Der feministische Kampf um das Land
Die Landlosenbewegung auf ihrem Weg zur Befreiung

Im Nordwesten von São Paulo, der größten Metropole Lateinamerikas, befindet sich ein Camp der MST. Anfang der 2000er Jahre besetzten Arbeiter*innen das Grundstück, das als Mülldeponie vorgesehen war. 2002 wurde die Comuna da Terra Irmã Alberta (Landkommune Irmã Alberta) gegründet. Dort leiten Frauen die politische Diskussion und die Aktivitäten im Zusammenhang mit der Agrarökologie – einer Anbaumethode, die auf dem Respekt vor der Erde basiert und biologische Lebensmittel ohne den Einsatz von Pestiziden produziert.
Ich weiß, dass Irmã Alberta ein spezifisches Beispiel ist und seine Besonderheiten hat. Denn es ist eine agroökologische Kommune in einem städtischen Kontext. Trotzdem kann man anhand dieser Erfahrung verstehen, wie andere Lager der MST funktionieren und vor allem, welche Rolle Frauen innerhalb der Bewegung einnehmen.
Ich war im März 2024 dort und hörte die Geschichte von vier Frauen. In einem unserer ersten Gespräche sagte mir Joselene Araújo Santana: „Die Entscheidungen werden von Frauen getroffen. Die Männer kommen eher zum Zuhören, und die Frauen machen die Arbeit.“
Frauen treffen nicht nur die politischen Entschedungen in diesem Gebiet, sie packen auch an und arbeiten beim Aufbau ihrer Agroforstwirtschaft. Für Íris Filomena Santos da Rocha „ist es schon Freiheit, wenn man auf einer solchen Plantage arbeitet. Man kann tun, was man will, und wie man es will“. Sie fühlt sich in diesem Gebiet als Frau und als Arbeiterin so frei, dass sie nicht wüsste, was sie tun sollte, wenn sie von dort vertrieben würde.
Denn, seit 2023 droht dem Lager die Räumung durch die privatisierte Wasserversorgungsgesellschaft des Bundesstaates São Paulo (SABESP). Es besteht die Gefahr, dass das Camp erneut zu einer Müllhalde umgewandelt wird. Laut Silvana „ist die einzige rechtliche Garantie, die wir noch haben, ein Schreiben der ehemaligen SABESP-Geschäftsführung, in dem uns zugesichert wird, dass wir bis zum Abschluss eines langwierigen Verfahrens, das nur aufgrund unserer Maßnahmen zur Erhaltung und zum gesunden Anbau von Lebensmitteln aktiv ist, in dem Gebiet bleiben dürfen“.
Vor Ort übernehmen die Frauen nicht nur Führungsaufgaben, sondern sind auch füreinander da. Es gibt ein Netzwerk der Solidarität unter Frauen. Joselene, bekannt als Jô, erzählte mir, wie sich die Frauen im Lager gegenseitig in Fällen von Sexismus und häuslicher Gewalt unterstützen, indem sie die Täter anzeigen, ihre Genossinnen beraten und ihnen eine Unterkunft bieten.
Für diese Frauen geht die feministische Befreiung nicht nur von der Erkenntnis aus, dass sie die Hälfte der Arbeiter*innenklasse ausmachen und Führungspositionen und kollektive Fürsorge verdienen. Sie geht auch von einer Mystik der Erde aus: „Die Erde ist weiblich, die Erde ist eine FraUnd diese Frau zu befreien, bedeutet auch, uns zu befreien”, erzählte Silvana Bezerra da Silva, während sie ihre Tochter auf dem Arm hielt, ihr jüngstes Ergebnis der Hoffnung, wie sie mir sagte.
Es ist jedoch auch wichtig zu betonen, dass für Maria Alves da Silva, Silvanas Mutter, nicht allein die Tatsache, dass Frauen in der Landwirtschaft und in politischen Führungspositionen tätig sind, Männern das Recht gibt, sich von ihren Aufgaben zu trennen: „Nein. Wir wollen aufmerksame und fähige Männer“, damit Frauen und Männer gemeinsam für Land und soziale Gerechtigkeit kämpfen können.
Jetzt, fast zwei Jahre später, habe ich Maria und Silvana erneut kontaktiert. Ich hatte bereits die ganze feministische Kraft verstanden, welche die Frauen der MST repräsentieren. Aber ich wollte ihre Haltung gegenüber dem 8. März verstehen. Mit anderen Worten: Was bedeutet der Internationale Frauentag für sie?
Erst 1998 wurde neben zehn weiteren Sektionen der MST auch der Bereich Gender gegründet
Kurz gesagt, sehr viel. Nicht zuletzt, weil die MST auf einer feministischen Vision gegründet wurde. Aber erst 1998 wurde neben zehn weiteren Sektionen der MST auch der Bereich Gender gegründet. Von da an wurde beispielsweise festgelegt, dass die Hälfte aller Posten von Frauen besetzt, Ländereien auf ihren Namen laufen und dass es spezifische Förderprogramme für sie geben sollte: wie Kinderkreise, die die Betreuung der Kinder gewährleisten, Mütter entlasten und ihnen ermöglichen, zu arbeiten und politisch aktiv zu sein. Von da an wurde noch stärker gefördert, dass Frauen auch Führungspositionen übernehmen. „Frauen verbinden den feministischen Kampf mit dem Kampf auf dem Land, dem Kampf um Land. Sie nehmen nicht nur teil, sondern sind Protagonistinnen dieser Erzählungen. Es sind Frauen, die sich aktiv an der Führung beteiligen”, sagte Silvana. Maria fügte hinzu: „In die MST kommen Frauen, um für die Besetzung des Landes und den feministischen Kampf zu kämpfen.” Für sie geschieht dies jederzeit auf organische Weise, auch weil die Frauen stets aufmerksam auf Meldungen über Gewalt in der Region reagieren und sich aktiv für die Bekämpfung von Femiziden einsetzen – indem sie die Polizei und die zuständigen Behörden informieren. Darüber hinaus bieten sie auch Fortbildungen für Familien an, um das Bewusstsein für die Bekämpfung von Gewalt, Sexismus und Ungleichheiten zu schärfen.
„In die MST kommen Frauen, um für die Besetzung des Landes und den feministischen Kampf zu kämpfen.”
Für Silvana ist der 8. März ein historischer Meilenstein im Kampf der Frauen, der nicht aus dem Tagesprogramm verschwinden darf und sich auch an den anderen 364 Tagen des Jahres widerspiegeln sollte. Sie glaubt, dass der 8. März die Genossinnen an die Existenz der Geschlechterunterdrückung erinnern soll und dass man nicht an Klassengleichheit denken kann, ohne an die Gleichheit der Arbeitsteilung und die Rechte der Frauen zu denken.
Maria und Silvana sagten mir auch, dass der feministische Kampf in der MST nicht nur intersektional, sondern internationalistisch sein muss. „Wir als Arbeiterklasse haben die Vepflichtung, uns mit anderen Frauen aus verschiedenen Teilen der Welt zu verbünden, insbesondere mit lateinamerikanischen und karibischen Frauen.”
Silvana sagte, dass die Frauen von Irmã Alberta „ein Netzwerk der Solidarität, der Schwesternschaft, der aktiven Beteiligung, der Erstellung von Narrativen, die sich beteiligen und die auch den Kampf der Frauen Lateinamerikas widerspiegeln“ aufbauen. Mit anderen Worten, dass der Kampf von Irmã Alberta von einem Mikrobereich ausgeht, der sich auf einen lateinamerikanischen Makrobereich auswirkt. „Wenn wir über die Unterdrückung sprechen, die Frauen, vor allem schwarze Frauen, in ganz Lateinamerika erleben, sprechen wir auch über uns, über unser Territorium.” Um den wilden Kapitalismus zu bekämpfen, forderte Maria, müssen die Kämpfe vereint und intersektional sein. „Es muss ein Kampf aller Völker sein!”



