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„Der Irak ist hier“

Man sieht einen Mann, der mit dem Rücken zur Kamera direkt an einer Mauer steht. Hände umfassen seine Hüften, streicheln seinen Rücken. Ein Liebespaar an der Wand. Plötzlich dreht der Mann sich um, er ist allein. Er selbst hat sich gestreichelt. „So stelle ich mich häufig hin, wenn die Polizei vorbei kommt. Die denken dann, ich wäre ein Liebespaar und lassen mich in Ruhe“, erklärt er.
Dies ist eine Strategie, der Polizei in Rio de Janeiro aus dem Weg zu gehen. Wer in den Favelas wohnt, wird immer wieder mit Gewalt konfrontiert. Und die geht oft von der Polizei aus.
Der Film Von Mauern und Favelas erzählt, wie diese Gewalt funktioniert. Das deutsch-brasilianische Filmteam interviewte dazu WissenschaftlerInnen und VertreterInnen der Zivilgesellschaft, die sich mit dem Problem der Polizeigewalt beschäftigen, aber auch Opfer, die sich gegen die korrupten PolizistInnen wehren und organisieren.
Zum Beispiel die Kriminologin Vera Malaguti Batista: „Die Polizei in Brasilien wurde gegründet um entlaufene Sklaven wieder einzufangen. Sie war also von Beginn an ein Instrument, um den Besitz der weißen Oberschicht zu schützen. Daran hat sich im Prinzip bis heute nichts geändert“, erklärt sie. Die Polizei soll Besitz schützen, nicht Menschenleben.
Offiziell sterben jährlich über tausend Menschen in Rio de Janeiro durch Waffengewalt, die Dunkelziffer liegt wesentlich höher. Sehr viele, wenn nicht sogar die Mehrzahl, sterben durch Kugeln, die aus den Läufen von Polizeipistolen kommen.
„Die Polizeiversion der Morde ist immer gleich: Ein Schwarzer aus der Favela, ein Drogenhändler, übte Widerstand gegen die Staatsgewalt und starb bei einer Schießerei“, erzählt Marcelo Freixo von Justiça Global, einer in Rio de Janeiro ansässigen Menschenrechtsorganisation. „So ist der herrschende Diskurs: Arm, schwarz und aus der Favela – das ist bestimmt ein Drogenhändler! Das ist ein Diskurs, der Armut kriminalisiert“, erklärt er.
Der Film widerlegt den Mythos, dass die Polizei gegen den Drogenhandel kämpft. Vielmehr versucht die Polizei das Geschäft zu kontrollieren.
Ein Jugendlicher, der anonym bleiben möchte, erklärt, wie dies funktioniert: „Die Polizei muss irgendwas vorweisen, einen Toten, der der Öffentlichkeit belegt, dass sie ihren Job machen. Also lassen sie sich von den Drogenhändlern bestechen und töten irgendjemanden aus der Favela. Sie schmeißen eine Waffe und ein Kokainbriefchen zu der Leiche, und fertig ist der Drogenhändler.“
Der Film zeigt, wie Politik, Drogengeschäft und Polizeigewalt Hand in Hand gehen. Diejenigen, die das Geschäft kontrollieren, bleiben im Hintergrund. „Es ist eine Beleidigung des Intellekts, wenn man behauptet, dass einige halbalphabetisierte Jugendliche eines der lukrativsten Geschäfte der Welt organisieren. Sie sollen nur die Drecksarbeit machen und Schuldige liefern!“, meint Marcelo Freixo.
Sehr lebendig zeigt der Film die Atmosphäre in den Favelas. Dazu läuft unter anderem Musik von Rappern aus Rio, die in ihren Texten das Thema des Films behandeln: wie in Rio weiterhin eine Apartheid existiert, die alle Armen und/oder Schwarzen diskriminiert und zu Verbrechern abstempelt.
Die teilweise drastischen Bilder des Films sind sicher nichts für schwache Nerven. Aber vielleicht notwendig, um aufzurütteln, um deutlich zu machen, dass die strukturelle Gewalt in Rio de Janeiro eigentlich ein Bürgerkrieg niedriger Intensität ist. So singt Jorge Aragão am Ende des Films sarkastisch zu relaxten Bossa Nova-Klängen: „Hier ist alles okay, alles okay. Der Irak ist hier. Das Ghetto brennt.“

Von Mauern und Favelas, Polizeigewalt in Rio de Janeiro
Brasilien/Deutschland 2005, 60 Minuten, OmU,
Regie: Susanne Dzeik, Kirsten Wagenschein, Marcio Jeronimo
Der Film ist erhältlich über:
http://akkraak.squat.net

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