Film | Nummer 620 - Februar 2026

DEN BLICK DURCH DAS KINO DEKOLONISIEREN

In diesem Interview berichtet Valery Rojas, Kuratorin und Gründerin des Festivals, vom Prozess, lateinamerikanisches Kino nach Berlin zu bringen, und davon, was es bedeutet, mit La Sur Real eine dekoloniale Perspektive zu entwickeln.

Ende 2025 fand die vierte Ausgabe von La Sur Real statt, die dem kolumbianischen Langfilm gewidmet war. Vier Tage lang organisierte das Babylon-Kino in Berlin-Mitte neben Filmvor­führungen, eine Kindersektion (La Surrealita), einen Workshop, eine grafische Ausstellung sowie ein Treffen kolumbianischer, lateinamerikanischer und deutscher Filmschaffender.

Das Festival versteht sich als Begegnungsraum zwischen Kulturen, Perspektiven und Generationen, in dem Kunst als Dialog und soziale Transformation wirkt. Ziel ist es, die kulturellen Beziehungen zwischen Kolumbien und Deutschland zu stärken, neue Narrative des zeitgenössischen kolumbianischen Kinos sichtbar zu machen und deren Zirkulation in Europa zu fördern.

Von Interview: Juliana Garzón Beltran &
 Gabriela Rojas Bock- Übersetzung: Valeria Medina Solana
Valery Rojas Caro (Foto: Privat)

Was hat dich dazu inspiriert, La Sur Real zu gründen, und warum in Berlin?
La Sur Real ist das Ergebnis von mehr als zehn Jahren gemeinsamer Arbeit mit Freund*innen, Verbündeten, Menschen aus der Diaspora und auch mit Deutschen, die uns geholfen haben, eine Brücke zwischen Lateinamerika und Europa zu schlagen. Wir wollten eine Plattform schaffen, die Künstlerinnen und Projekte auf beiden Seiten sichtbar macht.
Eine weitere starke Motivation war das Bedürfnis, der Desinformation über Kolumbien und generell über Lateinamerika etwas entgegen­zusetzen. Uns ging es darum, Räume zu schaffen, in denen Menschen sich informieren, lernen und von Vorurteilen geprägte Sichtweisen hinterfragen können. Mit der Zeit konzentrierte sich unsere Arbeit immer stärker auf das Audiovisuelle. Nach meiner kuratorischen Ausbildung in San Sebastián beschlossen Mauricio und ich, ein Festival mit Schwerpunkt auf Dokumentarfilm zu gründen, mit Programmen, die darauf abzielen, den Blick zu dekolonisieren und über die geteilten Verantwortlichkeiten zwischen dem Globalen Norden und dem Globalen Süden nachzudenken.
Schließlich ist La Sur Real auch eine Möglichkeit, die Verbindung zur Diaspora lebendig zu halten, nicht den Kontakt zu verlieren und weiterhin aus Begegnung, Austausch und Dankbarkeit heraus zu arbeiten.

Nach welchen Kriterien wählt ihr die Filme für das Programm aus?
Diese Ausgabe ist die erste, in der wir Langfilme präsentieren. In den ersten Jahren haben wir ausschließlich mit Kurzfilmen gearbeitet. Die Auswahl basiert auf einem offenen Aufruf, der durch ein Netzwerk unterstützt wird, das wir über Jahre hinweg mit Filmschulen, Filmschaffenden und Menschen aus der Diaspora aufgebaut haben.
Die wichtigsten Kriterien sind, dass es sich um Dokumentarfilme handelt – auch wenn wir Animation, Indigenous Futurism und experimentelle Arbeiten zulassen –, dass sie aus dem Globalen Süden stammen, reale Geschichten erzählen und dazu beitragen, den Blick zu dekolonisieren. Wir priorisieren Werke von nicht-weißen Filmschaffenden und bevorzugen Regisseurinnen, Frauen und dissidente Personen.

Würdest du sagen, dass das Festival in diesen vier Jahren einen Einfluss auf die Wahrnehmung des deutschen Publikums gegenüber dem kolumbianischen Kino hatte?
Ja, ohne Zweifel gibt es diesen Einfluss. Ich möchte ihn nicht in Zahlen messen, aber ich nehme ihn sehr deutlich in den Gesprächen nach den Vorführungen wahr. Auch wenn der Großteil des Publikums lateinamerikanisch ist, kommen immer auch deutsche Besucher*innen, oft mit persönlichen Bezügen zur Region oder einem starken Interesse daran. Daraus entstehen sehr intensive Lernprozesse und Momente der Reflexion.
Mehrmals habe ich erlebt, wie bestimmte Themen für das deutsche Publikum schockierend sind. Zum Beispiel wenn wir Dokumentarfilme über Kohle, über das Steinkohlebergwerk El Cerrejón oder über die Beziehung zwischen Regionen wie La Guajira und dem Energieverbrauch in Deutschland zeigen, können viele das kaum glauben. Ähnlich ist es bei Recherchen zu Produktionsketten, die extraktivistische Dynamiken verbergen: Sobald diese Geschichten auf der Leinwand sichtbar werden, ist die Wirkung unmittelbar.
Für mich bestätigen solche Reaktionen, dass sowohl Lang- als auch Kurzfilme tatsächlich etwas auslösen und notwendige Fragen aufwerfen.

Was würdest du jungen lateinamerikanischen Filmschaffenden in Europa sagen, die das Gefühl haben, ihre Geschichten passen nicht zur „traditionellen europäischen Perspektive“?
Dass sie weitermachen sollen. Dass sie weiterhin auf die Bilder und Ideen setzen sollen, die sie im Kopf haben. Das klingt vielleicht klischeehaft, aber es stimmt. Wenn man ein Bild in sich trägt und es nährt, kann es Wirklichkeit werden.
Wichtig ist, sich nicht von der Bequemlichkeit oder der Trägheit des Lebens hier leiten zu lassen, sondern sich auch in der eigenen künstlerischen Arbeit immer wieder zu irritieren und herauszufordern. Man sollte sich nicht im Kanon dessen gefangen halten lassen, wie Kino angeblich gemacht werden „muss“.
Man kann mit wenigen Mitteln arbeiten, kollektiv produzieren, Bilder recyceln, mit Archivmaterial arbeiten, sich auf Freundschaften und nahe Netzwerke stützen. Wir kommen aus Kontexten, in denen Kino durch Improvisation, Erfindung und Lösungsfindung entsteht, ohne bei jeder Einschränkung stehenzubleiben. Diese Fähigkeit ist eine Stärke.
Wir haben alles: Fantasie, Gemeinschaft und Lust, etwas zu schaffen. Man muss das nur aktivieren und weitermachen.

Welche Botschaft würdest du dem europäischen bzw. Berliner Publikum mitgeben, um es zum Festival einzuladen?
Wir laden euch ein, aus der Täuschung auszutreten und „hinter die Kulissen“ zu schauen. Was dahinter liegt, tut weh, irritiert und ist unbequem, aber es ist notwendig. Sich der Wahrheit zu stellen. Es ist ein Prozess, der uns verändert.
La Sur Real schlägt vor, sich irritieren zu lassen, das scheinbar Selbstverständliche zu hinterfragen und sich Geschichten zu nähern, die andere Perspektiven und andere Arten zeigen, die Welt zu betrachten.

Was hat dich persönlich als Kuratorin und Kreative besonders geprägt?
Jedes Jahr gibt es Erfahrungen, die mich tief berühren. Vor drei Jahren zum Beispiel zeigten wir Madres, einen Kurzfilm der kolumbianischen trans Künstlerin Demonia Yeguasa. Der Film erzählt von ihrer Beziehung zu ihrer Mutter und davon, wie sie ihre Identität in einem konservativen Umfeld aufbaut. Nach der Vorführung und ihrer Feuer-Performance kamen einige Mütter aus dem Publikum mit Tränen in den Augen auf sie zu, bewegt davon, eine andere Art zu sehen, zu leben und sich auszudrücken.
Ein anderes Beispiel war La receta de la abuela, eine Animation über die argentinische Diktatur und das Exil, die eine Zuschauerin emotional sehr berührte, weil sie aus demselben Dorf wie die Protagonistin stammte. Und Llueve, über das gewaltsame Verschwindenlassen in Mexiko, löste tiefe und erschütternde Reflexionen aus, auch bei Menschen mit ähnlichen persönlichen Erfahrungen.
Was mich prägt, ist nicht nur der Inhalt der Filme, sondern auch der Kontext ihrer Vorführung. Wir zeigen Kino in nicht-konventionellen Räumen, etwa in der Köpi, einem besetzten Haus voller Graffiti und Wandmalereien, wo die Projektion zu einem kollektiven Ereignis wird, voller geteilter Energie, Zusammenarbeit und Ritualität. Das erinnert mich daran, dass Kino zugleich politisch, emotional und magisch sein kann. Diese Begegnungen zeigen mir, dass die Wirkung des Kinos aus der Verbindung von Geschichte, Sensibilität und Raum entsteht, und dass es die Erfahrung des Sehens und Fühlens verändert, wenn man solche Kontexte gemeinsam aufbaut.

Und zum Schluss: Warum der Name La Sur Real?
Früher hatten wir ein anderes Festival, das Cannibal Fest hieß, aber ich wollte etwas Neues schaffen. Der Name entstand aus der Kombination von „sur“ und „real“, dem Globalen Süden und der Realität, die im Norden oft unbekannt ist oder verzerrt dargestellt wird.
Zugleich sind das Leben und die Geschichten Lateinamerikas so üppig und komplex, dass sie zwischen Schönheit und Dunkelheit manchmal surreal erscheinen. So entstand La Sur Real: ein Name, der die Realität des Südens und den feministischen und dekolonialen Anspruch des Festivals widerspiegelt.


Hola!

Wenn Dir gefällt, was du hier liest, dann unterstütze unsere ehrenamtliche Redaktion doch mit einem Abo! Das gibt's schon ab 29,50 Euro im Jahr. Oder lass uns eine Spende da! Egal ob einmalig 5 Euro oder eine monatliche Dauerspende – alles hilft, die LN weiter zu erhalten, Gracias ❤️

Ähnliche Themen

Newsletter abonnieren