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Der Atlantik als Brücke

Sein Tod kam trotz seines hohen Alters für viele überraschend. Carlos Fuentes war bis zuletzt aktiv, als Buchautor und Essayist. Wenige Wochen vor seinem Tod hatte er das Manuskript seines neuen Werkes Federico en su balcón, in dem er fiktive Zwiegespräche mit dem Philosophen Friedrich Nietzsche führt, seinem Verlag übergeben. Ein weiteres Buch war auch schon in Planung: El baile del centenario, in dem sich der Autor wieder dem Thema zuwenden wollte, das sich wie ein roter Faden durch sein Werk zieht: die Geschichte und Politik Mexikos sowie die kritische Betrachtung des mexikanischen Nationalismus.
Fuentes, Sohn eines mexikanischen Diplomaten, wanderte von Geburt an wie kaum ein anderer lateinamerikanischer Autor zwischen den Amerikas und Europa hin und her. Er lebte zuletzt jedes Jahr mehrere Monate in London und wird nun auf dem Friedhof Montparnasse in Paris beigesetzt. Auch in seinem schriftstellerischen Schaffen legte sich Fuentes nicht nur auf einen Ausdrucksort und eine Ausdrucksart fest. Er war Schriftsteller und Literaturtheoretiker, zugleich aber auch politischer und kulturphilosophischer Denker, Essayist – unter anderem für die spanische Tageszeitung El País – und lehrte an den nordamerikanischen Universitäten Harvard und Columbia.
In seinen Texten setzte er sich vielfach mit dem historischen und aktuellen Mexiko auseinander und mit der „Unfähigkeit“ seines Landes, sich ein eine moderne Demokratie zu verwandeln. Carlos Fuentes war immer ein linkspolitischer Intellektueller, eine der einflussreichsten Stimmen in der Literatur und Politik Mexikos und Lateinamerikas. Dass er dabei mitunter als „Marxist im Smoking“ tituliert wurde, hängt auch damit zusammen, dass er trotz seiner Unterstützung für die kubanische Revolution und seiner harschen Kritik am nordamerikanischen Imperialismus nie ein ideologischer Eiferer war. Carlos Fuentes´ Durchbruch als Schriftsteller ist unlösbar verbunden mit dem „Boom“ lateinamerikanischer Literatur der 1960er Jahre, mit seinen befreundeten Schriftstellerkollegen García Márquez und Vargas Llosa. Im Gegensatz zu diesen erhielt der Mexikaner allerdings nie den Literaturnobelpreis, obwohl er mehrfach als Kandidat benannt war.
Zu den bekanntesten Romanen des 1928 in Panama geboren Autors gehören sicherlich La muerte de Artemio Cruz (1962; auf Deutsch „Nichts als das Leben“), in der aus der Perspektive des sterbenden Großgrundbesitzers und Diplomaten Artemio Cruz die Gewalt und das Scheitern der mexikanischen Revolution illustriert wird. Auch seine beiden umfangreichsten Romane Terra nostra (1975) und Cristóbal Nonato (1987) sind Interpretationen mexikanischer Geschichte. Seine letzten Werke, Adán en Eden (2009) sowie Vlad (2010) setzen sich hingegen mit aktuellen Problemen Mexikos wie Gewalt und Drogenhandel auseinander.
Mit seinem mehr als 20 Bücher umfassenden literarischen Werk, für das er bereits 1987 mit dem spanischen Literaturpreis Premio Cervantes ausgezeichnet wurde, und auch mit seinen zahlreichen Essays wurde Carlos Fuentes einer der zentralen Motivationen des „Booms“ auch noch Jahre später mehr als gerecht: Ihm gelang es, mit Sprache und ästhetischer Form, teilweise mit sprachlicher Radikalität und immer auch mit einer großen Experimentierfreude, nicht nur der mexikanischen, sondern der ganzen lateinamerikanischen Literatur weltweit Geltung zu verschaffen.
Carlos Fuentes verstarb am 15. Mai 2012 im Alter von 83 Jahren in Mexiko-Stadt.

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