Argentinien | Nummer 620 - Februar 2026

Der faire Preis 
für Mate

Eine Reise durch die nordargentinische Provinz Misiones, 
das Herz des Mateanbaus

An immer mehr Orten weltweit wird Mate getrunken. Hinter dem traditionellen Heißgetränk aus den Blättern der Matepflanze steht eine ganze Reihe kleiner und mittlerer Produktionsbetriebe, Bäuer*innen und Kooperativen. Doch die haben es mit der aktuellen Regierung Argentiniens unter Präsident Javier Milei und ihrer extremen Liberalisierungspolitik nicht leicht, wie diese Reportage des uruguayischen Fotografen und Journalisten Diego Vila zeigt.

Von Diego Vila, Misiones - Übersetzung und Bearbeitung:
 Susanne Brust
Foto: Diego Vila

Juan Manuels Finger sind gegerbt und verformt, seine Zähne schief und vergilbt. Ein starker Geruch
nach Zigaretten begleitet seine Worte. Wir treffen uns am Terminal Retiro in Buenos Aires
und fahren mit dem Bus nach Misiones. Juan Manuels Blick schweift ab, er redet ununterbrochen.
Nach zwei Jahren und drei Monaten Abwesenheit kehrt er ins Haus seiner Mutter in Eldorado in der
Nähe von Iguazú zurück. Er war in einer religiösen Einrichtung untergebracht und sagt, er sei von
seinem problematischen Drogenkonsum geheilt worden. „Mit zwölf habe ich mit paco (Kokain-
Abfallprodukt, Anm. d. Übers.) angefangen”, erzählt er, „ich war schlimm”. Er war ebenfalls
zwölf Jahre alt, als er mit der tarefa angefangen hat. Das Wort hat einen portugiesischen Ursprung
und wird in Misiones für die Arbeit auf dem Land, vor allem in der Mateernte, verwendet. Mit Schere
und Säge schlug sich Juan Manuel in die Büsche, um für eine geringe Vergütung am Tag 500
Kilogramm der grünen Blätter zu ernten.

Am Wegesrand sind Matepflanzungen zu sehen, die Winterernte hat begonnen. Nach zwölf Stunden kommen wir in Posadas an. „Hast du yerba für einen Mate?”, fragt mich der tarefero. „Hab’ ich nicht, che”, antworte ich und denke darüber nach, wie paradox dieser Moment doch ist. Misiones empfängt uns mit leichtem Nieselregen und hoher Luftfeuchtigkeit. Alles Grün wirkt hier noch grüner, die Erde ist rot. Sieben Blocks von der Plaza 9 de Julio, dem Stadtzentrum von Posadas, entfernt steht das Instituto Nacional de la Yerba Mate (INYM). Am Eingang weist der Wachmann auf eine schmale Treppe, die in den zweiten Stock führt. Hier erwartet mich eine Beamtin mit Infomaterial über die Aktivitäten des argentinischen Mateinstituts. Mit leiser Stimme, fast flüsternd, erzählt sie, dass das INYM eine autarke Institution und nicht von der Landesregierung abhängig sei. Es bestehe aus zwölf Bereichsleiter *innen,
die die gesamte Produktions kette vertreten: Mühlen, Trocknungs anlagen, Kooperativen, Produzent*innen, tareferos, Industrielle so wie Vertreter*innen der Provinzen Misiones, Corrientes und der Landesregierung.

Kurz nach seinem Amtsantritt Ende 2023 hat Argentiniens Präsident Javier Milei ein Dringlichkeitsdekret unterzeichnet, das dem INYM die Befugnis entzieht, Preise fest – zulegen und die Produktion zu regeln. Im April 2024 erließ das Bundesgericht von Misiones eine einstweili ge Verfügung, die die Funktionen des Instituts vorübergehend wieder – herstellte. Aber weil die Regierung keine neuen Vertreter*innen benannt hat, befindet sich das INYM seitdem in einem Schwebezustand, kopflos und seiner wichtigsten Befugnisse beraubt. In diesem Vakuum erledigt der Markt das Übrige:
Er verschiebt das Gleichgewicht zugunsten derer, die ohnehin schon am meisten Macht haben –
ohne, dass sich für die Verbraucher*innen etwas verbessert. Sie müssen immer noch den gleichen Preis für das Produkt zahlen.

Misiones ist die Provinz mit der bedeutendsten Mateproduktion in Argentinien. In etwa 100 Mühlen werden die Mateblätter von mehr als 13.000 Produzentinnen verarbeitet. Nur fünf dieser Mühlen haben einen Marktanteil von über 60 Prozent und sind damit in einer entscheidenden Position für die Festlegung der Preise. Es ist ein warmer Aprilmorgen und die Stadt ist belebt. Schüler*innen in Schuluniform fluten in der Mittagspause die Straßen. „Spuren, die Geschichte schreiben”, liest man auf der Titelseite der Bien Nuestro, einer Sondernummer, die das INYM 2021 veröffentlichte: „20 Jahre tractorazo”. Als tractorazo wurde eine große Mobilisierung von kleinen und mittleren Produktionsbetrieben bekannt, als die neoliberale Politik der 1990er Jahre zu einer Wirtschaftskrise führte. Daraufhin zogen in den Jahren 2001 und 2002 Demonstrationen zunächst durch Oberá, die zweitgrößte Stadt von Misiones, und später durch die Provinzhauptstadt Posadas. Der Protest führte schließlich zur Gründung des INYM, das sich auf eine lange Tradition der Regulierung des Mateanbaus
beruft. Bereits 1935 war eine erste Mate-Regulierungs komission gegründet worden, die jedoch im Jahr 1991 im Rahmen der neoliberalen Politik von Carlos Menem aufgelöst wurde.

Hugo Sand steht an dem Traktor, mit dem er 2001 und 2002 bei den tractorazos protestiert hat (Foto: Diego Vila)


Eine der charismatischsten und bekanntesten Persönlichkeiten der tractorazos ist der Agraringenieur
Hugo Sand. Gemeinsam mit mehreren Organisationen erstattete er am 18. März 2025
Strafanzeige gegen Milei. Ziel ist es, das argentinische Gesetz über die Gründung des INYM
durchzusetzen, welches das Institut dazu befugt, den Mateanbau zu regulieren und einen Präsidenten
zu ernennen. Mein Weg führt weiter nach Oberá, 100 Kilometer von Posadas entfernt. Ich will aus erster Hand erfahren, wie sich die aktuelle Situation auf Mateproduzent*innen auswirkt.
Der Bus kommt nachmittags in Oberá im Zentrum der Provinz an. 28 Grad und die Luft dick vor Feuchtigkeit. Ich schicke Sand eine Nachricht und er antwortet sofort, er sei auf dem Weg. Sand- helle Augen, langer grauer Bart, die Baskenmütze zur Seite gedreht – fragt nach dem Handschlag:
„Fahren wir zum Hof? Das ist nicht weit.” Wir steigen in einen alten, etwas zerbeulten Lieferwagen
und sind nach zwei Minuten an seinem Haus. Malen’ka, seine Hündin, begrüßt uns. Wir sitzen an einem offenen, funktional gehaltenen und kühlen Ort, an dem der Tee getrocknet wird, den Sand und einer seiner Söhne produzieren. Sand bereitet einen Mate zu und gibt ihn mir.

Seine Familie kam im Jahr 1906 aus Finnland nach Misiones, zunächst in die Region Bonpland und später nach Yerbal Viejo, wo wir uns jetzt befinden. Auf diesem kleinen Landgut haben sie sich 1920 niedergelassen. „Wir haben Matenpflanzen zen, die über 100 Jahre alt sind”, erzählt Sand.
Sand ist sich sicher: Das Landproblem ist eindeutig politisch. Mit seiner Marktflexibilisierung würde Milei argentinische Produzent*innen dazu verpflichten, unter ungünstigen Bedingungen gegen brasilianische und paraguayische Produzentinnen zu konkurrieren. Daten des argen­tinischen Statistik- und Zensusinstituts zufolge haben die Mateimporte aus diesen Ländern im Jahr 2024 gegenüber dem Vorjahr um 80 Prozent zugenommen.
Außerdem hat der argentinische Wirtschaftsminister Luis Caputo die Resolution 170/2021 des INYM außer Kraft gesetzt, erklärt Sand. Sie hatte die Aufnahme neuer Matepflanzungen pro Produzent*in auf fünf Hektar im Jahr begrenzt, um kleine Produktionsbetriebe gegenüber großen Playern zu schützen, die große Flächen bepflanzen können. Die Aufhebung der Regelung öffnet nun ausländischen Investoren die Tür, die Mate als reine Kapitalanlage und Geschäftsmöglichkeit begreifen – ungeachtet dessen, dass der exzessive Anstieg des Angebots die Preise drücken und die 13.500 kleinen und mittleren Matebetriebe in Gefahr bringen würde.
Nachdem wir uns den Hof angeschaut und die agrarökologischen Methoden kennengelernt haben, die dort auf 25 Hektar angewendet werden, kehren wir nach Oberá zurück. Auf dem Weg, auf Höhe der Kreuzung Karabén – symbolträchtiger Ort der tractorazos von 2001 und 2002 – sieht man das Protestcamp der Genossenschaft Movimiento Agrario de Misiones (MAM), zu der Sand gehört. Auf einem Plakat steht: „Faire Preise für Mate“. „Heute bin ich dran mit Campen“, sagt der 68-jährige Agraringenieur.
Es ist 8:15 Uhr morgens, als Salvador Torres, Kleinbauer und Freund von Sand, mich an der Tür der Kathedrale von Oberá abholt. Hupend fährt er mit seinem weißen Ford Fiesta vor. Beim Einsteigen lädt mich Gladis, seine Frau und Beifahrerin, auf einen Mate ein. Torres fährt auf der Fernstraße 14, bis wir auf einen Feldweg abbiegen, auf dem gerade eine Planierraupe arbeitet. „Die Erde ist rot vom Eisenoxid“, sagt Salvador. Uns umgibt eine ländliche Umgebung, hier bestimmen Mate- und andere Teepflanzungen die Landschaft. Im Radio läuft Ramón Ayala: „Wald, Mondnacht, Trauer im Matefeld, die Stille schwingt durch die Einsamkeit …“. „Jedes Mal, wenn wir herkommen, bessern sie den Weg aus”, sagt Gladis und unterbricht die Stimme des „Sängers der roten Erde“.
Wir kommen auf dem Hof von Waldemar Salzweder in der Colonia Yapeqú an. Salzweder kommt uns begrüßen: Kleinbauer, groß, grauhaarig mit hellen Augen. „Mein Vater ist mit 19 Jahren vor dem Krieg aus Deutschland geflohen“, sagt Waldemar. Die Familie baute Tabak und später Mate an. Mit der Zeit beschlossen sie, einen Barbacuá-Trockenplatz zu bauen. Diese Art der Matetrocknung wird gegenüber modernen Rohrtrockn­ungstechniken kaum noch genutzt, weil sie deutlich teurer und langsamer ist. „Was der Alte mit seinen Händen gemacht hat, muss ich schützen, erhalten und weiterführen”, meint Waldemar. „Jeder einzelne hat einen Weg gesucht, die Technik zu erneuern. Man muss ihre Anstrengungen wertschätzen.”

„Los gehts, ich muss die 
Hühner füttern”

Laut Daten des INYM gibt es in der Provinz Misiones noch 52 Barbacuá-Trockenplätze. In der Region Oberá, wo es beispielsweise allein in der Gemeinde Guaraní etwa 50 solcher Plätze gab, stehen heute nur noch acht. „Der Geschmack der yerba ist ein anderer”, versichert Salzweder. „Der Rauch verleiht ihr einen besonderen Geschmack, die Mate ist weicher als die schnell getrocknete.“
Aktuell sind in der Trocknungsanlage fünf Arbeiter tätig, die Erzeugnisse werden an die Mühlen verschiedener Kooperativen verkauft, die die yerba mit dem Barbacuá-Siegel als hochwertiges Produkt auf den Markt bringen. Zu seinen Käufer*innen gehören auch Salvador und Gladis, welche die von Waldemar und anderen Produzentinnen der Region verarbeitete yerba erwerben, um ihre Genossenschaft MAM zu beliefern.
„Los gehts, ich muss die Hühner füttern”, beschleunigt Gladis die Unterhaltung. Nach einem letzten Blick auf das zylindrische Backsteingebäude mit Blechdach verabschieden wir uns von Salzweder und machen uns nach Panambí auf.
20 Minuten später kommen wir bei der Landwirtschaftskooperative Río Paraná an, bei der die Barbacuá-Mate gemahlen wird. Edelmiro, der Vorarbeiter, empfängt uns freundlich. Geduldig erklärt er uns den Mahlprozess von der Ankunft der Säcke vom Trocknen bis hin zur Abfüllung in drei Varianten: grob für tereré (mit Eiswasser aufgegossene Mate, Anm. d. Red.), nur Blätter sowie Blätter und Stiele gemischt.

Der Kampf um faire Preise hat 
in der Region Geschichte

Vom Hunger der Hühner getrieben, verabschieden wir uns von „Miro“ und steigen wieder ins Auto. Auf dem Rückweg nach Oberá deutet Salvador auf den Ort Los Helechos: „Hier kamen die Siedler des Massakers von 36 her.“ Das Massaker von Oberá, das sich am 15. März 1936 ereignete, wurde in der offiziellen Geschichts­schreibung jahrzehntelang verschwiegen – bis die Historikerin Silvia Waskiewicz es mit ihrem gleichnamigen Buch Anfang der 2000er Jahre vor dem Vergessen rettete. Damals wurden 200 bis 500 polnische, russische und ukrainische Siedler von Sicherheitskräften auf brutale Weise angegriffen. „Die Polizei von Oberá schoss wild auf sie los“, titelte La República am 17. März 1936. Es gab zahlreiche Tote – wie viele genau, weiß man nicht – und hunderte Verletzte und Festgenommene. „Die Protestierenden forderten gerechte Preise für ihre Produkte und Lösungen für die Ungleichverteilung von Bodeneigentum“, schreibt Waskiewicz. „Die politischen Machthaber wollten die Siedler ‚diszipli­nieren‘“, hatte Hugo Sand es auf seinem Hof beschrieben.
Am frühen Nachmittag hält Salvador mit seinem Wagen vor dem Sitz der MAM, dicht am Ortskern von Oberá. Gladis steigt aus und kann endlich die Hühner füttern.

Die MAM wurde 1971 gegründet, auch wenn ihre Ursprünge in der christlichen Landjugend der 1960er Jahre liegen, die von der Befreiungstheologie beeinflusst war. Von Oberá aus wuchs die Bewegung schnell. 1974 gab es bereits mehr als 300 Basisgruppen in der ganzen Provinz. Ihre Aktionen führten zu Preisverbesserungen bei der yerba, aber endeten 1976 vorerst abrupt. Nach dem Militärputsch wurden viele Führungspersonen der MAM verfolgt, verhaftet, gefoltert und ermordet. „Es war die Niederschlagung der Bewegung von unten“, hält Salvador fest.
Nach der Rückkehr zur Demokratie begann die MAM eine langsame Umstrukturierung. In den 1990er Jahren trieb sie die Entstehung freier Märkte an, auf denen Erzeuger*innen ihre Produkte direkt in der Stadt verkaufen können – heute mit über 3.000 Standbetreiberinnen. Auch begann die Arbeit nach Prinzipien des gerechten Handels. Die Marke Titrayju – Tierra, Trabajo y Justicia („Land, Arbeit und Gerechtigkeit”) wurde geschaffen, um Direktverkäufe an Verbraucherinnen zu ermöglichen. Was den Zugang zu Land betrifft, so erzielte die MAM als Verteidigerin der „Besetzer“ bedeutende Fortschritte, einige davon erst kürzlich, wie beispielsweise die Enteignung von Land in der Region El Soberbio. Mit dem Versprechen eines Wiedersehens verabschiede ich mich von Salvador und Gladis. Ein paar vergilbte Zeitungen, Barbacuá-Mate und Tee unter den Arm geklemmt, laufe ich die Straße hoch. Einzig die Zikaden und das Echo meiner Schritte auf dem Pflaster unterbrechen die tiefe Stille der Mittagsruhe.

Der Sol del Norte (Busunternehmen, Anm. d. Red.) lässt mich an der Haltestelle Rosinseski in der Gemeinde Guaraní aussteigen. Ana Goldenberg hat mir gesagt, ich solle hier, 20 Minuten entfernt von Oberá, aussteigen: rote Erde, ein Baum mit gelben Blumen und die Fernstraße 14. Nur das Brummen der sporadisch vorbeifahrenden Autos und Lastwagen stört die Ruhe eines sonnigen Morgens.

Sie holt mich in einem Fiat Strada, einem kleinen Pick-up, ab. Wir biegen auf einen huckeligen Weg ab, der von reicher Vegetation und Teepflanzungen umsäumt ist. Ein paar Minuten lang werden wir auf unseren Sitzen durchgerüttelt, dann erreichen wir ein schönes Landhaus, in dem fünf gepflegte Hunde – Mujica, Karú, Gemma, Osa und Samba – und zwei Katzen, Lula und Bagheera, gespannt warten.

Ana Goldenberg ist in der französischsprachigen Schweiz geboren, Tochter von Argentinierinnen und Enkelin eines Schweizer Erfinders, der in Misiones lebte. Die 30-jährige Anthropologin und ihr Partner Damián beschlossen, auf einen Hof zu ziehen, auf dem sie nach den Prinzipien der Agrarökologie yerba und andere Produkte anbauen. Wir setzen uns in ein geräumiges, helles Wohnzimmer mit doppelter Deckenhöhe. Sie bereitet einen Mate zu und reicht ihn mir. „Wusstest du, dass der Matebaum bis zu 15 Meter hoch werden kann?“, fragt sie mich. Bäume diesen Ausmaßes hätte ich mir nicht vorstellen können denke ich, während ich den Mate zurückgebe und beobachte, wie Lula sich an der Fensterbrüstung reckt.
„Die Matepflanze kommt ursprünglich aus feuchten, subtropischen Regionen: Misiones, Corrientes, Paraguay und Brasilien. Sie wächst auf natürliche Weise in den Bergen“, sagt Goldenberg. „Misiones heißt wegen der jesuitischen Missionen so, die mit den Guaraní yerba anbauten.“

Ana Goldenberg baut auf ihrem Hof in Guaraní yerba und andere landwirtschaftliche Produkte an (Foto: Diego Vila)

„Diese Regierung will den Anbau auf kleiner Fläche abschaffen“

Vor einigen Jahren gab das INYM auf den Höfen den Impuls für ein Agroforstmodell, das die Widerstandsfähigkeit gegenüber dem Klimawandel stärken soll. Der Vorschlag bestand darin, einheimische Bäume wie die Röhren-Kassie oder den Pacara-Ohrstöpselbaum zwischen die Mate zu pflanzen, damit diese von deren Schatten, natürlichem Dünger, Frostschutz und anderen Verbesserungen des Ökosystems profitieren können. „Wer den Boden pflegt, pflegt die Pflanze“, ergänzt Goldenberg.

Dahingegen verwandelt der großflächige Anbau in Monokultur mit dem Komplettpaket an Technologie von Maschinen und Dünger den Boden in einen reinen Untergrund und lässt keine natürliche Zusammenarbeit zwischen den Spezies zu. „Diese Regierung will den Anbau auf kleiner Fläche abschaffen“, ist sich Goldenberg sicher. „Ihr Produktivitäts- und Effizienzdiskurs sagt uns ‚Na gut, wenn eure Zahlen nicht stimmen, wechselt doch zu etwas anderem!‘ Und das sagen sie Familien, die seit Generationen yerba anbauen. Was ist mit der kulturellen Frage, der Identität und der Umwelt?“

Kürzlich kam eine Forschungsgruppe des Consejo Nacional de Investigaciones Científicas y Técnicas, der Hauptorganisation für wissen­schaftliche Forschung in Argentinien, in die Region, um die einheimische Fauna in den Matepflanzungen zu untersuchen. Mit Wildtierkameras gelang es ihnen, Wild, Ameisen- und Nasenbären sowie andere Tiere zu entdecken. Das zeigt: Die Matepflanzungen sind nicht nur fruchtbar, sondern voller Leben.

„Gehen wir eine Runde über das Grundstück?“, lädt Ana mich ein. Wir verlassen mit den Hunden das Haus und gehen auf einem Pfad am Rande des 14 Hektar großen Naturwaldes entlang. Während sie auf einige Pilze, Blumen und Blätter zeigt, erzählt Goldenberg: „Mein Urgroßvater Marc Étienne Roulet, den alle Don Esteban nannten, hat die Trockentrommel erfunden, was zu dieser Zeit eine bedeutende technologische Verbesserung bedeutete. Und er ließ die Erfindung nicht patentieren, sondern ging von Genossenschaft zu Genossenschaft, um sein Wissen zu teilen. Ich glaube, dass wir diesen Geist heute, in Zeiten von Individualismus und Leistungsgesellschaft, brauchen“, betont sie.
Zwischen den Metallträgern, die das Blechdach des Terminals von El Alcázar, 125 Kilometer von Oberá entfernt, stützen, gurren Tauben. In den Bäumen des zentralen Platzes sitzen Tukane zwischen den Ästen. Nach vier Stunden des Wartens hält vor dem Terminal endlich das Fahrzeug, auf das ich warte. Am Steuer des modernen weißen Lieferwagens sitzt der Mateunternehmer Mario Paredes, der aus Eldorado gekommen ist, um mich abzuholen.

„Heute ist ein wichtiger Tag”, sagt er nervös, als er die Tür öffnet. „Die Guaraní-Gemeinschaft ist gleich in der Nähe”, fügt er hinzu. Ich steige in den Pick-up, der mit Matesäcken vollgestopft ist, und wir fahren los. Es ist die erste Ernte der eigenen Produktion der Gemeinde.
Paredes hat ein Trocknungsverfahren entwickelt, das er SIS (sistema inverso de secado, „Umkehr- Trocknungssystem”) nennt. Es nutzt viel niedrigere Temperaturen als traditionelle Trocknungsarten, weil nur Blätter und keine Stiele geerntet werden. Auf diese Art und Weise, so der Unternehmer, bleiben die Wirkstoffe der Blätter erhalten. Damit konserviert es die besonderen Eigenschaften der yerba, wie das Vitamin C, und verbessert gleich­zeitig das Verhältnis von Kalzium, Eisen und Magnesium.
„Wir machen nicht nur ökologische, sondern auch biodynamische Landwirtschaft“, meint Paredes. „Deswegen benutzen wir im Prozess kein Holz.“ Auch die Lagerungszeit ist beim SIS-Verfahren anders. Um die Eigenschaften der yerba zu erhalten, ist die Devise: Je frischer die yerba genutzt wird, desto besser ist ihre Qualität. „Wir retten das am besten gehütete Geheimnis der Jesuiten vor ihrer Vertreibung im Jahr 1767”, sagt der Unternehmer.
Wir kommen in Tekoa Perutí an und biegen auf einen Feldweg ein, der neben der Fernstraße 12 auf das 700 Hektar großen Gelände der Guaraní-Gemeinschaft führt. Als wir vorbeifahren, beobachten uns Gruppen von Kindern am Straßenrand. Inmitten der üppigen Vegetation, zu der auch Anbaukulturen wie yerba, Mais, Bohnen, Maniok und Süßkartoffeln gehören, liegen die Häuser des Instituts für Wohnungsbau der Provinz Misiones, die zweisprachige Schule und die Schule für landwirtschaftliche Familien, die weiterführende Schulbildung anbietet.

Als das Fahrzeug anhält, nähern sich mehrere Mitglieder der Gemeinde begeistert, um die Säcke mit yerba auszuladen. Vorsichtig legen sie sie vor einer Gruppe von etwa 50 Personen nieder, die auf sie warten.
Aguyjevete”, grüßt Paredes und hebt seine Hände inmitten des Menschenkreises. Ich tue es ihm nach, wiederhole den Gruß auf Mbya Guaraní und spüre die neugierigen Blicke der Anwesenden.
Laut Daten des Regionalmuseums Aníbal Cambas in Posadas von 2022 gibt es in der Provinz Misiones 134 Guaraní-Gemeinschaften. Tekoa Perutí ist mit 300 Familien die zweitgrößte.
Dank einer Gruppe von „begeisterten, sozial engagierten Aktivisten“ (Hugo Sand, Raúl Aramendy und Federico Padolsky), der NGO Servicio Evangélico de Diaconía und dem Unternehmen Finca Delfina von Paredes steht eine Guaraní-Gemeinschaft in Misiones zum ersten Mal kurz davor, eine eigene Marke auf den Markt zu bringen: Yerba Mate Perutí. Sobald die rechtlichen Formalitäten geklärt und die drei Finanzierungsphasen abgeschlossen sind, findet der gesamte Produktionsprozess auf Guaraní-Land statt.
Nach ein paar Worten – sowohl von juru’a (weißen Personen) als auch von Guaraní – gibt es eine Taufzeremonie für die yerba in Form einer Segnung. Der Geiger Bernardino Cabrera tritt vor und spielt eine ruhige Melodie. Dann schließen sich die Autoritäten der Gemeinde an – der cacique Cristian Cabrera, Ezequiel Núñez, Jacinto Rodríguez – und schließlich alle anderen Anwesenden. Mit kleinen Schritten tanzen sie um die Beutel mit ka’a (yerba) herum. Die spirituelle Führerin Hilda Benítez reinigt die Beutel mit dem dichten Rauch ihrer Pfeife, die mit Tabakblättern aus dem Wald gefüllt ist. „Heute ist ein sehr besonderer Tag für die Mbya Guaraní-Gemeinschaft”, sagt Cristian Cabrera. „Wir beginnen, unser eigenes ka’a zurückzugewinnen, das medizinische und spirituelle Eigenschaften hat. Wir werden anfangen, unsere eigene yerba zu konsumieren und unsere kleine Pflanze zu schätzen.” Celene Cabrera, Cabreras Nichte, ist sich der Bedeutung dieses Projekts bewusst, weiß aber vor allem, dass es ein langer Prozess sein wird. „Warum sollten wir rennen, wenn wir noch nicht einmal laufen?“, sagt die 19-Jährige.





Hola!

Wenn Dir gefällt, was du hier liest, dann unterstütze unsere ehrenamtliche Redaktion doch mit einem Abo! Das gibt's schon ab 29,50 Euro im Jahr. Oder lass uns eine Spende da! Egal ob einmalig 5 Euro oder eine monatliche Dauerspende – alles hilft, die LN weiter zu erhalten, Gracias ❤️

Ähnliche Themen

Newsletter abonnieren