«

»

Artikel drucken

Der Geschmack des schwarzen Salzes

Einer von ihnen, eine Unaufmerksamkeit der Galeerensträflinge ausnutzend, wendet seine Seele zum Meer, er springt hinein. Ein anderer ist abgestumpft, sein Leib hat Wiese Fluss Feuer verloren. Einer stirbt in seinem Dung, den er im allgemeinen Gestank verzehrte. Einer hier weiss, dass seine Frau in der Nähe angekettet ist: er sieht sie nicht, hört nur wie sie schwächer wird. Und Einer weiss, seine Frau ist dort drüben an das Holz eines Sklavenschiffs gefesselt – er sieht sie nicht, hört aber, wie es ablegt. Einem anderen hat der Gurt eine Rippe gebrochen, aber der Matrose wird bestraft, dass er nicht sorgsamer mit der Beute umging. Und Einer wird auf die Brücke geführt, einmal pro Woche, damit die Beine nicht verfaulen. Einer will nicht laufen, schon unbeweglich in seinem Tod, sie lassen ihn auf dem Feuerblech tanzen. Einer wartet, bis er vergeht, er weigert sich das in Salzwasser getauchte Brot zu essen: aber sie bieten ihm dieses Brot oder rotglühendes Eisen an, er kann wählen. Einer endlich verschluckt schließlich seine Zunge, erstickt reglos in seinem roten Geifer. All das wird mit einem gelehrten Namen benannt, den ich nicht mehr erinnere, aber von dem die Tiefen des Meers seit jener Zeit Kenntnis haben, ohne Zweifel.“ (Aus: „Der Sklavenhandel“)
So beschreibt der Dichter und Romancier Édouard Glissant die Überfahrt der gefangenen afrikanischen Sklaven auf dem Schiff nach Amerika. Die Erfahrung der sogenannten Middle Passage ist grundlegend für weite Teile der Bevölkerung Lateinamerikas und in besonderem Maße für den karibischen Raum, wo Édouard Glissants 1928 auf der Insel Martinique geboren wurde.
Schwarzes Salz heißt die Auswahl aus seinen poetischen Werken von 1947 bis 1991, die kürzlich im Wunderhorn Verlag in einer zweisprachigen Ausgabe auf französisch und deutsch erschien.

Wirkliches Land

Schon der Titel deutet auf die Thematik hin: in dem Oxymoron schwingt das schwarze Drama der Afrikaner mit, die in die Diaspora verschleppt wurden. Ein weiteres Thema ist die creolité, das Zusammentreffen verschiedener Kulturen, die Kontaktzone, in der diese Kulturen aufeinander prallen, sich vermischen, und trotzdem niemals ganz zu einer Einheit werden.
Vor allem in seinen frühen Gedichten konzentriert sich Glissant auf seine Heimat Martinique, die als Teil der Karibik zu einem geographischen Raum gehört, der seit Jahrhunderten fremd bestimmt ist.
Im Laufe der Kolonialisierung durch Frankreich wurde die ursprüngliche indigene Bevölkerung auf Martinique fast vollständig vernichtet. Um Zuckerrohr in großem Stil anzubauen, importierte Frankreich im 17. Jahrhundert afrikanische Sklaven, die dann in Plantagenwirtschaft für die weiße Pflanzeraristokratie arbeiteten. Auf den karibischen Inseln war das System der Sklaverei besonders hart. Die aufgebrochene Inselkette war leicht zu beherrschendes Gebiet, und es gab für die Sklaven kaum Möglichkeiten, außerhalb der Plantagen zu überleben oder den Inseln zu entfliehen. Man konnte nur als Herr oder als Diener existieren.
Die heutige Gesellschaft von Martinique setzt sich aus den Nachkommen afrikanischer Sklaven zusammen. Glissant beschreibt den charakteristischen Raum seiner Insel, mit ihren Vulkanen, der tropischen Pflanzenwelt und dem alles umgebenden Meer. Literarisch erforscht er die Geschichte des Landes und der Menschen von Martinique. Immer wieder taucht in seiner Poesie das Motiv der Frau auf, der Gewalt angetan wird. Sie erscheint als Sinnbild für die kolonisierte Insel und für eine Zivilisation von Ausgesiedelten.

Geträumtes Land

Durch die Verschleppung und Sklaverei wurde die entwurzelte Gesellschaft praktisch ihrer Geschichte beraubt. Alles was von der ursprünglichen Kultur übrig blieb, sind die oralen Überlieferungen von Afrika. Glissant bearbeitet diese Mythen, allerdings immer im karibischen Kontext. Er erfindet sie neu, auf der Suche nach einer kreolischen, oder noch genauer, einer antillischen Identität. In seinen Gedichten ist Afrika niemals der Kontinent, zu dem man eventuell zurückkehren könnte. „Ich sah die ferne Erde, mein Licht.“, schreibt er. „aber sie gehört nur denen, die sie fruchtbar machen; in mir, nicht mich in ihr.“ Der Kontinent gleicht einer wunderbaren Frau, begehrt und verehrt, aber niemals erreichbar. Afrika ist Teil einer traumhafte Erinnerung an die Vergangenheit und mythisches Herkunftsland der Kulturwelt und des Imaginären der Antillen.

Sprache als Widerstand

Glissants Gedichte sind nicht leicht zu lesen. Der Martiniquaner steht in der Tradition mündlicher Berichte und erzählter Poesie, wie sie auch heute noch auf den Antillen gebräuchlich ist. Seine Sprache ist voller Metaphern, oft paradox und mysteriös. Seinen konnotativen, symbolbeladenen Stil nennt Glissant selbst sehr treffend „barock“ oder „opaque“ (dunkel). Frantz Fanon, Autor von Peau noire masques blancs (Schwarze Haut Weiße Masken), der 1925 ebenfalls auf Martinique geboren wurde, stellte fest, dass die Kolonisierung auch die Denkstrukturen und damit die Sprache der Kolonisierten unterwerfe, ein System, das selbst nach der Entkolonisierung weiter wirke. Obwohl die befreiten Menschen versuchen, sich von ihrer kolonialen Vergangenheit zu lösen, werden sie doch immer wieder auf diesen Bezugspunkt zurückgeworfen. Sich eben von dieser kolonisierenden Sprache zu befreien, ist das Anliegen Glissants. Er benutzt das kontinentale Französisch der ehemaligen Herren, weitet es aber aus und verändert es, in dem Versuch eine neue Sprache zu erfinden, um die Welt zu benennen. Die Sprache wird umdefiniert, Normen und Regeln werden gesprengt, Worte werden in einen anderen Zusammenhang gestellt, mit neuen, eigenen Bedeutungen gefüllt. Gerade deshalb wird er als charakterisiert er sich zum postkolonialen Dichter, und so erklärt sich seine vielfältige Rezeption unter den KulturwissenschaftlerInnen.
Als charakteristisch für die Karibik sieht Glissant eine „Abwesenheit von Essenz“ verursacht durch die frühe Ausrottung der Indigenen, durch den kompletten Austausch der Bevölkerung in der Welt des Plantagensystems und die daraus entstehende kreolische Kultur. Diese Konstellation prädestinierte den karibischen Raum als Projektionsfläche und Fantasietheater für Sehnsüchte und Abenteuerlust der alten Welt. So entstanden Klischees wie zum Beispiel das der paradiesischen Inseln mit unzivilisierten und deshalb unschuldigen BewohnerInnen oder die Vorstellung vom lasziven Leben in einer wilden Naturlandschaft, die man heute noch in jedem Reiseprospekt wiederfindet. Andererseits entstanden auch Stereotypen wie der Wilde, dem Kultur und Religion zu seinem eigenen Besten erst nahe gebracht werden müssen, wie beispielsweise dem armen Feitag aus Defoes Robinson Crusoe. Solchen, dem karibischen Raum aufgesetzten Bildern, versucht Edouard Glissant etwas entgegenzusetzen, wie auch viele andere Schriftsteller aus der ehemals kolonisierten Welt. Die Schwierigkeit liegt auf der Hand, aus einem Land heraus zu schreiben, dessen Bevölkerung praktisch ihrer kollektiven Erinnerung, ihrer Geschichte beraubt wurde, und zudem bis heute von Frankreich abhängig ist. Und so zieht sich als Thema das Ringen um die Rede und die Möglichkeit des Sprechens durch Glissants Werk. Immer wieder geht es um die Suche nach Sprache als Träger von Identität

Négritude und antillanité

Aimé Césaire, der große Dichter und Politiker, ebenfalls auf Martinique geboren, beschrieb in seiner Poesie schwarzes Selbstbewusstsein. Mit der négritude entwickelte er einen Weg, die eigene schwarze Identität zu definieren und vor allem zu schätzen. In einer Neu- und Aufwertung der afrikanischen Kultur, stellte er das gemeinsame Erbe der Schwarzen auf der ganzen Welt heraus, sowohl der Nachkommen der Sklaven in der Diaspora, als auch der kolonisierten und ausgebeuteten AfrikanerInnen. Die négritude war sehr prägend für viele martiniquanische DichterInnen und SchriftstellerInnen. Doch Édouard Glissant ging schon recht früh einen eigenen Weg. Zwar unterstützte er als Student noch aktiv den politischen Wahlkampf Cesairs, doch als sich dieser in den 40er Jahren für den Anschluss Martiniques als Department an Frankreich aussprach, distanzierte sich Glissant von ihm. Fast wie ein Gegenkonzept zur négritude, die sich stark auf die Hautfarbe konzentrierte, entwickelte er in seiner Poesie, wie auch in seinen Romanen und theoretischen Essays eine antillanité, indem er versuchte eine kreolische Identität zu konstruieren, die sich speziell auf die Antillen bezieht.

Das große Chaos

Die letzten Seiten von Schwarzes Salz sind nicht mehr nur Martinique sondern, im Vergleich dazu, der Welt im Zeitalter der Globalisierung gewidmet. Unter den heutigen Lebensbedingungen, mit ständig steigendem Chaosgrad, sieht Glissant eine Wiederhohlung des Chaos aus der Welt der Plantage. Glissant thematisiert die ökonomisch bedingten Migrationen und den daraus folgenden Zusammenprall der Kulturen und der „auf Irrfahrten gesammelten Wörter“. Die Helden seiner letzten Gedichte sind die Obdachlosen aus den Peripherien, die ausgestoßen an den Rändern der Metropolen leben, und gezwungen sind, sich an stetig verschlechternde Lebensbedingungen anzupassen. Im kleinen Zusammenhang der Insel, wie im globalen Ausblick untersucht Glissant chaotische Entwicklungen und Splitterwelten.
Selbst seine Rolle als Dichter definiert Glissant über das Chaos, was dem Leser seiner Gedichte auch durchaus nicht verborgen bleibt: „Was ich feststellen möchte, ist nachgerade eine Notwendigkeit des Chaos beim Schreiben in einer Zeit, in der Chaos das Sein ganz ist.“

Édouard Glissant: Schwarzes Salz, Wunderhorn Verlag, Heidelberg, 2002, 135 Seiten, 19,90 Euro

Permanentlink zu diesem Beitrag: https://lateinamerika-nachrichten.de/artikel/der-geschmack-des-schwarzen-salzes/