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Dem Gelächter eine Gasse

Farben und Musik fliegen durch die Altstadt Havannas. Junge SchauspielerInnen laufen auf Stelzen hin und her und jonglieren nicht nur mit Feuer, Bällen und Keulen, sondern auch mit Worten. Sie sprechen die PassantInnen an und erzählen Geschichten. Ihr Lachen ist die Brücke, über die eine Kommunikation zwischen FußgängerInnen und Schauspielenden zustande kommt. Die Tropazancos, “Stelzentruppe” ist eine Gruppe von StraßenschauspielerInnen, die Fröhlichkeit und Stoff zum Nachdenken in die Straßen der Altstadt von Havanna bringt. Marionetten und Musik begleiten ihr traumähnliches Spektakel.
Seit April 2000 gibt es die „Stelzentruppe“, die zu Beginn nur aus drei SchauspielerInnen bestand. Mittlerweile gehören der Gruppe sechszehn Frauen und Männer an. Bevor sie zusammen kamen, waren sie in unterschiedlichen Bereichen tätig: Einige hatten vorher bereits als Schauspieler gearbeitet, andere musizierten oder studierten Literatur an der Universität von Havanna. Allen gemeinsam war der Wunsch, ihre Mitmenschen zum Nachdenken über sich selbst und ihre Umwelt zu bringen. Und allen schien die Kunst der beste Weg dafür zu sein. Sie wählten die Form des Straßentheaters, da Performances im öffentlichen Raum ermöglichen, mit den PassantInnen ins Gespräch über ihre Lebensbedingungen zu kommen. Das Theater der Tropazancos engagiert sich: die SchauspielerInnen wollen die Leute anregen, umweltbewusst zu leben, und ihnen gleichzeitig zeigen, wie sie das, mit dem Wenigen, das sie haben, erreichen können. Umweltbewusst – damit meinen Tropazancos nicht nur ökologische Nachhaltigkeit, sondern immer auch den Umgang mit anderen und sich selbst. Solidarität ist zentrales Thema ihrer Aufführungen.
Die Tropazancos treten inzwischen fast überall in Havanna auf: in Krankenhäusern, auf Plätzen, auf den Straßen und in Parks. Die auf Stelzen laufende Gruppe kooperiert dabei auch mit anderen sozialen Organisationen und leitet selbst weitere Projekte. So ist eine der Gründerinnen von Tropazancos auch Sängerin des Hip-Hop Duos Las Krudas. Das Duo unterstützt die feministische Szene von Havanna und setzt sich gleichzeitig mit Rassismus und anderen Alltagsproblemen auseinander. Mit dem Geld, das Tropazancos auf der Straße einnehmen, unterstützen sie neben Las Krudas auch Krebskranke und Kinderprojekte.
Straßentheater ist auf Kuba eine Herausforderung. Seit 1965 gab es auf der Insel keine Theatergruppe mehr, die unabhängig vom Staat arbeitete. Alle Ensembles sind staatlich finanziert. Zudem bedarf es einer Genehmigung des Kultusministeriums, um überhaupt spielen zu dürfen. Die fehlende Spiellizenz war für Tropazancos zu Beginn ein großes Problem. “Todo principio es dificil” – aller Anfang ist schwer, sagten sie sich und beschlossen, die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Die Gruppe begann ohne Genehmigung aufzutreten. Ganz problemlos verliefen die Aufführungen nicht: Zwar wurden sie von der Polizei nicht unterbrochen, diese beschlagnahmte aber am Ende der jeweiligen Aufführungen die Spenden, die die Gruppe von den ZuschauerInnen erhalten hatte. Da die ersten Auftritte in der Altstadt Havannas stattfanden, wo viele UrlauberInnen unterwegs sind, argumentierte die Polizei, dass die TouristInnen belästigt worden seien. Ungehindert auftreten kann die Stelzentruppe erst, seit Eusebio Leal, der offizielle Stadthistoriker Havannas, ihr erlaubte, auf den Straßen der Altstadt Havannas zu spielen. Leal ist eine politisch gewichtige Person in Kuba: Er leitet das private Großprojekt der Restaurierung von Havannas Altstadt, das vor allem von der Aktiengesellschaft Habaguanex S.A. finanziert wird. Die Finanzmittel stammen vor allem von den zahlreichen Hotels und Geschäften in der Altstadt Havannas, die heute fast alle Habaguanex gehören. Mit der Fürsprache von Leal war der Weg frei für die StraßenkünstlerInnen, und er sollte von Erfolg gekrönt werden.
Das Repertoire der Zanqueros, wie die Gruppe Tropazancos von vielen genannt wird, ist heute umfangreich. Es reicht von Live-Musik (Salsa, Mambo, Reggeton, Rumba), über Jonglieren bis zum Marionettenspiel. Ihre Stoffe schreiben sie selbst oder kooperieren mit AutorInnen. In jedem Stück gibt es eine ErzählerIn. Er lenkt zum großen Teil die Handlungen der SchauspielerInnen und das Geschehen, lässt aber auch zu, dass wesentliche Bestandteile der Aufführungen unter Einbeziehung der Eigenheiten des jeweiligen Publikums und Schauplatzes improvisiert werden. Zum Publikumsliebling entwickelte sich das Stück Sir William y su kimbado escudero contra el furioso dragon Tribilin (Sir William und sein Knappe gegen den wütenden Drachen Tribilin), in dem es um Straßenfeger geht, die ihre eigene Welt erfinden. Die Gruppe nimmt auch Rückgriffe auf die mündliche kubanische Erzähltradition vor. So zum Beispiel in ihrem Klassiker „La Ceiba y la Tiñosa“ (Der Wollbaum und der Geier). Wie der Titel des Stücks andeutet, handelt es sich um eine Fabel, die mit Elementen der kubanischen Folklore und Mythologie arbeitet. Der Geier kann in diesem Zusammenhang sowohl Glück, als auch Pech bedeuten. Die „Ceiba”, die auch Nationalbaum Kubas ist, repräsentiert Weisheit und ist zentral für die „Santería“ – die wichtigste der in Kuba verbreiteten Religionen, die aus der Mischung verschiedener afrikanischer Religionen und des Christentums hervor gegangen sind.
Der Ansatz von der Tropazancos ist nicht nur erfrischend für die kubanische Gesellschaft, sondern auch dringend notwendig in einem Land, wo seit langem ein öffentlicher Dialog gebraucht wird. Es wird den KubanerInnen nicht leicht gemacht, die sozialistische Regierung zu kritisieren. Mit der Begründung, die Kritik des politischen Systems spiele nur den Feinden des Regimes in die Hände, stempelt die Regierung sämtliche Kritik als konterrevolutionär ab.
Die von vielen KubanerInnen empfundene Ohnmacht kommt auch in anderen kubanischen Stücken zum Ausdruck: So singt eine Figur in der von Victor Varela geschriebenen „Blinden Oper“, der Opera Ciega: „Los sueños han caído en una trampa” – „die Träume sind in eine Falle getappt“: Solange Kritik am System in Kuba nicht offen geäußert werden kann, bleiben Träume von einer besseren Gesellschaft, die weiterhin ein viel diskutiertes Thema auf der Insel ist, unrealisierbar. Die schwierigen wirtschaftlichen Bedingungen können die Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit nicht entschuldigen. Obwohl ihre Stücke Kritik äußern, sind Tropazancos offiziell keine Gegner der Regierung: Sie bewegen sich in den ungewissen Gewässern der Duldung. Ihre Arbeit ist eine Herausforderung für das stehengebliebene Denken vieler FunktionärInnen. Im Gegensatz dazu begrüßen viele Leute auf der Straße die Aufführungen.
Die SchauspielerInnen der Gruppe antworten auf die Frage, ob sie glücklich mit ihrer Arbeit sind, wie aus einem Munde mit einem lauten: „Ja“. Auch die Frage, ob sich ihre Erwartungen erfüllt haben, bejahen sie. Aber es ist ein zweischneidiges Ja: „Ja, aber trotzdem haben wir immer noch viel zu tun“, antwortet Roberto Salas, der Regisseur, mit einem wunderschönen Lächeln im Gesicht. Und er fügt hinzu: „Tropazancos ist für mich ein Versuch von KubanerInnen, trotz allem Freude am Leben zu haben und den Glauben an eine bessere Zukunft nicht aufzugeben.“

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