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Der Fall der Xukuru

Es mag friedlich wirken, doch der Schein trügt. Die brasilianische Kleinstadt Pesqueira liegt im Inland des Bundesstaates Pernambuco. Ein paar Kirchen zieren das Zentrum, Samstags ist Wochenmarkt. Ansonsten herrschen trockene Hitze und eintöniger Alltag. Man gibt sich zufrieden. Doch der Landkreis Pesqueira ist Austragungsort einer der wohl langwierigsten und umfassensten Landkonflikte Nordostbrasiliens. Es geht um 27.000 Hektar Land der Xukuru de Ororubá, einer von neun indigenen Gemeinschaften in Pernambuco.

„Verschlungenes“ Land

Das Büro von CIMI in Recife, Hauptstadt Pernambucos. CIMI (Conselho Indigenista Missionário) begleitet seit Jahren den Prozess der Xukuru um ihr Land. Die Territorien der etwa 8000 Mitglieder zählenden Gemeinschaft wurden bereits Anfang der 90er Jahre von INCRA, der brasilianischen Agrarreformbehörde, als indigen demarkiert. Heute sind 60 Prozent offiziell den Xukuru übertragen. „Die Zahlen mögen beeindrucken“, erklärt Sandro Lôbo, Anwalt bei CIMI, „doch dahinter steht ein langer und von Gewalt geprägter Kampf der Xukuru für ihre Rechte. Zudem kommt es noch immer zu Grenzverletzungen seitens ortsansässiger Großgrundbesitzer.“ Und davon gibt es viele. 1990, als der Kampf der Xukuru begann, hatten 281 Fremdinvasoren 94 Prozent der indigenen Ländereien unter Beschlag, darunter viele regionale PolitikerInnen. Um zu verhindern, dass ihr Land vollständig „verschlungen“ wird, initiierten die Xukuru eine Reihe von Rückeroberungen, beginnend mit Pedra D`Agua, dem spirituellen Zentrum unter den insgesamt 25 Dörfern. Angeführt wurde die Bewegung vom Kaziken Francisco de Assis Araújo, genannt Chicão. Nicht ohne Folgen: Der Hass der GroßgrundbesitzerInnen entlud sich am 20. Mai 1998 in dem Mord an dem landesweit anerkannten Indiígena-Führer.

„Mataram nosso amigo“

„Sie haben unseren Freund umgebracht.“ Die Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer unter den indigenen Organisationen ganz Brasiliens. Statistisch gesehen gilt Pernambuco als der Bundesstaat mit den meisten Mordfällen durch Schusswaffen. Und auch bei Chicão wurde nicht gespart: Mit sechs Kugeln wurde der 48-Jährige aus unmittelbarer Nähe vor dem Haus seiner Schwester niedergestreckt. Ein Mann verwickelte den Häuptling in ein Gespräch, als sich eine weitere Person in einem Jeep näherte – und abdrückte. „Statt Gerechtigkeit und Aufklärung der Tat gab es einen Haufen Lügen“, macht Lôbo klar, „dabei war Chicão bereits das dritte Todesopfer.“ Unter ihnen ein Anwalt der staatlichen Indigenen-Behörde FUNAI, der sich zwecks Landvermessung bei den Xukuru aufhielt. Keiner der Täter ist bis heute verurteilt worden. Der Fall, für die Xukuru ein traumatisches Erlebnis, schlug Wellen. Selbst Brasiliens Staatsoberhaupt Luiz Inácio Lula da Silva, damals noch Ehrenpräsident der Arbeiterpartei PT, machte der indigenen Gemeinschaft einen Kondolenzbesuch. Amnesty International bezeichnete die Ermordung des Xukuru als “Beispiel für das Scheitern der brasilianischen Regierung, deren Verfassungspflicht der Schutz der indigenen Völker wäre”. Die Gegner der Xukuru beeindruckte dies wenig: Im August 2001 starb mit Chico Quelé ein weiterer Xukuru – und auch er sollte nicht das letzte Opfer in der Kette der Anschläge sein.

Vernetzter Widerstand

Heute gilt Chicão weit über die regionalen Grenzen hinweg als Mythos – aber nicht nur das. „Seine integrative Arbeit zwischen den indigenen Gemeinschaften des Nordostens hat Strukturen geschaffen, die bis heute fortwirken“, verdeutlicht Lôbo. So war Chicão maßgeblich an der Gründung von APOINME beteiligt – einem Zusammenschluss der indigenen Völker des Nordostens, Minas Gerais und Espirito Santos. Insgesamt vertritt APOINME über 40 Völker aus den nordöstlichen Bundesstaaten, die über die Organisation ihre Forderungen artikulieren und ihre Zusammenarbeit bestärken. „APOINME ist ein wichtiges Instrument hinsichtlich der desolaten Lage der indigenen Gemeinschaften Nordostbrasiliens“, resümiert Lôbo. Von den insgesamt 72 indigenen Territorien der Region wurden bis heute erst 19 offiziell rückübertragen – das entspricht 26 Prozent. Der Rest befindet sich in langwierigen und stockenden Demarkierungs- und Regularisierungsprozessen der brasilianischen Justiz. Auf die Frage, ob die Indigenen mit der Landlosenbewegung MST zusammenarbeiten würden, antwortet Lôbo ausweichend, hält aber eine Kooperation für „durchaus wünschenswert“.

Das Erbe Chicãos

Eine der wichtigsten Errungenschaften Chicãos ist es, politisches Bewusstsein geschaffen zu haben. Sein Sohn Marcos Luidson ist es, der heute den Landkampf engagiert weiterführt. Seither reißen die Morddrohungen gegen den Mitte 20-Jährigen nicht ab. Mit Hilfe von CIMI und anderen Menschenrechtsorganisationen beantragte Marcos Luidson bereits Ende 2002 die Bereitstellung von Schutzmaßnahmen für sein Leben bei der Internationalen Menschenrechtskommission der Organisation Amerikanischer Staaten (OAS) – mit Erfolg. Doch obwohl explizit von der OAS dazu aufgefordert, hat es der brasilianische Staat bisher versäumt, entsprechende Vorkehrungen zu treffen. Im Gegenteil: Kürzlich entging Marcos Luidson nur knapp einem Mordversuch. Während er den ihm gewidmeten Schüssen entkommen konnte, hatten seine zwei Begleiter weniger Glück und starben. Bisher gab es keine Aufklärung der Tat seitens der Bundespolizei Pernambucos – dieselbe Instanz, die eigentlich Schutzmaßnahmen für Marcos Luidson zu treffen hätte. Trotz Repressionen macht dieser weiter mobil. Jüngst nahmen VertreterInnen der Xukuru am „Schrei der Ausgestoßenen“ in Recife teil, einer kritischen Parallelveranstaltung zu den offiziellen Feierlichkeiten des Unabhängigkeitstages von Brasilien am 7. September. Ihr Foto landete prompt auf dem Titelblatt der örtlichen Tageszeitung. Die Xukuru hatten den Demonstrationsmarsch angeführt.

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