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Der goldene Wind Absurdistans

Säufer, ohne Arbeit, ohne Frau, um die Fünfzig und umherirrend inmitten einer Midlife-, wenn nicht gar Ganzlebenskrise, dies alles unter dem vielsagenden Titel „Invierno, mala vida“ (wörtlich: Winter, schlechtes Leben). Klar, mag man sich denken, der typische Held eines dieser Melodramen über Verlust, Einsamkeit, Tod und die übrigen Urängste des Menschen. Ein von Melancholie und Alkohol durchtränktes Spiel um Sein und Nichts, endend im Nichts. Nur eben diesmal nicht im verschneiten Helsinki, sondern vor der grandiosen – ob seiner menschenfeindlichen Ödnis aber nicht minder geeigneten – Winterkulisse Patagoniens. Jener mythische Ort, der doch ohnehin gerne als das „Ende der Welt“ tituliert wird.
Doch mit der Wahl des Titels seines Spielfilm-Debüts wollte der junge argentinische Regisseur Gregorio Cramer wohl bewußt ein wenig in die Irre leiten. „Winterland“ (wie er dann auch frei ins Deutsche übersetzt wurde) ist nämlich nicht im geringsten das schwere Melodram, das er befürchten läßt. Da wäre zunächst der Umstand, daß das Irr- und Suchthema des Films statt in der so tragisch-allumfassenden Version „Mann sucht verzweifelt nach sich und dem Sinn“ in der wesentlich konkreteren, wenn auch nicht gerade handfesten, Variation „Mann sucht goldenes Schaf“ präsentiert wird. Auch hier ist zwar die Identitäts- und Sinnsuche beinhaltet, doch erhält sie einen Rahmen, der Raum läßt für Leichtigkeit und vor allem eines: Humor. Patagonien, durchweht vom goldenen Wind Absurdistans, dies hält die Suche in einer Balance, die zwar schaukelt, aber nicht abdriftet – weder in metaphysische Höhen noch in die Untiefen alkoholbedingter Delirien.
Und entsprechend erklingen hier nicht etwa effektheischende Bandoneonklänge vor den unendlichen Weiten der Landschaft, sondern wird auch musikalisch Balance gehalten. Diego Clemente komponierte für den Film eine unkonventionelle und sehr stimmungsvolle „Naturmusik“ aus choralen Gesängen, verschiedensten Windtönen – geblasen auf bis zu sechzig Flaschen – und einer Percussion mit Steinen. Eine Musik, die sich perfekt in die stürmische Kulisse einfügt.

Die Gans im Bett

Valdivia, eben jener ohne Arbeit, ohne Frau, aber mit Flasche (kantig verkörpert von Ricardo Bartis, ein bekannter argentinischer Theaterschauspieler), lebt in einer bescheidenen Einzimmerwohnung, umgeben von skurrilen Nachbarn, die sich des nachts schon mal eine Gans mit ins Bett nehmen. Doch auch er selbst ist im Schlaf nicht ganz alleine: „Wenn ich die Augen schließe, sehe ich ein goldenes Schaf.“ Traum oder Wirklichkeit, er besaß wohl einmal ein solches, doch ist es ihm irgendwie abhanden gekommen. Gerade macht er sich noch Vorwürfe, nicht einmal ein Schaf hüten zu können, da erreicht ihn der Anruf des mysteriösen Señor Ramenfort. Dieser beauftragt Valdivia, ihm eben ein solches goldenes Schaf zu suchen.
Von der Suche wird Valdivia – wie sollte es anders sein – zunächst von einer Frau abgehalten. Beim unbeholfenen Versuch, ihr Auto aufzubrechen, überrascht ihn die Schwimmlehrerin Marina (Susana Szperling), woraufhin sich eine seltsame und leicht neurotische Beziehung zwischen beiden entwickelt. Deren Höhe- und vorläufiger Endpunkt ist eine turbulente Szene zu dritt: der ohnehin schon schwankend-lallende Valdivia überrascht Marina mit einem anderen im Bett. Im anschließenden Handgemenge wird er mit einem plärrenden Transistorradio niedergestreckt.
Derart gebeutelt, rast Valdivia unter dem programmatischen Titel des dritten Filmkapitels „Die Geschwindigkeit hilft zu vergessen“ – eine Hand am Steuer, die andere an der Flasche – durch das Nirgendwo Patagoniens bis sich die Räder seines alten Gefährts in den Schotter am Straßenrand eingraben. Ein Träumer, der die Einsamkeit vorzieht, um nicht wieder überrascht zu werden. So schließt er die Augen. Doch diesmal erscheint kein fiktives goldenes Schaf, sondern ein sehr realer Polizist in blau. In einer für Valdivias Leben wohl außergewöhnlich konsequenten Kausalkette folgen ein mißglückter Balanceakt auf einem Bein (filmisch absolut geglückt), der Gang ins Gefängnis, die Bekanntschaft mit einem alten Gefängnisinsassen (Miguel Guerberoff) und die gemeinsame Flucht. Der Weg scheint daraufhin frei zu sein für die Suche nach dem Schaf, zumal der unsichtbare Auftraggeber Ramenfort ungeduldig zu werden scheint …

Der Spiegel im Schafspelz

Wie Gregorio Cramer das gemeinsam mit Autor und Freund Matias Oks über mehrere Jahre hinweg erarbeitete Drehbuch umgesetzt hat, zeugt von großem Gespür für behutsames und atmosphärisches Inszenieren. Der Film nimmt sich Zeit für seine Figuren, findet den richtigen Rhythmus und setzt die Landschaft Patagoniens expressiv, aber niemals aufdringlich ein. Und dann dieser alles tragende skurrile Humor: etwa als Valdivia und sein Reisebegleiter vor dem Auto sitzen und das Schaf am Steuer des Wagens, die Nase ans Seitenfenster gedrückt, mit scheinbar spöttischem Grinsen die beiden Trunkenbolde beobacht – eine Art vorgehaltener Spiegel im Schafspelz.
Nur ganz selten taucht ein Moment „echter“ Tristesse auf – dies auch nur, um gleich darauf souverän besiegt zu werden. So sitzen zwei Männer an einer Bar, der eine erzählt dem anderen, daß er nicht nur Arbeit, sondern auch Frau verloren habe. Sodann der Satz: „Sie ging mit allem, dem Kühlschrank, dem Fernsehapparat, meiner Niere, die ihr implantiert wurde …“. Trotz seiner existentiellen Themen des Scheiterns, der Einsamkeit und der „Geworfenheit“ des Menschen gelingt es dem Film daher, Lebenslust zu versprühen – allein dies eine große Leistung. Und die Figuren in ihrer stetigen Bereitschaft, nach dem Fallen wieder aufzustehen, sind nicht nur sympathisch, sie gehen nahe.
Als Valdivia schließlich tatsächlich 80 Pesos für das – gefärbte und ganz und gar nicht goldene – Schaf bekommt und mit dem Geld in der Tasche genüßlich eine Zigarette auf der ramenfortschen Veranda raucht, leuchtet es hinter seinen Augen: Sehnsucht, aber eben nicht der düsteren Art, sondern jene, die sich mit der Erkenntnis der Notwendigkeit des Träumens mit einem Lächeln auf den Lippen vollzieht. Man könnte Valdivia wie am Ende des brasilianischen Wettbewerbssiegers „Central do Brasil“ ein ins Weinen hinein gelachtes „saudade“ (Sehnsucht) in den Mund legen. Doch auch und vielleicht gerade ohne Worte ist dies ein sehr versöhnlicher, schöner Schluß für das Wintermärchen vom „Ende der Welt“.

„Invierno, mala vida“; Regie: Gregorio Cramer; Argentinien/Frankreich 1997; 84 Minuten.

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