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Das Zünglein an der Waage

Mißachtung von Gesetzen hat in Kolumbien Tradition. Schon die ersten Spanier übten sich darin, als die Spanische Krone 1542 die Leyes Nuevas verabschiedeten, die die physische Ausrottung der indigenen Völker verhindern sollten. Sie wurden nie in Kraft gesetzt. Landnahme erfolgte ohne jegliche Rücksicht auf die Rechte indigener Völker. Nach und nach mußte die auf Selbstverwaltung gerichtete Landwirtschaft der indigenen Gemeinden den Viehweiden und Plantagen der Spanier weichen, die ihre Landtitel durch Zahlungen an die Krone legalisieren konnten.
Die Strukturen der extremen Konzentration des Landeigentums in wenigen Händen überlebten auch die Wirren der Unabhängigkeitskriege. Die Konservative Partei, von der sich vor allem die Großgrundbesitzer vertreten fühlten, dominierte das erste Jahrhundert der jungen Republik. Erst 1930 kamen als Konsequenz der beginnenden Industrialisierung die Liberalen an die Regierung. Im Rahmen des Reformprogramms mit dem Titel La Revolución en marcha war eine Agrarreform vorgesehen. Die gerechtere Verteilung des Bodens hatte neben der Prävention sozialer Unruhen vor allem Produktionssteigerungen zum Ziel. 1936 wurde für Entscheidungen in Landkonflikten die Agrargerichtsbarkeit geschaffen. Unproduktive Güter, die ihre soziale Funktion nicht erfüllten, konnten enteignet werden. Statt einer Umverteilung zugunsten landloser Bauern bewirkte die Reform jedoch eine weitere Konzentration von Landeigentum, da die Großgrundbesitzer Pächter, von denen ihnen Gefahr zu drohen schien, verjagten und ihnen die Pachtverträge nicht verlängerten. Statt Brachland zur Nahrungsmittelproduktion zu nutzen, weiteten sie das Weideland aus.
So weisen die Statistiken von 1960 aus, daß 1,4 Prozent Latifundisten – also Landeigner – mit mehr als 200 Hektar Land – 46 Prozent des landwirtschaftlich nutzbaren Bodens kontrollierten, während die Masse der Kleinbauern (67 Prozent), die jeweils weniger als fünf Hektar zur Verfügung hatten, magere 6 Prozent untereinander aufteilten.

Agrarreform mit Negativergebnis

Die Sechzigerjahre brachten eine neue Agrarreform, verordnet von der durch die kubanische Revolution beunruhigten US-Regierung Kennedy. Im Rahmen der Allianz für den Fortschritt wurden die lateinamerikanischen Staatschefs angehalten, bewaffneten Revolutionen durch Sozialreformen vorzubeugen. In Kolumbien war der blutige Bürgerkrieg, bekannt als La violencia (1948-1957), in dem die beiden großen Parteien ihre Anhänger gegeneinander aufgehetzt hatten, noch in lebhafter Erinnerung.
Das Gesetz 135 aus dem Jahr 1961 sollte die Großgrundbesitzer zur Modernisierung zwingen und die bessere Nutzung der Böden garantieren. Der Erfolg dieser halbherzigen Reform blieb aber weit hinter den Erwartungen zurück. Erst unter Carlos Lleras Restrepo (1966-1970) wurde das Gesetz vertieft. Pächter sollten Anspruch auf das von ihnen bebaute Land bekommen und Brachland enteignet werden. Um die Bauern in den Reformprozeß einzubinden, ließ die Regierung die Bauernorganisation ANUC gründen. Gleichzeitig ließ sie die Bildung von Selbstverteidigungsgruppen zu. Diese Vorläufer der paramilitärischen Verbände waren der Armee unterstellt.
Die Bauern ließen sich allerdings nicht alle in die reformistische ANUC einzubinden. Nach der militärischen Zerschlagung der „unabhängigen Republiken“, jener Gebiete, wo sich die kommunistischen Bauernmilizen während der Violencia gegen die konservativen Horden verschanzt hatten, entstand mit den Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia (FARC) die erste Guerilla. Kurz nach der moskauorientierten Rebellenarmee formierten sich das kubafreundliche Volksbefreiungsheer (ELN) und das maoistische EPL, die mehr von städtischen Intellektuellen getragen wurden.
Nach zehn Jahren Landreform war das Land noch konzentrierter als 1960. Landlose und vertriebene Bauern emigrierten in die Städte, da sie den neuen Wachstumsrhythmus schlecht verkrafteten. Trotz höchster Landverteilungsraten unter den Präsidenten Lleras und Misael Pastrana, schritt die Reform so langsam voran, daß selbst die ANUC die Geduld verlor und zu Besetzungen von für die Enteignung fälligen Ländereien aufrief.

Repression zur Befriedung

Die Regierung wußte sich dagegen nicht anders zu helfen als durch Verschärfung der Repression. Die Anführer der Besetzungen kamen auf schwarze Listen von Campesinos, denen kein Land zugeteilt werden durfte. 1973 erklärten dann die Chefs der beiden großen Parteien gemeinsam mit den Eigentümerlobbies im Pakt von Chicoral die Agrarreform für „erfolgreich abgeschlossen“. Die entsprechende Ruhe wurde mit der Ausdehnung der militärischen Repression auf die Städte hergestellt. Dort hatte sich in den Invasionsvierteln das Movimiento Viviendista gegen Spekulanten und Großgrundbesitzer gebildet. Arbeiterproteste und Bürgerinitiativen komplettierten eine fast alle Gesellschaftsschichten erfassende soziale Bewegung, die tiefgreifende Veränderungen forderte.
Der liberale Präsident López Michelsen antwortete statt mit der versprochenen Öffnung mit mehr Repression. Und sein Nachfolger Julio César Turbay Ayala verabschiedete 1978 kurz nach seinem Amtsantritt das berüchtigte Sicherheitsstatut, das der Armee freie Hand bei der Bekämpfung des inneren Feindes gab. Allein in seinem ersten Regierungsjahr wurden 60.000 Menschen verhaftet und viele von ihnen gefoltert. Die durch das Statut eingeführte Zuständigkeit der Militärgerichtsbarkeit für Zivilisten wurde erst 1987 abgeschafft.
Während die sozialen Bewegungen brutal unterdrückt wurden, konnten rücksichtslose Drogenhändler kleine Imperien aufbauen. Die verstärkte Nachfrage nach Kokain in den USA hatte einen Boom des illegalen Handels in Kolumbien ausgelöst. Eine Entwicklung, die später nicht nur zu einer beispiellosen bewaffneten Konfrontation zwischen Staat und Drogenkartellen führen, sondern auch die bescheidenen Erfolge aller bisherigen Agrarreformprojekte zunichte machen sollte. Nachdem es zu mühsam und gefährlich wurde, den Rohstoff aus Peru und Bolivien, den traditionellen Anbauländern des Coca-Blatts, zu importieren, animierten die Drogenbosse landlose Bauern, im Urwald große Plantagen der verbotenen Pflanze anzulegen. Eine ökologische Katastrophe, die durch die Entlaubungsaktionen der Drogenpolizei noch verschlimmert wurde. Gleichzeitig investierten die Drogenhändler ihre Gewinne in Land. Transaktionen, bei denen mehrere Millionen Dollar in Bar den Besitzer wechselten und damit reingewaschen wurden, waren an der Tagesordnung. Man schätzt, daß sich rund acht Prozent der landwirtschaftlich nutzbaren Fläche heute in Händen von Drogencapos befindet. Das sind zwischen drei und vier Millionen Hektar Land – genug, um die große Mehrheit der landlosen und vertriebenen Bauern auf rentablen Flächen ansiedeln zu können. Eine neue Agrarreform wäre längst angesagt, denn gegenüber 1960 hat sich an der extremen Konzentration von Land nichts geändert. Die Verhältnisse haben sich sogar noch zugespitzt.

Umverteilung nicht mehr Staatssache

Seit den neoliberalen Reformen von César Gaviria geht die Landumverteilung nur mehr über den Markt. Das Landreforminstitut INCORA wird nur aktiv, um Verkäufer und Käufer zusammenzubringen, und den Käufern bis zu 70 Prozent des Preises zuzuschießen. Gewöhnlich wird aber Land minderer Qualität zu überhöhten Preisen angeboten. Die Funktionäre des INCORA sollen dabei in der Vergangenheit auch nicht schlecht weggekommen sein. In einem Land, in dem die wirtschaftliche und politische Macht seit Generationen von einer kleinen Clique kontrolliert wird, ist der Markt mehr noch als anderswo eine Fiktion. Daß die Agrarreform via Markt daher in eine Sackgasse führen mußte, durfte die Verantwortlichen nicht überraschen.
In 16 Jahren sollten 721.000 Familien zu Land kommen und 4,5 Millionen Hektar Land gekauft werden. Tatsächlich wurde die für 1994 bis 1998 angepeilte Zahl von 250.000 Familien weit unterschritten. Beim gegenwärtigen Rhythmus wäre das für 16 Jahre ins Auge gefaßte Programm erst in 110 (!) Jahren erfüllt. Wenn man voraussetzt, daß die Bevölkerung nicht wächst und keine weiteren Vertreibungen stattfinden. Beides sehr unrealistische Annahmen.
Der US-amerikanische Historiker Samuel Huntington, der durch den umstrittenen Kampf der Kulturen auch bei uns bekannt wurde, schrieb schon 1968: „Die Landbevölkerung spielt das Zünglein an der Waage im Prozeß der politischen Modernisierung. Wenn sie das politische System unterstützt und sich nicht gegen die Regierung richtet, ist das System sicher vor Revolutionen. Wenn sie in Opposition ist, dann laufen das System und die Regierung Gefahr, gestürzt zu werden. Die Rolle der Stadt ist immer die Opposition. Die Rolle des Landes ist unterschiedlich: es kann ein Stabilitätsfaktor oder der Funke zur Revolution sein. Die Opposition der Landbevölkerung ist fatal. Wer sie kontrolliert, kontrolliert den Staat.“
Daß die FARC-Comandantes sich an dieser Erkenntnis orientieren und sich daher in erster Linie auf die Landbevölkerung stützen, ist weniger erstaunlich als das mangelnde Bemühen der Regierungen, sich die Sympathie dieser Bevölkerungsgruppe zu sichern. Ihre Politik scheint einzig auf die Städte konzentriert zu sein, wo inwischen 78 Prozent der KolumbianerInnen leben. Das Land wird sich selbst beziehungsweise der Guerilla und den Paramilitärs überlassen. Mit Folgen, wie wir sie alle kennen: Zwangsrekrutierung, Massaker, Vertreibungen und der Militarisierung ganzer Regionen. Vor allem in den Gebieten, die von strategischem Wirtschaftsinteresse sind, werden die Paramilitärs auf Bauern angesetzt, deren Land plötzlich im Wert gestiegen ist.
Alle Konfliktparteien haben die Agrarreform als zentralen Punkt in ihre Wunschliste für Friedensverhandlungen aufgenommen. Doch während die Regierung und die USA eine Landreform in erster Linie als Instrument der Antidrogenpolitik sehen, also um Cocabauern aus dem Urwald herauszuholen und wieder in die legale Wirtschaft einzubinden, fordern die Guerillaorganisationen und selbst die Paramilitärs eine Strukturreform, die das exportorientierte Latifundium zugunsten der Nahrungsmittelproduktion in Klein- und Mittelbetrieben schwächt. Wenn bei den zögernd anlaufenden Verhandlungen zwischen Regierung und FARC eine ernsthafte Agrarreform herauskommt, wäre das schon ein Erfolg, der den Dialog rechtfertigt.

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