid umso heller – eine etwas simple Entgegensetzung. Nichtsdestotrotz ist „Francisca“ eine beeindruckende Parabel über die Frage, ob es, um einen Slogan der 68er-Bewegung zu zitieren, „ein richtiges Leben im Falschen“ geben kann oder nicht.

„Francisca (…auf welcher Seite stehst Du?)“; Regie: Eva López-Sánchez; Buch: Eva López-Sánchez und Jorge Goldenberg; Mexiko/ Deutschland/ Spanien 2002, Farbe, 85 Minuten.

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