Der Castillismo lebt weiter
Im ersten Wahlgang liefern sich Rechtspopulismus und Linkspopulismus ein Kopf-an-Kopf-Rennen

Erst kamen Wahlunterlagen nicht an und einige Wahllokale konnten erst einen Tag später geöffnet werden, nun ziehen sich die Auszählungen in die Länge. Die Nationale Wahlbehörde (Oficina Nacional de Procesos Electorales, ONPE) steht unter Druck, während bereits am Tag der Wahl von Seiten López Aliagas der Vorwurf des Wahlbetrugs laut wurde. Die EU-Wahlbeobachtungsmission betonte trotz der technischen und organisatorischen Probleme die Bedeutung eines unabhängigen und rechtsstaatlichen Wahlprozesses, ohne die Gültigkeit der Wahlen infrage zu stellen oder Hinweise auf systematischen Betrug zu bestätigen. Zugleich forderte sie unabhängige Untersuchungen zu den Vorfällen während des Wahltags und der darauffolgenden Tage sowie mehr Zurückhaltung im politischen Diskurs.
Die Wahlergebnisse überraschten mehr als einen Beobachtende*n. Vor Wochen noch zeichneten die Prognosen ein anderes zu erwartendes Bild in einer Stichwahl. Das peruanische Parteiensystem ist geprägt von einer hohen Wählervolatilität und von Parteien, die politische Vehikel für einzelne Personen sind und häufig nur eine Legislaturperiode bestehen. Zur Wahl traten 35 Kandidat*innen an. Es war abzusehen, dass keine*r von diesen Kandidat*innen in der Lage ist, eine relevante Mehrheit der Bevölkerung für sich zu begeistern. In Konsequenz ist es kein überraschendes Phänomen, dass viele Wähler*innen erst kurz vor der Wahl oder am Wahltag entschieden, wo sie ihr Kreuz setzten und Prognosen – wie in den vergangenen Wahlen – selbst kurz vor dem Urnengang wenig Aussagekraft hatten.
Auch wenn so gut wie sicher war, dass Keiko Fujimori in die Stichwahl einziehen würde, war unklar, wer sie begleiten würde. Die Fujimori-Partei Fuerza Popular ist eine der wenigen Ausnahmen, da die Partei seit mehreren Legislaturperioden längerfristig besteht und regelmäßig zweistellige Ergebnisse vorweist. Sie holte auch aktuell 16 Prozent der Stimmen. Ihre Kernwählerschaft verdankt Fujimori nicht zuletzt der Anhängerschaft ihres verstorbenen und wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit verurteilten Vaters und Expräsidenten Alberto Fujimori.
Die im Vorfeld der Wahlen denkbaren Herausforderer in einer Stichwahl gegen Fujimori schienen der rechte Kandidat Carlos Álvarez und der ultrarechte López Aliaga zu sein sowie Ricardo Belmont, ein ehemaliger Bürgermeister Limas, der unter dem Narrativ des Outsider-Kandidaten antrat. Stattdessen ist der linke Roberto Sanchez nach der Auszählung von 97 Prozent der Stimmen laut der Wahlbehörde der Kandidat mit dem zweitbesten Ergebnis. Vor allem die Basiswählerschaft des Castillismo unterstützt ihn – also Anhänger*innen des letzten gewählten Präsidenten Pedro Castillo, der im Dezember 2022 abgesetzt wurde. Sanchez räumte vor allem in der Andenregion und im Süden Perus ab.
Geprägt war der Wahlkampf von den Themen Sicherheit und Korruption. Fujimori und López Aliaga versprachen beide eine Reduktion des öffentlichen Sektors und einen autoritären, und im Falle López Aliagas, offen menschenrechtsverletzenden Kurs gegen die ansteigende Kriminalität, während Sanchez mehr staatliche Kontrolle über Rohstoffvorkommen und eine Verfassungsreform will.
Um die Unterstützung für Roberto Sánchez zu verstehen, muss man auf den April 2021 zurückblicken. Inmitten einer von der Corona-Pandemie geprägten Wahl wurde der Lehrer Pedro Castillo Terrones mit einem linken Wahlprogramm im ersten Wahlgang stärkste Kraft und erreichte 18 Prozent der Stimmen. Castillo gelang es, eine politische Identität zu schaffen, die große Teile der Bevölkerung ansprach: Er präsentierte sich als Lehrer, Bauer und Mitglied der bäuerlichen Selbstverteidigung. Diese Selbstinszenierung verlieh ihm Authentizität und stellte eine klare Abgrenzung zur traditionellen politischen Klasse dar. Zugleich erhielt seine Kandidatur Unterstützung aus den Reihen des CONARE, eines radikalen Flügels der peruanischen Lehrergewerkschaft Sindicato Unitario de Trabjadores en la Educación del Peru (SUTEP).
Entscheidend für seinen Wahlerfolg war jedoch nicht allein das Programm oder die organisatorische Rückendeckung, sondern auch seine Performance als politischer Anführer. Besonders sein markanter Hut wurde zu einem Symbol, das viele Peruaner*innen aus ländlichen Regionen mit ihm identifizierten. Es erzeugte eine starke emotionale Bindung. Auf diese Weise wurde Castillo zu einer Identifikationsfigur für Bevölkerungsgruppen, die sich von den etablierten Eliten seit Jahrzehnten ausgeschlossen fühlten.
Castillo bleibt Identifikationsfigur
Die Kandidatin, die mit ihm in die Stichwahl einzog, war Keiko Fujimori. Sie kandidierte bereits zum dritten Mal erfolglos für das Präsidentschaftsamt. Zwei radikal unterschiedliche politische Projekte standen sich gegenüber: Auf der einen Seite Castillo, der als Vertreter des ländlichen und marginalisierten Perus wahrgenommen wurde; auf der anderen Seite Fujimori, Symbolfigur eines neoliberalen und autoritär geprägten politischen Erbes. Am Ende entschied sich die Wahl äußerst knapp zugunsten Pedro Castillos – ein Ergebnis, das die tiefe gesellschaftliche Polarisierung des Landes sichtbar machte.
Jedoch versuchte Castillo im Dezember 2022 in einer Botschaft an die Nation, den Kongress aufzulösen. Während es sich für eine Mehrheit in Lima um einen Angriff auf die Demokratie handelte, wurde die anschließende Absetzung Castillos vor allem im Süden Perus als unrechtmäßige Absetzung ihres demokratisch gewählten Präsidenten gesehen. Darauf folgten Mobilisierungen und Zusammenstöße mit der Polizei, bei denen 60 Menschen getötet wurden. Amnesty International und die Interamerikanische Menschenrechtskommission stellten Menschenrechtsverbrechen und die Verantwortung des Staates fest, ein Rücktritt der Interimspräsidentin Boluarte folgte nicht. Die Geschehnisse wurden zum Einschnitt in der Beziehung zwischen Lima und den südlichen Regionen, die anprangerten, dass in der Hauptstadt nicht die Schwere der stattgefundenen Gewalt anerkannt wurde.
Das Phänomen Sanchez
Trotz Castillos Verhaftung hat der Castillismo nun eine Schlüsselrolle in den Wahlen gespielt. Sánchez positioniert sich im peruanischen politischen Spektrum als Vertreter eines linkspopulistischen, stark auf soziale und territoriale Ungleichheiten fokussierten Projekts, das eng mit dem politischen Erbe Pedro Castillos verbunden ist. Zentral in seiner Rhetorik ist die Kritik an der historisch unzureichenden Repräsentation und Integration Indigener Bevölkerungsgruppen und ländlicher Regionen im peruanischen Staat. Daraus leitet er die Forderung nach einer umfassenden Verfassungsreform ab, die mehr Indigene Repräsentation und regionale Autonomie ermöglichen soll. Sánchez steht in einer klaren Allianz mit dem Castillismo: Nach der Amtsenthebung von Castillo wurde seine Partei Juntos por el Perú zu einem der wichtigsten organisatorischen und politischen Träger des ehemaligen Präsidenten und seines Umfelds. Sánchez selbst übernimmt dabei nicht nur programmatische Elemente Castillos, sondern auch symbolische Formen der Identifikation, etwa durch die Nutzung des charakteristischen Strohhuts. Castillo hat Sanchez seine Unterstützung ausgesprochen und dieser wiederum positioniert sich öffentlich gegen die Unrechtmäßigkeit der Verhaftung Castillos.
Auf Sanchez unerwarteten Erfolg folgte die Antwort aus dem rechten politischen Lager. Die rechtspopulistische Strömung, angeführt von López Aliaga, entschied sich für den Weg der Mobilisierung durch Demonstrationen unter dem Vorwurf des Wahlbetrugs. Am 19. April rief der Kandidat zum „Marsch für die Demokratie” auf, zu dem sich Tausende von Peruaner*innen in Lima versammelten, um ihn zu unterstützen und ihre Unzufriedenheit mit den Wahlinstitutionen zum Ausdruck zu bringen. Die Demonstrationen konzentrierten sich vor allem auf Lima, während die politische Spaltung in Peru angesichts der Vorwürfe von Unregelmäßigkeiten bei den Wahlen weiter zunimmt. Der Vorwurf des Wahlbetrugs ist jedoch nicht neu: Bereits in der Stichwahl von 2021 setzte Keiko Fujimoris Partei Fuerza Popular das Argument ein.
López Aliaga äußerte nun den Vorwurf eines lang angelegten Plans des Wahlbetrugs durch Teile der Linken und der Nationalen Wahlbehörde ONPE. Öffentlich beschuldigte er den Leiter der ONPE, Piero Corvetto, des Gesetzesmissbrauchs und zog einen Vergleich zu den Wahlen in Venezuela. Er sprach von „Sabotage“ und forderte eine internationale Überprüfung des nationalen Wahlgerichts (Jurado Nacional de Elecciones, JNE) und Neuwahlen für 2027. Infolge der breiteren öffentlichen Kritik und einer Anzeige des JNE gegen Corvetto und drei weitere Funktionäre wegen Verbrechen gegen das Wahlrecht, trat der Leiter der ONPE zurück, obwohl das im laufenden Wahlprozess gesetzwidrig ist. Diese Vorgehensweise und die Vorfälle im Wahlvorgang schwächen letztlich die Legitimität des Wahlergebnisses und das bereits extrem angekratzte Vertrauen der Peruaner*innen in die demokratischen Institutionen, was López Aliaga zu instrumentalisieren versucht.
Bei 97 Prozent der ausgezählten und überprüften Stimmen ist der Vorsprung von Sanchez vor López Aliaga minimal, aber nicht mehr einholbar. Letztlich zeigen die Wahlergebnisse die Abwesenheit eines*r mehrheitsfähigen Präsidentschaftskandidat*in in Peru und ein Bild der Verschärfung der sozialen Fragmentierung. Es ist kein Geheimnis, dass das Instrument der Amtsenthebung aufgrund „moralischer Unfähigkeit” vom Kongress immer wieder als politisches Druckmittel genutzt wird. Wie es also mit den neuen, veränderten Kräfteverhältnissen im Kongress mit der Stabilität einer neuen Regierung aussieht, hängt von Allianzen ab, welche diese eingeht. Abzuwarten bleibt auch, wie sich das neue Zweikammersystem aus Kongress und Senat auf den politischen Prozess auswirkt.


