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Den Überlebenden Gehör verschaffen

Etwa 1,5 Millionen Kinder wurden während der Judenvernichtung im Zweiten Weltkrieg ermordet. Die Erinnerung an sie, wie etwa im Denkmal für die Kinder in Yad Vashem, ist ein wichtiger Teil des Gedenkens. Kinder hatten eine sehr geringe Überlebenschance, diejenigen die überlebten mussten sich verstecken und ihre Identität verleugnen. Dem Schicksal dieser Kinder widmet Diana Wang ihr Buch Die versteckten Kinder – Aus dem Holocaust nach Buenos Aires. Das Buch basiert auf Interviews mit dreißig Überlebenden der deutschen Judenvernichtung, teilweise auch auf deren Notizen oder früheren Veröffentlichungen. Die Autorin ist Vorsitzende der Gruppe „Generaciones de la Shoá en Argentina“, aus der heraus auch die Publikation entstanden ist. Es handelt sich also nicht um irgendein Oral History-Projekt, sondern um eine Veröffentlichung, die eine Gruppe von Überlebenden selbst organisierte.
Die dreißig Zeitzeugen waren Kinder oder Jugendliche, als der Massenmord begann. Sie kamen aus zehn europäischen Ländern und kamen nach dem Kriegsende nach Argentinien, in drei Fällen bereits davor. Die chronologisch geordneten Interviews beginnen mit dem Leben vor dem Krieg und enden mit den Erfahrungen der Befragten in Argentinien. Diese Vorgehensweise führt zu einem auch verwirrenden Hin und Her zwischen den verschiedenen Berichten, die ganz unterschiedliche Perspektiven haben. Während die älteren Mitglieder der Gruppe von Erlebnissen berichten, die sie als Jugendliche machten, haben die jüngsten keine oder kaum Erinnerungen. Die Erzählung der Auschwitz-Überlebenden Elsa, die mit 20 deportiert wurde, steht neben dem Bericht der zum gleichen Zeitpunkt fünf Jahre alten Claudia, die versteckt in Rom überlebte. Die Jüngsten berichten über etwas, dass sie nur aus den Erzählungen anderer kennen. Dieses Nebeneinander sehr unterschiedlicher Berichte ist eine der Stärken des Buches. Bei aller Redaktion und chronologischen Ordnung des Materials: die Eigenheit der Berichte, ihre Individualität, ist erhalten geblieben. Sie sind nicht glatt gebügelt, sondern erzählen offen und auch schockierend intim. Was haben dann diese Berichte miteinander zu tun? Es sind die Berichte von alten Argentinier_innen, die als Kinder ermordet werden sollten, weil sie Juden waren. Nicht nur das historische Geschehen steht im Vordergrund, sondern auch was die Verfolgung für das weitere Leben der Betroffenen bedeutete. Es ist Oral History im besten Sinne, die eben nicht vorgibt, die historische Wahrheit zu erzählen, sondern zeigt was die Geschichte mit Menschen macht. Wie wichtig diese Dimension für die Geschichtswissenschaft ist, die dazu neigt mit klaren Schnitten und Zäsuren zu arbeiten, zeigt das Kapitel „Befreiungen“. Die Befreiung von den deutschen Mördern, bedeutete ein Ende der unmittelbaren Lebensgefahr. Doch was bedeutete „Befreiung“ für die bei Kriegsende 20­‑jährige Micheline von deren Familie nur der Nachname geblieben war? Für jüngere Kinder brachte das Kriegsende oft neue Trennungen. So berichtet die bei Kriegsende 8-jährige Noëlly, sie sei ihren christlichen Adoptiveltern „wie ein Paket“ weggenommen worden, um jüdischen Adoptiveltern in Argentinien gegeben zu werden.
Viele Überlebende in Polen waren auch nach dem Krieg mit Antisemitismus konfrontiert und vermieden bis zu ihrer Ausreise als Juden aufzufallen. Bis zur Ausreise? Zu den verstörenden Wahrheiten über die jüdische Einwanderung nach Argentinien gehört, dass es sie offiziell nicht geben durfte. Juden konnten als Juden nicht einwandern, sie mussten sich als Katholiken tarnen. Dass Argentinien deshalb nicht das Wunschziel der Überlebenden war, versteht sich von selbst. Sie kamen, weil sie hier Verwandte hatten, aus Angst vor einem weiteren Krieg oder weil es keine anderen Optionen gab. Im Peronismus, aber auch danach waren Juden in Argentinien mit offenem Antisemitismus konfrontiert, während die Einreise von Naziverbrechern geduldet, teilweise sogar gefördert wurde. Dennoch ist Argentinien heute das lateinamerikanische Land mit der mit Abstand größten jüdischen Gemeinschaft. Da viele Einwanderer ihre jüdische Herkunft verschleierten, ist sie wahrscheinlich noch größer, als die etwa 180.000 die nach offiziellen Angaben im Land leben.
Eine Rechtfertigung für diesen vorsichtigen Umgang mit der eigenen jüdischen Identität sahen einige Mitglieder der Gruppe in der Militärdiktatur. Sie erinnerte sie nicht nur an die Naziverfolgung, unter den Opfern der Diktatur befanden sich auch überproportional viele Juden. Auch die Anschläge auf die israelische Botschaft, 1992, und das jüdische Kulturzentrum AMIA, 1994, trugen zur Verunsicherung bei. Gleichzeitig waren die Solidaritätsbekundungen in Reaktion auf die Anschläge ein Hoffnungsschimmer, ebenso wie die Interviewinitiative der Spielberg-Stiftung, die vielen ein Forum gab sich mit ihrer Vergangenheit auseinanderzusetzen.
So verdienstvoll die Übersetzung und Herausgabe dieses Buches ist – ein wissenschaftliches Lektorat hätte dem Text gut getan. Weite Teile der Einleitung sind inhaltlich fragwürdig, so etwa, wenn zu lesen ist, beim Zweiten Weltkrieg hätte es sich eigentlich um zwei Kriege gehandelt, der eine „traditionell“, der andere gegen die Juden. Einige Darstellungen sind schlicht falsch, so etwa die Beschreibung der nationalsozialistischen Rassenideologie oder die Behauptung, die Juden wären die einzige Gruppe gewesen, „die wirklich vollständig ausgelöscht werden sollte“. Dies ist angesichts des Porajmos, des Massenmordes an den Sinti und Roma, schlicht falsch. Die Liste ließe sich fortsetzen. Ärgerlich ist hieran vor allem, dass auch das Anliegen des Buches beschädigt wird, das die Übersetzerin Sylvia Degen als die Absicht beschreibt, „den Überlebenden Gehör zu verschaffen und dafür zu sorgen, dass ihre Stimmen nicht verdrängt und zum Schweigen gebracht werden.“ Um es deutlich zu machen: An das Zeugnis eines Überlebenden kann nicht der Maßstab historischer Arbeiten und Korrektheit angelegt werden, an die Einleitung eines in einem Verlag für jüdische Kultur und Zeitgeschichte erscheinenden Buches sehr wohl. In dieser Form ist die Einleitung völlig indiskutabel.
Dennoch: der Kern des Buches, die Berichte der dreißig Zeugen, sind ein wichtiger Beitrag zur Geschichte und Nachgeschichte der Judenvernichtung. Sie rücken eine Gruppe ins Zentrum, die weniger als andere zeitgenössische Quellen hinterlassen konnte und die trotzdem ein Anrecht darauf hat, dass ihre Geschichte wahrgenommen und geschrieben wird. Sicherlich ist dieses Buch auch ein trauriges Zeugnis des argentinischen Umgangs mit dieser Einwanderergruppe. Die Flüchtlinge aus Europa konnten sich hier ein neues Leben aufbauen, willkommen waren sie nicht. Ganz im Gegensatz zu den alten Nazis. Erst im Jahre 2005 entschuldigte sich der damalige Präsident Ernesto Kirchner für diese Ungerechtigkeit.

Diana Wang // Die versteckten Kinder. Aus dem Holocaust nach Buenos Aires // Hentrich & Hentrich Verlag // Berlin 2012 // 348 Seiten // ISBN: 978-3-942271-72-1 // 24,90 € // 44,00 CHF // www.hentrichhentrich.de/buch-die-versteckten-kinder.html

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