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Der „Indigenen-Präsident“

Bolivien ist eines der Länder, wo zurzeit die politische Praxis wichtiger ist als die Theorie“, sagt Walter Prudencio Magne Veliz. Er muss es wissen, schließlich ist er Botschafter des Landes in Deutschland. Magne Veliz eröffnete am 25. März im Leipziger Grassi-Museum die Präsentation der ersten Evo Morales-Biografie, die zur Leipziger Buchmesse erschienen ist. Seine Aussage bezog sich auf die Politik Morales‘, passt aber ebenso gut auf das vorgestellte Buch, das seine Stärken mehr in der Beschreibung der politischen Praxis als in ihrer Analyse hat.
Das erklärt sich auch aus dem Erfahrungshintergrund des Biografen. Muruchi Poma lebt in Leipzig, ist aber selbst Bolivianer und kennt das soziale Umfeld des ehemaligen Bauerngewerkschaftsführers Morales im bolivianischen Hochland ebenso gut wie die Kokaanbauregion Chapare, wo dieser vor seiner Wahl lange gelebt hat. Die szenischen Beschreibungen im Buch bieten eine Schlüsselloch-Perspektive auf den Werdegang des Aymara. Sie lassen sich flüssig und spannend lesen und ergeben eine lebendige Charakterstudie. So erzählt Poma zwei Situationen, die für den politischen Reifungsprozess Morales‘ besonders zentral waren: Als 15-jähriger weckte er eines Nachts seinen älteren, gewerkschaftlich aktiven Cousin Marcial Morales Aima mit den prophetischen Worten: „Ich werde Dein Nachfolger sein!“ Später, nach seinem Umzug aus den Bergen ins tropische Tiefland Boliviens, musste der 22-Jährige miterleben, wie ein Kokabauer von Soldaten lebend verbrannt wurde, weil er sich weigerte, sich selbst des Drogenhandels zu bezichtigen. Dieses Ereignis hat den jungen Morales in seiner Entscheidung für eine politische Laufbahn nachhaltig geprägt.
Poma erklärt den politischen Erfolg Morales’ in Verbindung mit seinen Charaktereigenschaften, die von den kulturellen Werten der indigenen Gesellschaften Boliviens geprägt sind. Für Poma ist das vor allem eine „Politik des Gewissens“, aber auch Ehrlichkeit und Humor. Als Beispiel für diesen besonderen Humor Morales’ erzählt Poma ein Ereignis aus dem Wahlkampf 2002, als Morales’ Partei Movimiento al Socialismo (MAS) überraschend die zweitstärkste Kraft im Land geworden war. Der Kandidat forderte den Botschafter der USA zu einer öffentlichen Debatte auf – mit der Begründung, dass dieser, und nicht der Präsident, Bolivien regiere. Die Debatte kam erwartungsgemäß nicht zustande. Stattdessen begannen die USA, die MAS öffentlich anzugreifen. Das brachte der Partei, die sich eine groß angelegte Wahlkampagne nicht leisten konnte, die nötige Medienaufmerksamkeit – und Sympathie, denn mit derartigen politischen Einmischungsversuchen machen sich die „Gringos“ auch bei weiten Teilen der bolivianischen Bevölkerung unbeliebt.
Bei den folgenden Wahlen 2005 erreichte Morales mit 54 Prozent der WählerInnenstimmen eine absolute Mehrheit. Poma erklärt diesen Triumph vor allem mit der großen Nähe des Kandidaten zu seiner Basis: Anders als 2002 ging er diesmal zahlreiche Bündnisse mit Verbänden und sozialen Bewegungen ein. Er trat mit einem radikalen Zehn-Punkte-Wahlprogramm an, von dem er eine Mehrheit der Bevölkerung überzeugen musste. Poma zufolge ist ihm das vor allem deshalb gelungen, weil er, zusammen mit seinem Vizepräsidenten Alvaro García Linera, kulturell in Teilen der städtischen Mittelschichten, aber eben auch in den wichtigsten indigenen Bevölkerungsschichten Boliviens verankert ist. Seinen Wahlkampf führte er nicht nur in Spanisch sondern auch in den am häufigsten gesprochenen indigenen Sprachen: Aymara und Quechua. Bei einer überdurchschnittlich hohen Wahlbeteiligung konnte er damit 2005 gerade in den indigen und mestizisch dominierten departamentos Mehrheiten für sich gewinnen.

Ungenannte Konfliktfelder

Ist Morales also ein „Mallku“, ein nationaler Häuptling der Indigenen? Sein politischer Konkurrent Felipe Quispe, der diesen Titel bis dato für sich beansprucht hat, würde das bestreiten. Doch nicht nur deshalb greift er Morales aufs Schärfste an – Quispes Vision für Südamerika ist ein Indianerstaat, in dem die Indigenen deutlich mehr Rechte haben als die jetzigen, kreolischen oder spanischstämmigen Oberschichten. Wenn Poma den gemäßigteren Morales also als Indigenisten bezeichnet, ohne die Gegenstände des Konfliktes mit Quispe zu erläutern, ist das missverständlich. Doch Quispes Kritik an „seinem“ Morales, der für ihn schlicht „Evo“ heißt, wird zwar erwähnt, aber nicht benannt. Andere Konfliktfelder wie die teils militanten Proteste der Bergarbeiter, der Autonomisten oder der Landlosenbewegung, tauchen im Buch gar nicht erst auf. Zweihundert Seiten lang feiert Poma den Präsidenten, als gäbe es keine Angriffsfläche. Verteidigen kann er ihn so freilich nicht.
Das Buch ist in einer sehr einfachen Sprache verfasst. Der Verlag begründet das mit dem Argument, man wolle auch ein wenig gebildetes Publikum in Bolivien erreichen. Die Gleichung „einfach gleich verständlich“ geht aber hier leider nicht auf, denn viele Passagen sind durch grammatikalische und stilistische Mängel oder schlichtweg Übersetzungsfehler alles andere als verständlich. Da werden in einem Absatz mehrere komplexe Themen angerissen und gleich wieder fallen gelassen. Der frühere bolivianische Präsident Victor Paz Estenssoro „schuf“ angeblich „den Gewerkschaftsverband der Bergarbeiter ab“, und Eduardo Galeanos berühmte Geschichte Lateinamerikas heißt in der Übertragung plötzlich Die offenen Venen Lateinamerikas, statt Die offenen Adern Lateinamerikas.
Anders als die Kapitel zur Politik oder Landeskunde Boliviens lassen sich die Kapitel, die sich auf den persönlichen Werdegang Morales’ beziehen, gut lesen. Hier passt die skizzenhafte Sprache besser zum Inhalt des Buches. Auch die Passagen, die sich wirtschaftlichen Themen widmen, sind fundiert und für die LeserInnen verständlich geschrieben – an dieser Stelle ist der Wirtschaftswissenschaftler Poma erkennbar in seinem Element. Ein weiteres Plus des Buches ist der Anhang. Die hier abgedruckten Farbfotos übertreffen die Schnappschüsse, die den Hauptteil des Buches illustrieren, deutlich an Qualität. Ein viersprachiges Glossar enthält die meisten Aymara- und Quechuawörter, die im Buch auftauchen.
Am Ende seiner Rede im Leipziger Grassi-Museum sprach der Botschafter Magne Veliz von der Voreingenommenheit der Geschichtsbücher. Pomas Biographie, schloss er, sei „eine Geschichte aus der Perspektive der Indigenen“. Die Geschichte eines Indigenen, möchte man hinzufügen, doch so genau nehmen wir es jetzt schon nicht mehr. Poma hat die Geschichte eines interessanten Mannes verfasst, der die politischen Verhältnisse in Bolivien vom Kopf auf die Füße gestellt hat. Es ist die Erfolgsgeschichte eines Aymara, der sich aufmachte, Präsident zu werden.
Wirklich gut wäre das Buch mit etwas mehr Analyse, kritischer Distanz und etwas weniger sprachlicher Nonchalance geworden. Es hätte eine Biografie daraus werden können, die man mit großem Gewinn hätte lesen wollen.

Muruchi Poma: Evo Morales. Die Biografie. Aus dem Spanischen von Erik Engelhardt, Leipzig 2007, 222 Seiten, 29,90 Euro

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